Er hat es wieder getan. Die mit Populismus aufgeladene Debatte, ob die Deutschen „zu“ oft krank sind, geht mit Friedrich Merz in eine neue Runde. Das erinnert an den Herbst vor ein paar Jahren, als Merz behauptete, dass abgelehnte Asylbewerber den Deutschen die Termine beim Zahnarzt wegnähmen. Der Beleg, dass die Darstellung mit der Wirklichkeit auf deutschen Zahnarztstühlen nicht vereinbar ist, konnte damals schnell erbracht werden. Inzwischen ist Merz Kanzler, fürs große Ganze zuständig, da liegt es nahe, auch in der Gesundheitspolitik von oben herab auf das System zu blicken und auf die Menschen, die es mit Leben füllen. In einer Rede hat Merz kürzlich auf den Krankenstand im Land verwiesen. Knapp 15 Tage pro Jahr war jeder Beschäftigte zuletzt arbeitsunfähig. Merz kleidete seine Kritik an diesem Zustand in eine rhetorische Frage: „Ist das wirklich notwendig?“ Und, ist es? Die Antwort hängt davon ab, ob man den Kanzler beim Wort nimmt. Wenn ja, dann lautet sie so: Die Entscheidung, ob ein Arzt seinen Patienten krankschreibt oder nicht, fällt im Behandlungszimmer. Das ist ein geschützter Raum, und das ist richtig so. Die ärztliche Schweigepflicht ist die Grundlage für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis. Was dort gesprochen wird, geht den Arbeitgeber so wenig etwas an wie den örtlichen Bundestagsabgeordneten. Niemand wird jemals wissen können, ob alle ausgestellten Atteste berechtigt sind, auch der Kanzler nicht. Und er kann es auch nicht beurteilen, denn zum Glück entscheiden keine Politiker darüber, wann ein Mensch nicht mehr arbeiten kann, sondern Mediziner. Nun zu dem, was Merz nicht gesagt hat. Seine Worte zielten erkennbar auf die Interessen der Wirtschaft. Richtig ist, dass Unternehmen durch erkrankte Mitarbeiter weniger produktiv sind. Das ist in anderen Ländern aber auch so. Und dann ist da die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Durch den Anspruch der Arbeitnehmer, bei jeder Erkrankung für bis zu sechs Wochen volles Gehalt zu beziehen, entstehen den Unternehmen Kosten in Milliardenhöhe. Ärzte und Patienten nicht unter Verdacht stellen Arbeitgeber haben ein berechtigtes Interesse daran, nur dann zu zahlen, wenn ihre Angestellten auch wirklich krank sind. Sollte Betrug nachweisbar sein, ist das ein Fall für Gericht und Ärztekammer. Doch der latente Argwohn mancher Arbeitgeber, beim gelben Zettel übervorteilt zu werden, genügt kaum als Maßstab. Wenn der Kanzler sich die Position trotzdem zu eigen macht, ist das sein gutes Recht. Wenn er den Bedarf sieht, Gesetze zu ändern: nur zu. Aber dann sollte er das auch so sagen. Stattdessen hat er die Aufmerksamkeit auf einen Nebenschauplatz gelenkt. Und zugelassen, dass Ärzte und Patienten unter Verdacht geraten. Das ist der falsche Weg. In internationalen Vergleichen liegt Deutschland bei Krankschreibungen zwar weit oben, doch längst nicht an der Spitze. Der Trend, dass die Fehltage zunehmen, zeigt sich fast überall, wo Gesellschaften altern. Weil Staaten die Fehltage unterschiedlich erfassen, sind Vergleiche kaum aussagekräftig. Auch die Regeln zur Lohnfortzahlung sind oft andere. Einen Zusammenhang gibt es, wie Studien zeigen: Wo das soziale Netz gut hält, melden sich die Menschen häufiger krank. Das ist gut so. Wohl kaum jemand will in einem Land leben, das seine Bürger nötigt, trotz Grippe ins Büro zu gehen. Wer krank ist, sollte nicht arbeiten. Die telefonische Krankschreibung ist nicht das Problem In seiner Rede hat Merz auch infrage gestellt, ob telefonische Krankschreibungen noch das richtige Mittel sind. Dahinter steht der Verdacht, dass sich die Deutschen häufiger krankschreiben lassen, weil der Weg zum gelben Zettel seit der Corona-Pandemie einfacher geworden ist. Beim angeblichen Blaumachen ohne Arztbesuch ist es wie mit den Geflüchteten beim Zahnarzt: Der Zusammenhang ist schnell widerlegt. Telefonische Krankschreibungen machten zuletzt nur einen winzigen Teil aller gelben Zettel aus. Es gibt den Schein per Telefon auch nur bei Atemwegserkrankungen. Die werden zwar häufig diagnostiziert, gehen aber meist schnell vorbei. Die großen Posten bei den Krankheitstagen sind Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems, also etwa Bandscheibenvorfälle – denn bis sie heilen, braucht es mehr Zeit. Und es sind psychische Erkrankungen. Deren Zahl ist zuletzt stetig angestiegen, und jeder Fall führt im Mittel zu einer deutlich längeren Abwesenheit am Arbeitsplatz. Wer will, dass die Deutschen gesünder werden, sollte klügere Fragen stellen. Zum Beispiel, wie Arbeitsbedingungen verbessert werden können und ob die Risiken einer immer stärker digitalisierten Welt ausreichend erkannt sind. Wer nur am Schreibtisch sitzt, wird krank am Rücken. Wer ständig erreichbar ist, dessen Seele leidet. Der Mensch ist nicht zum Funktionieren da. Er ist mehr als nur Arbeitskraft. Mag sein, dass Politiker das vergessen. Solange der Hausarzt es noch weiß, ist alles gut.
