Fünf Tage nach Donald Trumps Amtseinführung landete ich in New York. Ich rechnete mit Endzeitstimmung – stattdessen: strahlende Sonne, bittere Kälte, Menschenströme zwischen Hochhausschluchten. Noch nie erschien mir die Stadt so unbeeindruckt – und so aus der Zeit gefallen. „Die Zweiflers“ liefen beim New York Jewish Film Festival im Lincoln Center, dieser ehrwürdigen Bastion der Hochkultur, wo einst Leonard Bernstein dirigierte, Ella Fitzgerald sang und Martha Graham tanzte. Ich war mit dem Cast angereist – und mit Gefühlen, die zwischen ungläubigem Staunen und Hochstapelei pendelten. Denn warum sollte sich jemand in New York an einem Sonntag sechs Folgen einer deutschen Serie über ein fiktives Deli im Frankfurter Bahnhofsviertel anschauen? Doch die Leute kamen. Und blieben. Der Kinosaal war ausverkauft. Nach dem Screening kam eine Frau auf mich zu, mit ihrer gesamten Familie im Schlepptau, drei Generationen. Ihr Nachname: Zweifler. Ich hatte mich nicht verhört. Sie hatten über die Serie im Magazin „Variety“ gelesen und waren neugierig geworden. Auch diese Familie stammt, wie die Zweiflers aus unserer Serie, aus Osteuropa. Einige schafften es rechtzeitig in die USA, andere wurden in der Shoah ermordet. Ein Deli hatten sie nie – aber, wie Michelle Zweifler sagte: Ihr Vater hätte eins haben können. Sie selbst wurde Schönheitschirurgin, sagte sie, sie schneide kein Pastrami, sondern Brüste, Arme, Wangen. „Alles außer Nasen“, betonte sie in diesem warmen, breiten Brooklyn-Akzent. Erst später frage ich mich: Warum keine Nasen? Eine technische Entscheidung oder ein Akt jüdischer Selbstbehauptung? Identität, in Scheiben geschnitten. Mit Senf Manchmal sind es nicht die Fakten, die eine Geschichte antreiben oder erst hervorbringen, es ist die Lücke zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein können. In diesem Dazwischen beginnt die Fiktion: Unsere fiktiven Zweiflers hatten es nicht in die USA geschafft. Sie überlebten die Shoah, blieben nach dem Krieg in Deutschland und eröffneten ein Deli in Frankfurt. Sie bauten es auf in den Trümmern der Nachkriegszeit, hielten daran fest wie an einem letzten Stück Vergangenheit, das man essen konnte, das noch ein wenig Identität stiftete. In Scheiben geschnitten. Mit Senf. In Deutschland gab es nie eine echte Deli-Kultur. Keine Pastrami-Tradition, keine Matzeknödelsuppe an der Theke, keine gerahmten Fotos von berühmten Besuchern und Besucherinnen mit fettigen Fingern an den Wänden. Das Deli in unserer Serie ist eine Behauptung. Ein Gedankenexperiment. Eine Projektionsfläche für die Frage: Was wäre, wenn Geschichte nicht nur das ist, was einmal war – sondern auch das, was hätte sein können? Der französische Künstler Christian Boltanski hat aus genau solchen Möglichkeiten eine Kunst gemacht. Seine Installationen mit fotografischen Porträts – oft anonym, oft bis zur Unkenntlichkeit vergrößert oder verblasst – entziehen sich jeder klaren Zuschreibung. Was bleibt, sind Gesichter, die eine Erinnerung exemplifizieren, die sich nicht konserviert, sondern fortschreibt im Kopf des oder der Betrachtenden. In diesem Sinne wird Geschichte zur offenen Erzählung. Sie entsteht nicht durch objektive Fakten, sondern durch subjektive Lektüre. Erfinden, was fehlt Die Zweiflers, wie wir sie erzählen, hat es so nie gegeben. Kein Deli im Bahnhofsviertel, kein jüdischer Familienbetrieb mit eingelegten Gurken und moralischer Komplexität in Scheiben. Alles erfunden. Und trotzdem: Es fühlt sich wahr an. Das Zweifler-Deli ist keine Flucht vor der Geschichte in die Fiktion. Es ist eine Annäherung an Wirklichkeit im Sinne einer Erinnerungsarbeit des Möglichen – und