Als Delcy Rodríguez am Montag vor dem Parlament ihren Eid ablegte, der sie zur Interimspräsidentin Venezuelas machte, gab es eigentlich wenig zu feiern. 48 Stunden zuvor war Staatschef Nicolás Maduro bei einem militärischen Angriff auf die Hauptstadt Caracas festgenommen und außer Landes geschafft worden. Vor ihrem Bruder Jorge stehend, der Vorsitzender des Parlaments ist, hob Rodríguez ihre Hand, drückte ihr Bedauern über „die Entführung unserer Helden“ aus und schwor, ihr Amt „im Namen aller Venezolaner“ auszuführen. Rodríguez war angespannt. Mehrmals während der Zeremonie fingen die Kameras jedoch ein Lächeln ein, das mehr zufrieden als nervös wirkte. Rodríguez ist dort, wo sie immer sein wollte: an der Spitze der Macht. Die Umstände sind zweitrangig. Vielleicht kommen sie der ambitionierten 56 Jahre alten Politikerin, die es innerhalb des venezolanischen Machtapparats ganz nach oben geschafft hat, gar entgegen. Dass Washington einen Machtwechsel in Caracas zu einer von Oppositionspolitikern angeführten Regierung vorerst ausschließt und sich mit dem bisherigen Regime zu arrangieren versucht, hat zunächst einmal praktische Gründe. Laut verschiedenen Berichten, die sich auf Quellen in Washington berufen, soll Präsident Donald Trump ein CIA-Bericht präsentiert worden sein, der zum Schluss kam, dass ranghohe Maduro-Loyalisten, unter ihnen auch Rodríguez, am besten in der Lage wären, die Stabilität in Venezuela im Falle eines Sturzes Maduros aufrechtzuerhalten. Denn das Gewaltmonopol ist weiter in den Händen des Regimes und seiner Anführer. Rodríguez selbst soll Washington dieses Szenario schon zuvor schmackhaft gemacht haben. Eine von ihr und ihrem Bruder angeführte Delegation hatte laut verschiedenen Quellen im vergangenen Jahr das Gespräch mit Vertretern der Trump-Regierung gesucht, um einen Rücktritt Maduros unter Beibehaltung der bestehenden Regierung vorzuschlagen. Washington soll nicht auf den Vorschlag eingegangen sein. Doch nun hat es sich trotzdem so ergeben. Die Präsidentin tut, was die USA von ihr verlangen Rodríguez sei bereit, zu tun, was man von ihr verlange, behauptete Trump kurz nach dem Schlag gegen Venezuela und Maduros Ergreifung. Und fürs Erste scheint er damit recht zu haben. Nachdem Rodríguez zunächst von einer „Barbarei“ gesprochen hatte, gab sie sich nur kurz darauf in ihrer ersten offiziellen Botschaft nach ihrer Regierungsübernahme versöhnlich. Öffentlich wandte sie sich an Trump, den sie aufrief, zusammenzuarbeiten und eine bilaterale Beziehung aufzubauen, die auf „Frieden und Dialog, nicht auf Krieg“ basiert. In ihrer Erklärung forderte sie Washington auf, eine Agenda voranzutreiben, die auf gemeinsame Entwicklung und friedliches Zusammenleben ausgerichtet ist. Ihren Worten folgen nun erste Taten: Am Dienstag sagte Trump, dass die Übergangsregierung in Venezuela zwischen 30 und 50 Millionen Barrel sanktioniertes Öl an die Vereinigten Staaten liefern werde und dass die Einnahmen aus dieser Operation unter seiner Kontrolle bleiben würden. Einen Tag später bestätigte der staatliche venezolanische Ölkonzern PDVSA, dass er mit den Vereinigten Staaten über den Verkauf von Ölkontingenten verhandle. Und am Donnerstag ließ Jorge Rodríguez in einem überraschenden Schritt verlauten, dass die Regierung zusammen mit anderen staatlichen Institutionen beschlossen habe, ab sofort „eine beträchtliche Anzahl von venezolanischen und ausländischen Individuen“ aus der Haft zu entlassen. Die Entscheidung sei einseitig getroffen worden und solle als eine Geste des Friedens verstanden werden. Nie stand das Regime unter so starkem Druck wie jetzt Die Geschwister Rodríguez gelten als pragmatisch und weniger ideologisch als viele ihrer Kampfgefährten im Maduro-Regime. Dieses Image hat jedoch System. Die beiden zählen schon seit Längerem zu den Strategen des Regimes. Eine ihrer Strategien besteht schon seit Jahren darin, in kritischen Momenten auf Kooperation und „Frieden“ zu setzen, um Zeit zu gewinnen. Mehrmals wurde die Opposition auf diese Weise vom