FAZ 02.02.2026
13:08 Uhr

Debatte über WM-Boykott: Ein Verband macht dicht


Der Deutsche Fußball-Bund will eine Debatte über die Weltmeisterschaft bei Donald Trump unbedingt vermeiden. Das Auftreten des Verbands verwundert Politiker – und lässt die Spieler allein.

Debatte über WM-Boykott: Ein Verband macht dicht

Auf dem Fußballplatz ist Joshua Kimmich so furchtlos, dass er den Ball auch in den schwierigsten Situationen haben will. Doch als er in der Fußballarena in München kürzlich in der Interviewzone stand und merkte, in welche Situation er gleich geraten könnte, hat er den Ball, wenn man so will, sofort weitergespielt. „Ich nehme nicht mehr teil an der politischen Diskussion“, sagte Kimmich. Er hatte dort, nach einem Sieg in der Champions League gegen Saint-Gilloise, eine Frage gestellt bekommen, die er nicht als Spieler des FC Bayern, sondern als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft beantworten sollte: eine Frage zur aufkeimenden Diskussion über einen Boykott der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft, deren Spiele vor allem in den Vereinigten Staaten stattfinden. Aber Kimmich, der auf dem Platz so gut wie jede Aufgabe erfüllt, machte klar, dass diese Aufgabe andere erfüllen müssen: „Natürlich ist das auch ein bisschen unsere Verantwortung, sich bis zu einem gewissen Punkt zu äußern“, sagte er. „Aber ich glaube, da haben wir andere Menschen in Deutschland, beim DFB, die sich da besser auskennen und dazu äußern sollten.“ Dann drehte er sich um und ging. „Debatte zur Unzeit“ Als Kimmich an jenem Mittwochabend aus der Arena in München verschwand, durfte er davon ausgehen, dass er sich in dieser Frage auf die Funktionäre des DFB, des Deutschen Fußball-Bundes, verlassen kann. Doch schon fünf Tage später ließen diese Funktionäre den Ball, den er ihnen weitergespielt hatte, ins Aus rollen. Am Montagabend, beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga in Frankfurt, tritt Bernd Neuendorf vor einen Pulk Journalisten. Der DFB-Präsident hat eine Botschaft zur Boykottfrage mitgebracht. „Meine persönliche Meinung ist eindeutig: dass diese Debatte jetzt zur Unzeit kommt und auch für uns kein Thema ist“, sagt er. Warum diese Debatte kein Thema sein soll, das sagt er nicht. Als er kurz darauf gefragt wird, wie er die Politik Donald Trumps bewerte, sagt er, für den DFB sei es „sehr schwer, das wirklich seriös zu bewerten“. Und als er nach dem „Friedenspreis“ gefragt wird, den der Präsident des Fußball-Weltverbandes (FIFA), Gianni Infantino, dem US-Präsidenten Donald Trump verlieh, möchte er sich dazu nicht weiter äußern. Neuendorf drückt mit mehr Worten etwas Ähnliches aus wie Kimmich: dass er sich am liebsten nicht äußern würde. Es ist derselbe Bernd Neuendorf, der noch vor etwas mehr als drei Jahren in Qatar die Haltung des DFB so zusammengefasst hat: „Wir sind in der Opposition zur FIFA.“ Und wer die Vorgänge der vergangenen Tage verfolgt hat, fragt sich: Wo ist die Haltung des DFB hin? Die Woche, in der die Positionierung des DFB zur Weltmeisterschaft ein Thema wird, beginnt mit einem Interview, das am Freitagmorgen in der „Hamburger Morgenpost“ erscheint. Darin wird Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, gefragt, ob er einen WM-Boykott fordere. Er antwortet: „Ich frage mich wirklich, wann der Zeitpunkt ist, darüber konkret nachzudenken und zu reden.