ein Versuch, eine Lücke zu füllen: Wir stellen uns einfach vor, was uns fehlt. Wir erfinden, um uns zu erinnern. Also erfand ich, was mir hier in Deutschland immer gefehlt hatte. Einen Ort der Selbstverständlichkeit und einer des jüdisch-deutschen Selbstverständnisses. Eine Fusion, wie sie andernorts längst existierte – etwa in den USA, wo Pastrami mit Pickles, Bagel mit Lox oder Matze Ball Soup nichts Exotisches sind, sondern Teil der nationalen Esskultur. Mehr noch: Sie sind mit ihr verschmolzen, bis in die Sprache hinein. „Lox“ ist das jiddische Wort für (geräucherten) Lachs. In Deutschland hingegen bleibt diese Verbindung eine Vorstellung, ein Möglichkeitsraum. Das Deli in „Die Zweiflers“ wird dabei zum Entwurf einer kulturellen Vertrautheit, die es so nie gab und die uns dennoch seltsam vertraut erscheint. Der Drehort, „Zum Gemalten Haus“, eine legendäre Apfelweinwirtschaft im Herzen Frankfurts, wird zur Kulisse eines Spiels zwischen Tradition und Fiktion. Ein ikonischer Ort, der seit Generationen in Familienhand geführt wird und tief in der Frankfurter Lokalkultur verwurzelt ist, wird in ein Delikatessengeschäft verwandelt, in dem sich jüdische Geschichte und deutsche Alltagserfahrung auf subtile Weise miteinander verweben. Die Wurst, die serviert wird, ist eine Anspielung auf die legendäre Frankfurter Rindswurst von Gref-Völsing, ein Produkt aus 100 Prozent Rindfleisch, das seit 1894 vor allem in jüdischen Haushalten beliebt war. Send a Salami to Your Boy in the Army Nach dem Screening beim Jewish Film Festival unternehme ich mit dem Cast – Aaron Altaras, Saffron Marni Coomber, Mark Ivanir, Deleila Piasko, Eleanor Reissa – eine Art Pilgerreise durch die echten jüdischen Delis und „appetizing stores“ New Yorks: Katz's, 2nd Avenue Deli, Barney Greengrass, Russ & Daughters. Nicht nur aus kulinarischem Interesse, sondern aus dem Bedürfnis heraus, den Ort zu begreifen, der das ist, was Frankfurt nie wurde – ein Hafen für jüdische Esskultur, für Erinnerung, für ein Gemeinschaftsgefühl, das hier keiner systematischen Verfolgung ausgesetzt war. In den legendären Hallen von Katz's Delicatessen an der Houston Street –Nahversorger seit 1888 und Kultimbiss – stapeln sich nicht nur die Sandwiches, sondern auch die Geschichten. Die Wände sind bedeckt mit Fotos: Politiker, Schauspielerinnen, Boxer, Comedians. Alle mit vollem Mund. „Send a salami to your boy in the army“ steht auf einem Schild über der Theke – ein Slogan aus dem Zweiten Weltkrieg, der bis heute überlebt hat als Symbol patriotischer Verbundenheit. Delis in der Popkultur Delis wie Katz's und „appetizing stores“ wie Russ & Daughters wurden von jüdischen Immigranten aus Osteuropa gegründet, Menschen, die oft mit nichts kamen, außer einem über Generationen geschärften Sinn für Fisch, Fleisch und Fermentation. In der Lower East Side, wo sich Hoffnung und Verzweiflung kreuzten, wurden sie zu sozialen Knotenpunkten – nicht exklusiv religiös, sondern offen, pragmatisch, zutiefst amerikanisch. Gerade darin liegt ihre Magie: Das Deli verknüpfte jüdische Erinnerung mit amerikanischer Verheißung. Ein Ort, an dem sich Trauma und Zukunft zwischen zwei Scheiben Roggen- oder Weißbrot trafen. In der jüdisch-amerikanischen Kultur der letzten Jahrzehnte sind Delis fast so präsent wie Rabbinerwitze. Sie tauchen in Woody-Allen-Filmen auf, in Philip-Roth-Romanen, in den Stand-up-Routinen von Joan Rivers. Sie werden dort zu sozialen Bühnen, auf denen man Witze reißt, Beziehungsprobleme seziert, über das Weltgeschehen lamentiert – und natürlich isst. „Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, schrieb der französische Gourmet, Jurist und