FAZ 26.01.2026
17:45 Uhr

Debatte um WM-Boykott: „Aus meiner Sicht ist das jetzt völlig fehl am Platze“


Die Frage nach einem Boykott der Fußball-WM 2026 in den USA sorgt für öffentliche Aufmerksamkeit. Beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga ist sie auch Thema. Die Fußball-Bosse äußern sich.

Debatte um WM-Boykott: „Aus meiner Sicht ist das jetzt völlig fehl am Platze“

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hält Diskussionen über einen WM-Boykott aktuell für unangebracht. „Ich glaube, das ist gar keine große Debatte, weil wir sind – glaube ich – sehr einmütig beim DFB, dass wir diese Debatte zum jetzigen Zeitpunkt für völlig verfehlt halten“, sagte er beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt am Main. Zugleich kritisierte Neuendorf den Vorstoß von DFB-Vizepräsident und St.-Pauli-Clubchef Oke Göttlich, der zuletzt wegen des Verhaltens von Donald Trump mindestens eine Diskussion über den Boykott der Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko ins Spiel gebracht hatte. „Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen so sozusagen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema“, sagte Neuendorf. Beim Neujahrsempfang erneuerte Göttlich seinen Vorstoß. Dieser sei im DFL-Präsidium kritisch aufgenommen worden, sagte er der „Sportschau“. „Ich bin vielleicht anderer Meinung als viele meiner Kollegen. Bin dann aber auch ein Demokrat, der verstehen kann, wenn es am Ende dazu führt, dass mehrheitlich beschlossen wird, dass ein Boykott vielleicht auch nicht das richtige Zeichen des deutschen Fußballs ist“, sagte er weiter. Ligapräsident Hans-Joachim Watzke hatte zuvor ähnliche Worte wie Neuendorf gewählt. „Ich glaube nicht, dass momentan die Zeit reif ist, über so etwas zu diskutieren. Wenn es irgendwann reif sein sollte, werden wir diskutieren, aber aus meiner Sicht ist das jetzt völlig fehl am Platze“, sagte Watzke. Er habe keine „größeren Diskussionen“ zu dieser Thematik vernommen, führte der 1. Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes aus. „Ich habe eine Einzelmeinung irgendwo gelesen.“ Sport muss sich aufs „Fußball spielen“ konzentrieren Dem pflichtete Bayern-Vorstandschef Jan-Christian Dreesen bei. Es seien einzelne Stimmen, die Meinung des DFB sei eindeutig, sagte er. Man habe „in der Vergangenheit noch nie eine WM gesehen, die boykottiert worden wäre“. Dreesen erinnerte an die WM 2018 in Russland, die vier Jahre nach der Annexion der Krim stattgefunden habe. Damals habe die deutsche Nationalmannschaft teilgenommen und er wisse nicht, warum man nicht auch in diesem Jahr am Turnier teilnehmen solle. Der Sport müsse sich auf das „Fußball spielen“ konzentrieren, die Geopolitik werde woanders gemacht. Rund um den Konflikt zwischen den USA und den europäischen Nato-Staaten wegen Donald Trumps Besitzansprüchen auf Grönland hatte es Stimmen aus der Politik gegeben, dass man eine WM-Teilnahme überprüfen müssen. Trumps Vorgehen gegen Einwanderer rief nach den tödlichen Schüssen der US-Einwanderungsbehörde ICE auf einen Krankenpfleger in Minneapolis in den vergangenen Tagen scharfe Kritik hervor. Weitere diskutierte politische Entscheidungen des US-Präsidenten führten noch nicht zu Boykottforderungen, aber warfen Fragen auf. Der DFB-Vizepräsident und St.-Pauli-Klubchef Oke Göttlich forderte zuletzt wegen des Verhaltens von Trump mindestens eine Diskussion über den Boykott der Fußball-WM in den USA, Kanada und Mexiko. Spieler und Verantwortliche aus der Bundesliga äußerten sich in den vergangenen Tagen sehr zurückhaltend. Die beiden Bundesligen haben derweil in der Saison 2024/25 einen Rekordumsatz von 6,33 Milliarden Euro verbucht. Dies gab die DFL bekannt. „In herausfordernden Zeiten setzt der deutsche Profifußball starke Signale“, sagte Ligapräsident Watzke. „Wir können entsprechend selbstbewusst in das WM-Jahr 2026 gehen.“ Damit verbuchte die Dachorganisation der 36 Klubs 461,2 Millionen Euro mehr Erlöse als 2023/24. Der operative Gesamtgewinn lag nach Angaben der DFL bei 271,5 Millionen Euro für die Klubs. Fast 21 Millionen verkaufte Bundesliga-Tickets Das Oberhaus um Rekordmeister FC Bayern München vermeldete mit 5,12 Milliarden erstmals mehr als 5 Milliarden Euro Umsatz, 320,8 Millionen Euro mehr als in der Spielzeit zuvor. Die zweite Liga machte einen Umsatz von 1,21 Milliarden Euro und hatte dabei einen Zuwachs von 13,1 Prozent. Nach den Kennzahlen haben die Vereine und Kapitalgesellschaften dabei besser gewirtschaftet als zuvor: 13 Erst- und 15 Zweitligisten erzielten einen Gewinn, zuvor waren es nur 9 beziehungsweise 8. Das Eigenkapital in der Bundesliga liegt mit 2,17 Milliarden Euro erstmals bei mehr als 2 Milliarden Euro. Unter der Leitung der Geschäftsführer Marc Lenz und Steffen Merkel, die am 1. Juli 2023 dem langjährigen Macher Christian Seifert gefolgt waren, verzeichnete die DFL bei ihrem Wirtschaftsreport weitere Bestmarken. Sie verweist auf fast 1,7 Milliarden Euro, die sie an Steuern und Abgaben an die öffentlichen Haushalte abgab. Zudem waren in der vergangenen Saison mehr als 64.000 Personen im deutschen Profifußball beschäftigt. Auch die fast 21 Millionen Tickets bedeuten einen Höchstwert. Die Rekorderlöse seien „Ausdruck der großen gesellschaftlichen Popularität des Fußballs und zugleich ein wichtiger Baustein für nachhaltige wirtschaftliche Stabilität“, sagte Merkel. Fast jeder dritte Euro der Einnahmen der Klubs stamme aus der Zentralvermarktung der Medienerlöse.