Maduro-Regime in ergebnislose Verhandlungen gelockt, gespalten, demobilisiert und schließlich aufs Neue verfolgt – wie eine Katze, die man mit einem Stück Fleisch anlockt, um ihr dann den Stock überzuziehen. Nie stand das Regime jedoch unter so starkem äußerem oder gar militärischem Druck wie jetzt. Doch es wäre naiv zu glauben, hinter dem Einlenken stünde kein Kalkül. Rodríguez hat gelernt, wie man Macht verwaltet. Ihr politischer Aufstieg begann innerhalb des Machtapparats von Hugo Chávez und dessen Nachfolger Maduro. Nach einem Jurastudium, das sie in Paris und in London vertiefte, trat Rodríguez kurz nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Chávez im Jahr 2002 in den Staatsdienst ein. Dort besetzte sie wichtige Posten in verschiedenen Ministerien und war kurzzeitig gar Ministerin des Präsidialamtes. Ihr Aufstieg in die erste Reihe erfolgte jedoch erst unter Maduro, der sie 2014 zuerst zur Kommunikationsministerin, später zur Außenministerin ernannte. Die Jahre außerhalb Venezuelas hatten nicht nur ihre Vorliebe für teure Mode und ihre Fremdsprachenkenntnisse geschärft (sie spricht als eine der wenigen Führungsfiguren des Regimes ansprechend Englisch), sondern auch ihren Horizont außerhalb der Venezuela-Blase. Schon als Außenministerin tastete Rodríguez sich an Trump heran Als Außenministerin Venezuelas vertrat Rodríguez das Regime in einer Phase wachsender internationaler Isolation. Sie zeigte dabei eine Begabung, Konfrontation öffentlich zu inszenieren und hinter verschlossenen Türen Gesprächskanäle offenzuhalten. Schon damals tastete Rodríguez sich an Trump heran. So soll die damalige Außenministerin maßgeblich verantwortlich sein für eine Spende von einer halben Million Dollar im Namen von Citgo Petroleum, einer US-Tochtergesellschaft von PDVSA, für Trumps Amtseinführung im Januar 2017. Im selben Jahr versuchte PDVSA, den damaligen texanischen Kongressabgeordneten Pete Sessions anzuheuern, um ein Treffen mit dem CEO von Exxon Mobil zu vermitteln und den US-Ölkonzern von einer Rückkehr nach Venezuela zu überzeugen. Trump ließ sich nicht beeindrucken und erhöhte – auf Drängen des damaligen Senators Marco Rubio – schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt den Druck auf das Regime in Caracas. Rodríguez jedoch hatte ihre Duftmarke in US-Wirtschafts- und Politikkreisen hinterlassen. Diese sollte noch stärker werden, als Maduro sie 2018 zur Vizepräsidentin und zwei Jahre später zur gleichzeitigen Finanzministerin ernannte. Unter Führungskräften im US-Erdölsektor hat sie einen guten Ruf Rodríguez, die seit 2017 mit dem einflussreichen Privatunternehmer Yussef Abou Nassif Smaili liiert ist, war maßgeblich an der schrittweisen Neujustierung der venezolanischen Wirtschaftspolitik beteiligt. Dazu gehörten die Lockerung staatlicher Preiskontrollen, die Anpassung an die faktische Dollarisierung sowie mehr Raum für den Privatsektor, auch in strategischen Sektoren wie Handel und Erdöl. Ziel war weniger eine strukturelle Reform als die kurzfristige Stabilisierung der Wirtschaft, die kurz vor dem Kollaps gestanden hatte. Rodríguez baute sich in dieser Zeit einen Ruf als Ansprechpartnerin für Unternehmer auf, die Zusagen machen konnte und sie auch einlöste, solange es dem Regime diente. Im US-Erdölsektor wird niemand Rodríguez in aller Öffentlichkeit loben. Doch wie Hans Humes, Chef von Greylock Capital Management und Mitglied des Gläubigerausschusses für Venezuelas Staatsschulden, in einem Interview mit Bloomberg durchblicken ließ, genießt sie unter Führungskräften des Sektors eine ziemliche Achtung. „Wenn Sie jemanden wollen, der unter einigermaßen guten Bedingungen operieren kann, dann suchen Sie die Person, die es schon unter den schlechtesten Bedingungen getan hat“, fasste er zusammen, was in privaten Gesprächen über sie gesagt wird. Rodríguez kennt die internationale Bühne und versteht die Logik der Märkte. Vor allem aber hat sie gelernt, dass Macht in Venezuela weniger aus politischer Legitimität erwächst als aus der Kontrolle über