Schriftsteller Jean-Anthelme Brillat-Savarin vor 200 Jahren. Essen war immer schon mehr als physiologischer Vorgang mit ebensolchen Folgen. Essen ist Ausdruck einer Lebenshaltung, von Werten, von Herkunft und Zugehörigkeit. Ein Pastrami-Sandwich bei Katz's, zum Beispiel, ist ein solches Statement. Es ist ein kulturelles Ereignis, gelebte Geschichte, und zugleich manifestiert sich darin das Recht auf Gegenwart. Fett, salzig, warm und schonungslos. Es erzählt vom Überleben, vom Ankommen, vom Erinnern. Jeder Bissen ein historischer Fußabdruck, jeder Tropfen Senf ein stiller Schrei: „Wir sind noch da!“ Das Pastrami-Sandwich ist ein Bekenntnis, dick belegt mit dünnen Scheiben gepökelten und geräucherten Rindfleischs. Shoah, Hypochondrie und die Konsistenz von Gefilte Fish Isaac Bashevis Singer, Literaturnobelpreisträger und einer der letzten großen jiddischen Erzähler, soll regelmäßig in der Garden Cafeteria, 165 East Broadway, Ecke Rutgers Street, gesessen und dort seine Geschichten konzipiert haben. In einer Welt, die sich ständig veränderte, war das Café für ihn ein Fixpunkt – ein Ort, an dem Erinnerung nicht verklärt wurde, sondern warmgehalten. Nur ein paar Blocks weiter, im legendären Ratner's an der Delancey Street, speiste der berüchtigte Mafioso Meyer Lansky, dem man dort sogar einen eigenen Hinterraum reservierte – „Lansky's Lounge“. Jerry Seinfeld wiederum machte die Theke zur Bühne der banalen Komik. In seiner Sitcom „Seinfeld“ ist das „Monk's Café“ – basierend auf „Tom's Restaurant“ in der Upper West Side – das Epizentrum sinnloser Gespräche mit tiefer Wahrheit. A show about nothing. Also über alles. Der Witz ist dabei mehr als nur Unterhaltungsform, er ist Überlebensstrategie. Die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, das Absurde zu benennen, das Tragische mit Ironie zu ummanteln, ist tief in der jüdischen Kultur verankert. Im Deli bekommt dieser Humor Raum. Nur wenige andere Orte erlauben es, in einem Atemzug über Shoah, Hypochondrie und die Konsistenz von Gefilte Fish zu sprechen, ohne dass jemand aufsteht und geht. Was Seinfeld und Singer an ihren Tischen zeigen, ist im Kern dasselbe: Wer du bist, zeigt sich nicht in den großen Momenten, sondern darin, was du bestellst und worüber du dich beschwerst. Und diese kleinen, absurden, wunderbaren Alltagsrituale – sie sind es, die Identität stiften, nicht das Pathos. Essen als Code zwischen den Generationen In Deutschland mussten sich die jüdischen Gemeinden nach 1945 überhaupt erst wieder Orte des Lebens schaffen – von Esskultur ganz zu schweigen. Die Ernsthaftigkeit des Erinnerns dominiert. Humor gilt hierzulande oft als respektlos, Kulinarik als nebensächlich. Dabei ist gerade das Essen oft das einzige, was sich zwischen den Generationen wie ein halbwegs stabiler Code übertragen lässt. Sag mir, was du isst... Doch Rituale funktionieren und verbinden eben nur, solange sie praktiziert werden. Es beginnt schleichend. Erst stirbt der letzte Onkel, der noch jiddisch geflucht hat. Dann ist plötzlich niemand mehr da, der weiß, was am Vorabend des Pessachfests auf den Sederteller gehört. Und irgendwann merkt man: Die Geschichten, die einem früher zwischen zwei Gängen erzählt wurden, sind verschwunden. Die persönliche Erfahrung des Holocausts sitzt nicht mehr mit am Küchentisch. Mit den Zeitzeugen stirbt eine Form von Erinnerung, die emotional, körperlich und widersprüchlich war. Was bleibt, ist das, was wir daraus machen. Oder eben nicht. In vielen jüdischen Familien findet diese Auseinandersetzung nicht auf Podien oder in Gedenkstätten statt, sondern in der Küche. Die Frage, ob man das alte Rezept für Gefilte Fish