FAZ 30.12.2025
17:48 Uhr

Debatte um Neue Musik: Braucht Kunst Identitätspolitik?


Die Förderung neuer Musik ist im Umbruch. Die Debatte über die Donaueschinger Musiktage spitzt sich zum identitätspolitischen Kulturkampf zu. Es fehlen: Vernunft und Maß.

Debatte um Neue Musik: Braucht Kunst Identitätspolitik?

Lotte Thaler hatte ihren Artikel über die Donaueschinger Musiktage „Wo Ressourcen dumm verschwendet werden“ mit der Frage begonnen: „Sind Männer doch die besseren Komponisten?“ Eigentlich diskutierte der Artikel die sich verändernden bis verschlechternden künstlerischen Qualitätsmerkmale der Donaueschinger Musiktage, des größten Festivals der zeitgenössischen Musik. Doch verschwand für viele Nutzer der sozialen Medien Thalers eigentliches Anliegen hinter der kulturkämpferischen Eingangsfrage: Die erste Zeile löste, zum Teil verständlich, solch empörte Reaktionen und Cancel-Reflexe aus, dass ei­ne Debatte über Musik danach kaum möglich war. Aber: Wird solch eine Po­larisierung der Sache gerecht? Hilft es unserer existenziell gefährdeten Szene weiterzukommen? Wie können wir auf eine Zukunft hinarbeiten, wenn zwischen Hetze und Empörung kein moderates Mittelfeld zu finden ist? Thaler selbst ist keine Sexistin, belegt durch langjährige publizistische Förderung und Wertschätzung weiblicher Stimmen. Doch die Frage selbst ist zweifelsfrei sexistisch, insofern, als sie eine genderbasierte Überlegenheit suggeriert. Das erklärt die hitzigen Reaktionen in der Szene auf diesen Text. Einigen wir uns vielleicht drauf: Die Zeile war als rhetorischer Anreiz für eine künstlerisch-inhaltliche Diskussion gemeint, kann aber in einer Post-MeToo-Welt als bloße Provokation nicht mehr weggelacht werden. Es ist nämlich gerade nicht die Zeit für weiteren Extremismus, gesellschaftlich sowieso, besonders für unser Genre, das den Status einer gefährdeten Blase (der zeitgenössischen Musik) innerhalb einer gefährdeten Blase (der subventionierten Klassik) erreicht hat. Diese Situation beruht auf dem Widerspruch, dass die heutige Szene das genaue Gegenteil von dem ist, was sie bei ihrer Gründung war. Verlust an Relevanz Einst revolutionär und punkig, haben die Komponistinnen und Komponisten im Nachhall des Zweiten Weltkrieges Begriffe wie „entartete Kunst“ zum Kampfschrei für die Freiheit der Kunst genommen, um daraus eine ganz neue Musik zu schaffen. Heute aber gehört das Genre längst zum gutbürgerlichsten Milieu und weist eigene Gatekeeper und ästhetische Regelwerke auf, die in ihrer Strenge und Geschlossenheit denjenigen Strukturen ähneln, gegen die Stockhausen, Boulez, Adorno und andere damals rebelliert hatten. Preise, Aufträge und sonstige existenziell wichtige Strukturen werden ausschließlich vom Staat oder von parastaatlichen Institutionen wie Banken, Rundfunk, Verwertungsmonopolen oder Großfirmenstiftungen mit teils unaufgearbei­teter NS-Vergangenheit finanziert. Nun verlieren – wie die zeitgenössische Musik selbst – solche Institutionen stark an Relevanz und sehen sich erheblichem Kürzungsdruck gegenüber. Es kann gut sein, dass deren Vertreterinnen und Vertreter sich auf ein Elitefestival der zeitgenössischen Musik begeben, aber keinen Menschen dort finden, der nicht aus beruflichem Eigeninteresse dorthin kam. Dann fragen sie sich zu Recht: Wozu gibt es überhaupt die zeitgenös­sische Musik, heute noch, wenn sie au­ßerhalb ihrer selbst niemanden mehr erreicht und bewegt? Daher ist nachvollziehbar, dass Lydia Rilling, Intendantin der Donaueschinger Musiktage, eine ästhetische sowie identitäre Diversifizierung des Festivals vorantreibt: Um zu überleben, muss die Szene die diverse Welt von heute besser repräsentieren. Denn wenn die Szene sich nicht selbst von innen eröffnet, wird dies von außen geschehen. Nun findet ihr Versuch innerhalb eines in­ternationalen Kulturkampfes statt: alt gegen jung, traditionell gegen progressiv, einheimisch gegen migrantisch, cis gegen FLINTA und LGBTQIA+, sogar immer noch E- gegen U-Musik. Und dieser Kulturkampf macht mir riesige Kopfschmerzen. Ehrlich: Wer will ihn überhaupt noch führen? Wäre Moderation nicht besser? Sollten wir nicht wieder das Miteinander feiern? In diesem Sinne schlage ich ein „Grand Bargain“, eine „Große Abmachung“, vor. Besonders traditionsbewusste Menschen erkennen an, dass unsere Szene sich zu lange ausschließlich mit sich selbst beschäftigt hat, und daher eine ganzheitliche Eröffnung zwingend benötigt. Eine solche Transformation wird zu großen Teilen die Einbindung unerfahrener Autorinnen