Ressourcen und Institutionen. Sie ist zweifellos pragmatisch. Sie als moderat zu betrachten, sei jedoch ein Fehler, warnte der Soziologe und Venezuela-Kenner David Smilde in verschiedenen Interviews. Smilde sieht sie eher als „moderne Despotin“. Darunter versteht er Autoritäre, die sich nicht vollständig verschließen, sondern einen „wettbewerbsfähigen Autoritarismus“ mit relativ offenen Märkten und einigen demokratischen Räumen aufzubauen versuchen, während sie die Gesellschaft selektiv unterdrücken und den gesamten Apparat des Staates nutzen, um ihre Verbündeten zu belohnen und ihre Feinde zu bestrafen. Maduro nannte Rodríguez eine Tigerin. Für die Opposition ist Rodríguez eine Schlange Für die Opposition ist sie eine Schlange. Die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado bezeichnete Rodríguez in einem Interview mit Fox News als „eine der Hauptarchitektinnen von Folter, Verfolgung, Korruption und Drogenhandel“ im venezolanischen Machtapparat. Sie legte nahe, dass Rodríguez nicht nur Teil des repressiven Systems sei, sondern aktiv an dessen übelsten Praktiken beteiligt war. Auch gegen Rodríguez bestehen umfassende Sanktionen in den Vereinigten Staaten, in der EU und in Kanada wegen ihrer Rolle im Maduro-Regime und mutmaßlicher Menschenrechtsverletzungen. Rodríguez’ Ambitionen und ihr politisches Kalkül reichen nicht aus, um ihr Verhältnis zu Macht und Kontrolle zu erklären. Es ist in ihrem Fall stark biographisch geprägt. Ihr Vater Jorge Antonio Rodríguez war ein linker Aktivist und Gründer der marxistischen Partei Liga Socialista, in der auch Maduro seine politische Karriere begann. 1976 wurde Rodríguez im Zusammenhang mit der Entführung eines amerikanischen Managers festgenommen und starb wenig später in Polizeigewahrsam. Sein Tod ging nach übereinstimmenden Berichten auf Folter und Misshandlungen zurück. Delcy Rodríguez, die damals sieben Jahre alt war, erzählte später, wie der Tod ihres Vaters sie dazu bewogen habe, Jura zu studieren. Sie sprach davon, Gerechtigkeit herstellen zu wollen. Das Erbe ihres Vaters, der nach seinem Tod in einem Gefängnis von Teilen der venezolanischen Linken als revolutionärer Märtyrer verehrt wurde, sollte ihr und ihrem vier Jahre älteren Bruder Jorge, den sie als Vaterfigur bezeichnet, später den Weg in die Politik ebnen. Die Machtübernahme von Chávez im Jahr 1999 verstanden die Geschwister nicht primär als ideologischen Umbruch, sondern als historische Korrektur. „Die bolivarianische Revolution war unsere persönliche Rache“, sagte Rodríguez 2018 in einem Interview. Rivalen und Neider Gerade diese herausgehobene Stellung macht Rodríguez jedoch auch angreifbar. Innerhalb des Regimes gibt es Rivalen und Neider, allen voran der heutige Innen- und Justizminister Diosdado Cabello. Cabello, der großen Einfluss auf den Sicherheits- und Geheimdienstapparat hat, gilt als einer der skrupellosesten Vertreter des Regimes. Die Vereinigten Staaten sehen ihn als Kopf des zur Terrororganisation erklärten „Cartel de los Soles“, eines korrupten Netzwerks innerhalb der Armee und des Staates, das am Kokainhandel durch Venezuela beteiligt ist. Cabello gilt überdies als einer der „Befehlshaber“ über die sogenannten Colectivos, regimetreue paramilitärische Gruppen, die in den Armenvierteln als informelle Ordnungsmacht auftreten und als Mittel der Einschüchterung und politischen Kontrolle genutzt werden. Die Colectivos verfügen über die Fähigkeit, gezielt Unruhe zu stiften, Proteste zu provozieren oder Gewalt eskalieren zu lassen – auch um Rodríguez zu schwächen. Washington erhöht aus diesem Grund nun gezielt den Druck auf Cabello und hat ihm zu verstehen gegeben, dass ihn dasselbe Schicksal wie Maduro ereilen könnte, sollte er sich einer Kooperation verweigern. Die Stabilisierung soll nicht durch einen Hardliner und dessen Schlägertrupps gefährdet werden. Macht basiert in Venezuela nicht nur auf Loyalität, sondern auch auf der gezielten Schwächung von Rivalen – das weiß Rodríguez ebenso wie ihr neuer Ansprechpartner im Weißen Haus.