noch hinkriegt. Ob man den Tscholentkocher behalten soll, den eh keiner mehr benutzt. Erinnerung ist plötzlich nicht mehr das, was einem erzählt wird – sie wird zur Entscheidung. Und das ist eine Zumutung. Denn wie erinnert man etwas, das man selbst nie erlebt hat? Wie geht man mit einem Trauma um, das einem vererbt wurde? Die Generation der Enkelkinder – und ja, ich meine auch mich – lebt im Schatten einer Vergangenheit, die sie nie direkt erfahren hat, aber deren Auswirkungen bei jeder Familienfeier, in jeder Wortwahl, in jeder übergriffigen Umarmung mitschwingen. Man hat gelernt, dass gewisse Themen nicht angesprochen werden. Oder dauernd. Dass das Schweigen genauso laut sein kann wie das Reden. Zugehörigkeit als Sehnsucht Und immer wieder das Essen. Was wir essen, ist nicht nur Geschmack, sondern Geschichte. Eine kollektiv überlieferte Sprache aus Gewürzen, Texturen, Tabus und Ritualen. Unsere Mahlzeiten sind Archive. In ihnen steckt alles, was gesagt, verschwiegen und weitergegeben wurde. Jede Zutat ist ein Code: für Herkunft, Traumata, Sehnsüchte. Wer wissen will, woher er kommt, muss essen lernen, wie seine Großmutter gekocht hat. Aber wo führt das hin? Im El Male Rachamim – dem jüdischen Totengebet – wird um einen Ort gebeten: einen Ort der Ruhe, des Friedens, der vollkommenen Zugehörigkeit. Die Seele, so heißt es, möge aufgenommen werden in den Gan Eden, „unter den Flügeln der göttlichen Gegenwart“. Das ist ein Jenseitsversprechen – es ist die Idee, dass jede Seele, gleich wie zerrissen, verfolgt oder entwurzelt sie war, am Ende irgendwo zu Hause sein darf. Aber was, wenn diese Sehnsucht nicht erst mit dem Tod beginnt? Was, wenn wir sie schon als Lebende mit uns tragen – als ständiges Fragen nach dem Ort, an dem wir nichts erklären müssen? An dem wir nicht dulden und geduldet sind, sondern einfach sein dürfen? In einer Welt, in der Zugehörigkeit ständig neu verhandelt wird, in der kulturelle Identität oft entweder zur Ware oder zur Bedrohung wird, wirkt die Vorstellung eines selbstverständlichen Dazugehörens fast schon radikal. Die individuelle Zukunft beginnt mit der Entscheidung, ob man sich zeigen darf – oder verbergen muss. Ob die eigene Geschichte getragen oder verdrängt wird. Und manchmal beginnt sie an einem Ort, an dem einfach jemand sagt: Setz dich. Iss mit uns. Dann lernst du uns kennen. Und umgekehrt. Jüdisches Leben bewegt sich oft im Zwischenraum Man versucht, sich zu verorten – irgendwo zwischen dem Bedürfnis, etwas zu bewahren, und der Angst, sich darin zu verlieren. Zwischen „Erinnerung“ und „Inszenierung“ liegt ein schmaler Grat. Und so tastet man sich vor, oft unbeholfen, mit der vagen Hoffnung, dass irgendetwas davon hängenbleibt. Bei einem selbst. Oder bei denen, die nach einem kommen. Jüdische Identität ist keine Frage des Wohnorts. Sie ist ein emotionales Koordinatensystem mit mehreren Fixsternen. Man kann in Frankfurt leben, in New York denken und in Tel Aviv träumen – oder umgekehrt. Die Idee, dass jüdisches Leben sich an einen einzigen Ort bindet, ist eine untragbare Vorstellung. Dafür war die Geschichte zu oft dagegen. Was früher ein Schicksal war – Flucht, Migration, Entwurzelung -, ist heute manchmal auch eine Entscheidung. Oder zumindest ein Lebensgefühl. Identität wird dabei zu etwas, das man nicht mehr nur erbt, sondern aktiv gestaltet. Und das ist schön, aber auch anstrengend. Denn es verlangt Haltung. Man muss sich entscheiden: Will ich das erzählen? Will ich das zeigen? Will ich das bewahren oder verändern? Und was bedeutet das für meine Beziehung zu der Stadt, in der ich lebe? In Deutschland bewegt sich jüdisches Leben oft im