Wenige Stunden nach der Nachricht über den Tod eines Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz lag das vorläufige Obduktionsergebnis vor: Serkan C. starb an einer Hirnblutung infolge erheblicher stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Kopf. Am Montagabend war der Regionalexpress 4131 in Landstuhl losgefahren, der Zug verbindet die Westpfalz mit dem Saarland. Kurz nach dem Verlassen des Bahnhofs Landstuhl fragte Serkan C. laut Ermittlern einen 26 Jahre alten Fahrgast nach seinem Ticket. Es kam zu einem Konflikt, der Mann sollte beim nächsten Halt den Zug verlassen. Nach Angaben des Bahn-Betriebsrats soll C. ausweislich der Videoaufnahmen vorbildlich deeskaliert haben. Der Tatverdächtige habe aber unvermittelt und mehrfach auf den Zugbegleiter mit der Faust eingeschlagen. C. ging zu Boden. Ein Bundeswehrsoldat, der im Zug war, leistete Erste Hilfe. Rettungskräfte konnten den Mann kurz darauf zunächst reanimieren und ins Universitätsklinikum Homburg bringen. Schweigeminuten an Bahnhöfen Der mutmaßliche Täter wurde von der Polizei kurz nach der Tat festgenommen. Es handelt sich um einen griechischen Staatsbürger, der nach eigenen Angaben in Luxemburg lebt. In Deutschland lägen gegen ihn keine polizeilichen Erkenntnisse vor. Am Dienstag wurde gegen ihn Haftbefehl erlassen. Er hat sich bis Redaktionsschluss nicht zur Tat geäußert. Die Nachricht über den Tod von Serkan C. löste in seiner Heimatstadt Ludwigshafen großes Bestürzen aus. Serkan C. war alleinerziehender Vater zweier Kinder im schulpflichtigen Alter. Sein Vater erlitt nach der Nachricht über den Angriff auf seinen Sohn einen leichten Herzinfarkt, wie die Zeitung „Bild“ berichtete, und wurde im Krankenhaus behandelt. Die Familie lebt gemeinsam in einem Haus im Ludwigshafener Stadtteil West. Der Oberbürgermeister der Stadt, Klaus Blettner (CDU), besuchte sie am Mittwochabend, um sein Beileid auszudrücken und Unterstützung anzubieten. „Hier ist ein Mensch, ein Vater, ein Nachbar, ein Mitbürger einfach seiner Arbeit nachgegangen – und kommt dann nicht mehr nach Hause. Das ist schrecklich“, sagte Blettner. An vielen Bahnhöfen bundesweit fanden am Mittwoch Schweigeminuten statt. „Was muss noch passieren, wie viel Leid braucht es noch?“ In der Eisenbahn-Branche rückte die Tat eine schon länger laufende Debatte wieder in den Fokus, ob die vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen in den Zügen ausreichen. Die Eisenbahngewerkschaft EVG findet: nein. „Die Anzahl der Übergriffe auf Beschäftigte bei Bahn und Bus steigt seit Jahren, und die Politik schaut zu“, sagte EVG-Chef Martin Burkert. Jahrelang sei an der Sicherheit von Personal und Fahrgästen gespart worden, in vielen Nahverkehrszügen gebe es nur einen Zugbegleiter, und Sicherheitspersonal fahre fast nie mit. „Die Folgen sieht man jetzt.“ Ähnlich äußert sich die Gewerkschaft Deutscher Lokführer. „Was muss noch passieren – und wie viel Leid braucht es noch –, bis endlich wirksame und konsequente Schutzmaßnahmen für das Zugpersonal umgesetzt werden?“, fragte deren Bundesvorsitzender Mario Reiß. Die Arbeitgeber wiederum verweisen in diesem Zusammenhang auf die spezielle Finanzierung des Schienennahverkehrs in Deutschland. Er werde von Aufgabenträgern vergeben, bestellt und in der Regel mit Regionalisierungsmitteln des Bundes finanziert, erläutert der Verband Mofair, in dem sich die Wettbewerber der Deutschen Bahn (DB) zusammengeschlossen haben. Anders als im Fernverkehr bestreitet die DB in der Region den Verkehr gemeinsam mit zahlreichen Wettbewerbern – Konkurrenten wie Transdev oder Netinera haben DB Regio seit der Bahnreform in den Neunzigerjahren einen großen Teil des Marktes streitig gemacht. Die DB-Tochtergesellschaft kommt nur noch auf einen Marktanteil von knapp 60 Prozent. Die Bahn will nun aber reagieren. Wie die „Bild“-Zeitung am Donnerstag berichtete, wolle sie einen Sicherheitsgipfel einberufen. Teilnehmen sollen Vertreter der Politik, der Gewerkschaften, der Bundespolizei und der Bundesländer. Es soll demnach vor allem um die Finanzierung von Vorhaben gehen, die zur Sicherheit im Bahnverkehr beitragen: mehr Präsenz in Zügen, mehr Überwachungstechnik. Sicherheit kostet Geld Die privaten Bahnen wie auch das Staatsunternehmen Bahn operieren aufgrund der gleichen öffentlichen Ausschreibungen. Darin gebe es unter anderem detaillierte Vorgaben beispielsweise über den Besetzungsgrad von Zügen mit Zugbegleitpersonal, betont Mofair. Die Zeiten, in denen viele Regionalbahnen ganz ohne Schaffner unterwegs waren, gehören laut dem Verband der Vergangenheit an. Klar ist: Mehr Sicherheit kostet Geld, das Bund und Länder zur Verfügung stellen müssten. Die Gewerkschaften richteten die Forderung an die Innen- und Verkehrsminister der Länder, sich des Themas anzunehmen. Der EVG-Vorsitzende Burkert forderte die Einführung von Bodycams für Zugbegleiter und Notfallknöpfe an ihren Handys. Aus dem Betriebsrat der Bahn hieß es, dass es eine Tonaufnahme-Funktion brauche, um das Geschehen im Nachhinein besser nachzuvollziehen. Die Deutsche Bahn zählte im vergangenen Jahr mehr als 3000 Angriffe auf Bahnpersonal. Das seien rund acht pro Tag, teilte ein Sprecher des Konzerns mit. Die Tendenz gegenüber 2024 sei gleichbleibend auf hohem Niveau, die Hälfte der Angriffe betreffe das Zugpersonal im Regionalverkehr. Der Deutsche Richterbund (DRB) lehnte die Forderung von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ab, den Strafrahmen für Taten wie diese zu erweitern. „Der bekannte Reflex in der Politik, das Strafrecht verschärfen zu wollen, ist nachvollziehbar, aber nicht die richtige Antwort. Für Tötungsdelikte sieht das Strafrecht schon heute schwerste Strafen vor“, sagte DRB-Geschäftsführer Sven Rebehn.