“ Er selbst hält den Zeitpunkt für gekommen. Und weil Göttlich auch DFB-Vizepräsident ist, stellt er damit auch die Frage nach der Haltung des Deutschen Fußball-Bundes. „Der Kollege ist noch nicht so lang dabei“ Am Freitagabend, Stunden nach Erscheinen des Interviews, ist Bernd Neuendorf zu Gast bei Oke Göttlich und dem FC St. Pauli. Er sieht sich das Hamburger Derby an, genau wie Liese Klaveness, die Präsidentin des Norwegischen Fußballverbandes. Sie gilt als eine der wenigen, die öffentlich Kritik an der FIFA übt. Göttlich sagt später, bei dieser Gelegenheit habe er das Thema schon angesprochen, auch gegenüber Neuendorf. Trotzdem ist der DFB-Präsident wütend, als er am Montag in Frankfurt vor den Journalisten über Göttlichs Aussagen spricht. „Der Kollege ist noch nicht so lang dabei“, sagt er. Der Göttlich versteht nicht, wie der Laden läuft – so klingt das. „In der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden“, sagt Neuendorf. Aber gleich darauf schränkt er ein: In diesem Fall sei seine Meinung klar. Der DFB-Präsident erinnert an diesem Abend an einen Schüler, der bei der Mathe-Hausaufgabe nur das Endergebnis aufgeschrieben hat. Denn selbst wenn dieses Ergebnis – kein Boykott der WM – am Ende das richtige sein mag, würde man schon gerne den Rechenweg kennen. Als Oke Göttlich am Mittwoch der vergangenen Woche mit der F.A.Z. spricht, sagt er: „Ich fordere keinen Boykott, sondern eine Diskussion und ein Nachdenken über die verschiedenen Szenarien. Es geht um die Frage: Wo sind unsere Tabus? Können Fans aller Länder einreisen und sind sie sicher?“ Über solche Dinge müsse man reden vor diesem Turnier, sagt er. Der Vibe-Shift im deutschen Fußball Die Welt redet längst mit. Weil amerikanische Beamte Menschen auf der Straße erschossen haben. Weil der amerikanische Präsident mit der Übernahme Grönlands gedroht hat. In den Niederlanden hat deswegen eine Petition Schlagzeilen gemacht, die WM zu boykottieren; US-Medien schreiben Analysen, wie realistisch ein Boykott erscheint. Auch Göttlichs Aussagen werden im Lauf der vergangenen Woche weltweit rezipiert. Er habe viel Feedback bekommen, besonders aus Amerika, sagt er: „Da sind drei, vier Klubvertreter, die mir direkt geschrieben haben: Danke, dass du was gesagt hast.“ Beim DFB aber scheint man zu fürchten, dass die Diskussion dem Verband über den Kopf wüchse, sobald er sich daran beteiligt. Dass man sich, wie beim letzten Mal, nicht nur darin verheddern, sondern wieder darin verlieren könnte. Es gibt einen Grund, warum ein Spieler wie Joshua Kimmich nicht an der politischen Diskussion teilnehmen will. Die Weltmeisterschaft 2022 in Qatar. Dort ist Kimmich einer der elf deutschen Spieler gewesen, die sich in einer Gruppenaktion vor dem ersten Spiel mit der Hand den Mund zugehalten hatten. Es war die deutsche Antwort auf das Machtwort der FIFA, die kurz vor dem Spiel das Tragen der Kapitänsbinde mit der Aufschrift „One Love“ verboten hatte. In Qatar scheiterten die Deutschen schon in der Vorrunde. Doch obwohl der politische Input sicher nicht der einzige Grund für den sportlichen Output war, hat es seitdem rund um die Nationalmannschaft der Männer einen Vibe-Shift gegeben, den der Sportdirektor Rudi Völler kurz danach so zusammengefasst hat: „Ich verstehe zwar, dass man ab und zu ein Zeichen setzen muss. Aber jetzt geht es wieder um Fußball.“ Bei der WM in Qatar sollte die Nationalmannschaft die Politik mit Gesten und Kapitänsbinden aufs Spielfeld tragen. Das hat nicht funktioniert. Nun wirkt es, als wolle man die Politik nicht nur vom Spielfeld fernhalten. Der Vibe-Shift, den Rudi Völler so gut beschrieb, hat nicht nur die Kabine, sondern auch die Büros erfasst. Weil sich der DFB in Qatar die Finger an politischen Statements verbrannt hat, will er sie vor dem Turnier in Amerika auch mit der Kaminzange nicht mehr anfassen. In der Hoffnung, so die Politik aus dem Fußball halten zu können. „Wir müssen schon mit großer Sorge sehen, was in den USA passiert“ Das Problem an dieser Strategie ist, dass diese Weltmeisterschaft politisch noch aufgeladener werden könnte als die letzte. Wegen des US-Präsidenten, der eine der größten Bühnen der Welt kaum ungenutzt lassen wird. Und wegen des Fußballpräsidenten, der Donald Trump bisher bereitwillig auf jede erdenkliche Bühne geschoben hat. Es scheint sehr unwahrscheinlich, dass der Fußball der Politik wochenlang aus dem Weg gehen kann. Am Donnerstag, eine Stunde nach der Regierungserklärung des Bundeskanzlers zur außenpolitischen