Zwischenraum. Sichtbar und doch zurückhaltend. Stolz, aber auch vorsichtig. Es ist eine Existenz in doppelter Reflexion: über sich selbst und über die Wahrnehmung von außen. Auch die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft blickt hin: mit Anteilnahme, mit Unsicherheit, mit Projektionen – nicht feindlich, nicht zwangsläufig böswillig, aber selten beiläufig. Es darf nicht einfach sein. Es muss etwas bedeuten. Jüdische Identität im Krieg In Israel wiederum ist Jüdischsein keine Zuschreibung – es ist einfach gegeben. Oft widersprüchlich, aber nie erklärungsbedürftig. Und gerade das macht den Ort so faszinierend: Er bietet eine Form der Normalität, die in Berlin oder Paris fast utopisch wirkt. Eine jüdische Gegenwart ohne Fußnote. Aber auch in Israel ist die Identitätsfrage komplexer geworden. Die politische Realität, gesellschaftliche Spannungen, die eigene Geschichte – all das macht das Selbstverständnis nicht einfacher. In New York wiederum, der gefühlt liberalsten Hauptstadt jüdischer Diaspora, wirkte vieles selbstverständlich. Und genau das ist es, was zunehmend ins Rutschen gerät. Die letzten Jahre – nicht zuletzt seit dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 und den Reaktionen darauf – haben gezeigt, dass auch hier die Normalität angreifbarer ist, als sie lange schien. Die einst so stabile jüdisch-amerikanische Identität, wie sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte – bürgerlich, integriert, liberal, humorvoll und selbstironisch – wird heute hinterfragt, von innen wie von außen. „The Golden Age of American Jews Is Ending“, titelte Franklin Foer im „Atlantic“. Foer beschreibt in seinem Text eine stille, aber tiefgreifende Veränderung. Jahrzehntelang war jüdisches Leben in den USA von einem Selbstverständnis geprägt: Man war Amerikaner – und dann Jude. Man war Teil des Landes, seines Fortschritts, seiner Popkultur. Jüdische Namen leuchteten an Broadway-Fassaden, jüdischer Humor füllte Sitcoms, jüdische Intellektuelle prägten das politische Denken. Man gehörte dazu – manchmal sogar so sehr, dass man sich darüber beschwerte, wie unjüdisch alles geworden war. Doch dieses Gefühl von Sicherheit beginnt zu bröckeln. Antisemitismus ist zurück in der Öffentlichkeit – nicht mehr nur als Randphänomen, sondern als virulente, teilweise gewalttätige Realität. Jüdische Gemeinden in den USA sprechen plötzlich von „Schutzmaßnahmen“, wie man sie aus Europa kennt. Und auch an Universitäten, lange als Räume liberaler Offenheit verstanden, geraten jüdische Studierende unter Druck – durch Anfeindungen, Ausgrenzung und eine Rhetorik, die zwischen Israelkritik und antisemitischen Chiffren kaum mehr unterscheidet. Foer nennt das einen Wendepunkt. Er meint aber nicht nur die äußeren Bedrohungen, sondern auch die inneren Verwerfungen. Die jüdisch-amerikanische Identität war lange ein Erfolgsmodell – durch Bildung, Mobilität, kulturellen Einfluss. Doch dieser Erfolg ist nicht frei von Kosten. Viele jüngere jüdische Amerikaner fühlen sich heute entfremdet – von der Religion, von den Institutionen, manchmal sogar von der eigenen Geschichte. Die einst so stabile Synthese aus Universalismus und Partikularität gerät ins Wanken. Antisemitismus ist ein Chamäleon Was, wenn Zugehörigkeit wieder einmal zur Verhandlungssache wird? Diese Frage stellt sich nicht nur in den USA. Antisemitismus ist kein Anachronismus – er ist ein Chamäleon. Rabbi Jonathan Sacks, der frühere britische Oberrabbiner, beschreibt ihn als „mutierendes Virus“: Was im Mittelalter als religiöser Vorwurf begann (\"die Gottesmörder\"), wurde in der Moderne zur rassistischen Ideologie (\"die jüdische Rasse\") und