und Autoren bedeuten. Diese neuen Stimmen werden nur selten über die ausgereifte Meisterschaft etablierter Persönlich­keiten verfügen, weil sie das „Neue“ gegenüber dem „Erkennbaren“ anders bestimmen. Das heißt: Künstlerische Qualität wird nach traditionellen Maßstäben zunächst leiden, und es braucht Geduld damit, dass echte Fortschritte oft einen Schritt zurück, zwei Schritte vorwärts bedeuten. Die Kids haben es immer anders als ihre Eltern gemacht, und jede Generation muss ihren eigenen Klang finden. Dafür müssen besonders progressiv eingestellte Menschen begreifen, dass Chancengleichheit nicht Ergebnisgleichheit bedeutet. Zwar stimmt es leider nach wie vor, dass unsere Gesellschaft in weiten Teilen Rollenbilder für Frauen vorsieht, die sie Männern unterordnen. Das „Impostor-Syndrom“ ist bei Kolleginnen weit verbreitet, dafür ist bei Kollegen oft der „Dunning-Kruger-Effekt“ – eine arrogante Anspruchshaltung – allzu gut zu erkennen. Doch stimmt es leider auch, dass es inzwischen ein strukturelles Ungleichgewicht zugunsten der Komponistinnen gibt, und dies ist in einer li­beralen Demokratie grundsätzlich unerträglich. Ich habe als heterosexueller weißer Mann direkt von Jurymitgliedern erfahren, dass ich zwei wichtige Stipendien nur aufgrund meines Geschlechts, meiner Hautfarbe und meiner sexuellen Orientierung nicht bekommen habe, und das mag nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Sexismus und Rassismus dürfen nicht mit Sexismus und Rassismus beantwortet werden. Warum landet die Förderung zum größten Teil bei den Pensionären? Die künstlerische Qualität ist unser höchstes Gut und darf nie einer poli­tischen Agenda geopfert werden, doch vielleicht wäre eine moderate Identitätspolitik nicht nur erträglich, sondern den Verhältnissen angemessen. Wir sollten zwar ausschließlich gemäß dem Leistungsprinzip fördern, aber nur in dem Wissen, dass es mangelhaft ist und der Regulation bedarf. Vor allem plädiere ich für eine tiefe Dankbarkeit, dass wir Kunst in solcher Freiheit wie heute machen dürfen. Deutschland ist unvollkommen und bleibt trotzdem das internationale Land der Möglichkeiten für zeitgenössische Musik: Hierzulande bekommen alle Identitätsgruppen große Aufträge, bis hin zu Professuren und Intendanzen. Doch seltsamerweise weiß sich das gesamte kulturpolitische Spektrum in einem Punkt einig: im bitteren Gefühl, systematisch benachteiligt zu werden. Und alle haben sogar irgendwie recht! Doch besitzt niemand ein Anrecht auf professionelles künstlerisches Arbeiten. Und wenn man seine Aufmerksamkeit auf das richtet, was man hat oder bekommt, statt auf das, was man verpasst oder verliert, wird man schlichtweg zufriedener. Nur in einer Frage finde ich zu keiner moderaten oder dankbaren Haltung: Wie kann es sein, dass laut GEMA-Newsletter „Informationen & Updates zur Reform der GEMA Kulturförderung“ vom 16. Oktober 2025 atemraubende 52 Prozent ihrer ordentlichen Mitglieder der Sparte „E“ über 60 Jahre alt sind? Wie soll es denn überhaupt einen Nachwuchs geben – also eine Zukunft unserer Kunstform –, wenn die Förderung zum größten Teil bei un­seren Pensionären landet? Thaler wollte analysieren, „wo Ressourcen dumm verschwendet werden“, und ich lege es ihr nahe, Effizienzüberlegungen auf solche Förderstrukturen zu lenken. Dort sehe ich einen extremen Reformbedarf und rufe alle meine jungen wie jung gebliebenen Kolleginnen und Kollegen zur Rebellion auf! Als Letztes kommt mir eine gar Thaler’sche Frage in den Sinn: Sind die Donaueschinger Musiktage einfach zu groß? Soll ein einziges Festival von alt bis neu, dicht bis sphärisch, heraus­fordernd bis kontemplativ, ernst bis unterhaltsam, nüchtern bis kitschig und alles dazwischen abdecken können? Das Problem – sollte es eines geben – könnte das des überzogenen Festivalauftrags sein. Sollen wir die Donau­eschinger Musiktage wie Big Techhandhaben? Break them up? Wenn diese Idee zu extrem sein sollte, hätte ich einen praktikableren wie heiteren Vorschlag: Wie wäre es, beim nächsten Festival alle Werke anonym aufzuführen? Keine Identitäten, keine Preise, kein Verbeugen, nur Musik. Komponistinnen und Komponisten dürfen für ihre Kunst Freiheit und Förderung bekommen – eine kostbare Ehre – müssen dafür ihre Egos schlucken. Oder bin ich zu extrem moderat? Samuel Penderbayne ist Komponist und unterrichtet an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Zuletzt wurde von ihm „Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse“ an der Komischen Oper Berlin uraufgeführt.