FAZ 26.11.2025
11:14 Uhr

Demenz: Enttäuschung bei der Abnehmspritze


Semaglutid: Abnhemspritze hilft nicht bei Alzheimer

Demenz: Enttäuschung bei der Abnehmspritze

Die Abnehmspritzen haben die Medizin revolutioniert. Sie greifen so grundlegend und dabei sicher in den Stoffwechsel ein, dass sie vor vielen verschiedenen Erkrankungen schützen. Ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelt, haben sie in den vergangenen Jahren eine ganze Palette von positiven Nebeneffekten offenbart. So helfen sie übergewichtigen Menschen beim Abnehmen, senken das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sollen sogar gegen Alkoholsucht wirken. In ersten präklinischen Studien war zudem aufgefallen, dass sie auch das Voranschreiten der Alzheimer-Erkrankung zu verlangsamen scheinen. So war in Studien bei Diabetes-Patienten, die ihren Blutzucker mithilfe von Semaglutid niedrig hielten, ein geringeres Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung festgestellt worden. Gegen diese Form der Demenz gibt es erst seit kurzer Zeit überhaupt Wirkstoffe, die das Fortschreiten der Symptome verlangsamen können. Entsprechend groß ist die Hoffnung auf jede neue Substanz, die dem Abbau der Hirnsubstanz etwas entgegenzusetzen verspricht. Der Hersteller des GLP1 Rezeptor-Agonisten Semaglutid (Handelsname Ozempic) hatte deshalb im Jahr 2021 zwei klinische Studien aufgesetzt, Evoke und Evolke+. Beide Studien sind randomisiert und doppelt verblindet, es wissen also weder Arzt noch Patient, ob er den Wirkstoff oder ein Placebo erhält. Somit entsprechen sie dem Goldstandard der Wissenschaft. Es haben mehr als 3800 Personen teilgenommen, die Studien sollten bis in den Herbst 2026 verblindet weitergeführt werden. Doch es kam anders. Ziel war es, herauszufinden, ob Patienten im Frühstadium der Alzheimer-Demenz durch die regelmäßige Einnahme von Semaglutid in Tablettenform weniger kognitive Einschränkungen haben als Patienten, die ein Placebo geschluckt hatten. Anhand eines standardisierten Tests wurden die kognitiven Leistungen aller Studienteilnehmer regelmäßig überprüft. Zudem wurden Untersuchungen des Nervenwassers der Patienten gemacht. So konnte festgestellt werden, ob die für die Alzheimer-Demenz typischen Biomarker weiterhin in ihrem Körper kursierten – oder ob Semaglutid ihre Entstehung dämpfen konnte. Bei der Alzheimer-Demenz wird ein bestimmtes Protein, das Beta-Amyloid, im Gehirn produziert, es lagert sich dann geballt in sogenannten Beta-Amyloid-Plaques an den Hirnzellen ab. Warum das passiert, ist bislang nicht geklärt. Die Plaques führen aber zum Funktionsverlust und zum Absterben der Hirnzellen. Das Vorhandensein von Beta-Amyloid gilt als einer von mehreren Biomarkern für eine Alzheimer-Erkrankung. Medikamenten wie die auch in Europa zugelassenen und in Deutschland verfügbaren Antikörper Lecanemab (Handelsname Leqembi) und Donanemab (Handelsname Kisunla) können die Bildung der Amyloid-Plaques verhindern und bestehende Plaques sogar auflösen. Im Nervenwasser ist das Vorläuferprotein Beta-Amyloid während der Therapie nur noch in geringem Maße nachweisbar. Das Auflösen dieser Plaques bremst bei Alzheimer-Patienten zudem das Voranschreiten der typischen Symptome wie Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen oder Orientierungsschwierigkeiten. Bislang können Patienten diese Antikörper aber, zumindest in der Anfangsphase der Therapie, in Form von Infusionen erhalten. Suche nach weiteren Wirkstoffen Entsprechend groß ist die Hoffnung auf oral eingenommene Wirkstoffe wie das in den beiden Evoke-Studien getestete Semaglutid. In anderen Studien, in denen der Effekt des Wirkstoffs bei Patienten mit Diabetes Typ 2 und solchen mit Adipositas getestet wurde, zeigte sich auch ein positiver Effekt auf die Demenz. Woran genau dieser lag, ob daran, dass entzündliche Prozesse im Körper und Gehirn zurückgefahren wurden, Hirnzellen besser arbeiteten oder das Gehirn besser durchblutet wurde, ist allerdings unklar. Tatsächlich zeigten die Untersuchungen in den Evoke-Studien, dass Semaglutid die Konzentration von Beta-Amyloid senkt. Doch anders als die beiden Antikörper hatte Semaglutid keinen Effekt auf die Symptome der Patienten. Die Semaglutid-Studien werden nun laut einer Pressemitteilung des Herstellers Novo Nordisk aufgrund der fehlenden Wirksamkeit beendet. Nach Angaben des Unternehmens sollen die vollständigen Daten im März kommenden Jahres auf der Alzheimer's Disease and Parkinson's Disease Conference präsentiert werden. Gegenüber dem Science Media Center Deutschland zeigte sich Timo Müller, Direktor des Instituts für Diabetesforschung am Helmholtz-Zentrum in München, wenig überrascht. „Es verwundert mich gar nicht, dass Semaglutid hier keine positiven Effekte auf Alzheimer zeigt, denn Semaglutid vermag nicht die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Es gelangt also gar nicht richtig tief in das Hirn hinein. Dies wurde unter anderem auch von Novo Nordisk schon publiziert.“ Auch Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, verwundert das Ergebnis nicht. Die Wirkmechanismen von Semaglutid zielten primär nicht auf die Prozesse ab, die bei Alzheimer eine Rolle spielen, sagt er. Es sei aber „interessant“, dass es einen Effekt auf die Biomarker der Alzheimer-Erkrankung gegeben habe, ohne dass sich die Symptome verbessert hätten. Semaglutid wirke gut bei Diabetes Typ 2 und Adipositas. „Beides sind Risikofaktoren für die Entwicklung einer Demenz, sodass eine Korrektur dieser Parameter präventiv wirksam sein kann“, sagt Berlit. Derzeit wird eine Reihe von Wirkstoffen gegen Alzheimer getestet. Bislang aber sind nur die beiden Antikörper erfolgreich. Sie markieren die Beta-Amyloid-Proteine, sodass körpereigene Immunzellen sie erkennen und auflösen können. In den vergangenen Jahren sind allerdings auch einige solche Antikörper in klinischen Studien gescheitert. Manche von ihnen konnten wie Semaglutid in den beiden Evoke-Studien die Konzentration der Amyloid-Proteine im Nervenwasser verringern, verbesserten aber die Symptome der Patienten nicht. Entsprechend ist anzunehmen, dass weitere Studien mit den Wirkstoffen der Abnehmspritzen durchgeführt werden. Denn Wissenschaftler gehen davon aus, dass man der komplexen Erkrankung am besten mit vielen verschiedenen Ansätzen etwas entgegensetzen kann.