findet heute seine Maskierung in der Israelkritik (\"die zionistische Besatzungsmacht\"). Die Inhalte wechseln, das Muster bleibt: Juden wird das Recht abgesprochen, als gleichberechtigte Kollektive zu existieren. Sacks betont: Antisemitismus beginne bei den Juden, ende aber nie dort – er sei ein Frühindikator für gesellschaftliche Zersetzung. Dass nach dem 7. Oktober nicht Empathie, sondern Aggression wuchs, nicht Solidarität, sondern Misstrauen, ist keine historische Anomalie, sondern die konsequente Fortsetzung eines alten Narrativs im neuen Gewand. Wenn Hass sich tarnt als Moral, wenn Täter zu Opfern erklärt werden und die, die sich wehren, plötzlich erklären müssen, warum sie leben wollen – dann ist nicht nur jüdisches Leben bedroht, sondern das Fundament liberaler Gesellschaft, ob in New York, Tel Aviv, Frankfurt oder Paris. Doch gerade in Deutschland wurde jüdisches Leben immer schon durch das Prisma der Bedrohung wahrgenommen. Sicherheitsdebatten überlagern kulturelle Diskussionen. Und so stellt sich eine unbequeme Parallele her: Das, was jüdische Amerikaner heute erleben, erinnert stark an das, was europäische Juden und vor allem deutsche Juden nie ganz verlassen hat. Die Ahnung, dass Normalität ein Ausnahmezustand war. Und dass Selbstverständlichkeit ein Privileg ist - keineswegs ein Recht. Die vielbeschworene amerikanische Leichtigkeit war nie leicht. Sie war ein Versprechen – und wie alle Versprechen steht sie unter Druck, wenn sich die Welt verändert. Das Dazwischen als Heimat Aber in dieser Beobachtung liegt auch eine Chance. Denn vielleicht ist das Ende eines goldenen Zeitalters nicht das Ende jüdischer Lebendigkeit – sondern ihr Übergang in etwas Neues. Vielleicht liegt die Zukunft in der Bereitschaft, mit den eigenen Widersprüchen zu leben. Nicht indem man sie vereinheitlicht. Sondern indem man die eigene Vielschichtigkeit ernst nimmt, die eigenen Geschichten. Und sie produktiv macht - in Kunst, in Kultur, und ja: in einem gut belegten Sandwich. Vielleicht ist das der eigentliche gemeinsame Nenner: Jüdisches Leben ist überall in Bewegung. Es ist lebendig, weil es sich widerspricht. Weil es nicht ankommt, sondern immer weiter erzählt wird. Ich habe die amerikanischen Jüdinnen und Juden lange bewundert – gerade für die Selbstverständlichkeit, mit der sie jüdisch sein konnten, ohne sich erklären zu müssen. Für ihren Humor, ihr entspanntes Verhältnis zur eigenen Geschichte. Ich dachte: Wir sind noch nicht so weit. Wir sind verkopfter, schwerer, hinterher. Heute denke ich: Wir, die deutschen Juden mit der chronisch angezogenen Handbremse, mit unserem fast schon kunstvoll kultivierten Unbehagen, waren gar nicht hintendran. Vermutlich haben wir sogar eher begriffen, dass Unbehagen kein Ausnahmezustand ist. Sondern der Ausgangspunkt. Dass Erinnerung kein Fundament ist, sondern ein wackeliger Boden. Dass Identität Arbeit bedeutet – nicht Stolz. Und dass das Dazwischen manchmal der ehrlichste Ort ist, an dem man leben kann. Genau dieses konstante Unbehagen ist inzwischen auch mein Zuhause geworden. Ganz so wie in Georg Kreislers Lied „Ich fühl mich nicht zu Hause“: Jetzt heißt es: Tiefgeduckt und missgetraut!Und wer nicht mitmacht, der macht mit.Jetzt wird' ich von der Seite angeschautund krieg symbolisch einen Tritt.Jetzt fühl ich mich zu Hause, zu Hause, zu Hause. Kreisler, der als jüdischer Emigrant vor den Nationalsozialisten floh, kehrte nach dem Krieg nach Wien zurück – in eine Stadt, die ihn einst verstoßen hatte. Sein Lied ist kein Lobgesang, sondern ein Abgesang auf ein Gefühl, das längst beschädigt war. Heimat als Zumutung. Als bittere Pointe. Wer's kennt, erkennt's.