Lage, sitzt Boris Mijatović in seinem Abgeordnetenbüro. An der Wand hängt ein Trikot von Diego Maradona, eine Erinnerung, wie nah Genie und Wahnsinn manchmal beieinander seien, sagt Mijatović, der für die Grünen Menschenrechtspolitik macht und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss ist. Bis er zum Wahnsinn kommt, der diese Weltmeisterschaft zu begleiten droht, dauert es nicht lang: das Auftreten des ICE, die Listen von Ländern, aus denen die Einreise beschränkt wird, die Sicherheit von Fans überhaupt. „Wir müssen schon mit großer Sorge sehen, was in den USA passiert“, sagt er. Und: „Ich würde mir vom Bundeskanzler oder vom Außenminister wünschen, dass er diese Debatte aktiver angeht.“ Mijatović selbst hat deshalb bereits im vergangenen Herbst mit Anfragen an die Bundesregierung begonnen. Das „B-Wort“ aber, wie er es nennt, habe er bislang nicht in den Mund genommen. Und, um es auszubuchstabieren, einen Boykott durch die Nationalmannschaft hält er auch nicht für sinnvoll: „ein stumpfes Schwert“. „Darstellung von Ohnmacht“ Etwas anderes hört man in Berlin auch von den Regierungsparteien nicht. Es gebe in seiner Fraktion „keine Stimmen, die einem Boykott das Wort reden“, sagt Stephan Mayer, sportpolitischer Sprecher der Union und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Fraktionskollege Jürgen Hardt, der außenpolitische Sprecher, sei diesbezüglich wohl ein bisschen missverstanden worden. Bettina Lugk, die sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion sagt, ein Boykott könne nur „eine außergewöhnliche Reaktion auf außergewöhnliche Ereignisse“ sein, zu einer „vollständigen außenpolitischen Eskalation“ sei es aber glücklicherweise nicht gekommen. „Daher halte ich die Debatte aktuell nicht für zielführend.“ Vielleicht war es auch das Abkühlen der Grönland-Krise, das eine hitzigere Debatte verhindert. Worin sich die Politiker aber einig sind: Dass der Fußball selbst bei den Themen rund um die Trump-WM keine glückliche Rolle spielt. Im Fokus ist dabei vor allem die FIFA, die einen politischen Hebel hätte (nur eben nicht in Infantinos Händen). Aber auch der DFB kommt nicht gut weg. Mijatović sagt, er könne zwar verstehen, warum Bernd Neuendorf sich so zurückhalte. Er sagt aber auch: „Es ist die offensichtliche Darstellung von Ohnmacht.“ Bettina Lugk antwortet auf die entsprechende Frage: „Ich hätte mir schon eine andere Positionierung beim Thema Friedenspreis für Trump gewünscht.“ Aber auch bei anderen Fehlentwicklungen bei der FIFA vermisse sie beim eigenen Verband „eine klarere Haltung“. Ähnlich klingt es bei CSU-Mann Mayer: „Ich würde mir vom größten Sportverband der Welt schon wünschen, dass man solche Dinge stärker reflektiert“, sagt er mit Blick auf die aktuelle Lage. Und: „Dass eine Debatte darüber geführt wird, auch darüber, ob wir in den eigenen Spiegel schauen können, wenn wir unsere Mannschaft in die USA schicken, finde ich vollkommen in Ordnung.“ Man könnte es auch so sagen: Dass der deutsche Fußball nicht einmal das D-Wort in den Mund nehmen will, ist aus Sicht der deutschen Politik schon ein bisschen dünn. Am vergangenen Freitag sind die Mitglieder des DFB-Präsidiums zu einer Sitzung zusammen gekommen. Spätestens seit dem Auftritt des Präsidenten am Montag beim DFL-Empfang ist klar, dass Oke Göttlich dort mit einer Antwort auf sein Debattensolo rechnen muss. Für den DFB aber war dieses Solo vermutlich gar nicht schlecht. Weil dadurch etwas in Bewegung gekommen ist. Wenn man dem DFB schriftlich Fragen bezüglich seiner Haltung zur Boykottfrage, zu den Risiken der WM und zur Rolle der FIFA schickt, dann verweist er auf eine Stellungnahme. Der Text ist kurz, der Verband hat ihn am Freitag nach einer Sitzung des Präsidiums veröffentlicht. Darin steht: „Das DFB-Präsidium ist sich einig, dass sportpolitische Debatten intern und nicht öffentlich geführt werden. Ein Boykott der Weltmeisterschaft 2026 (…) ist, wie bereits von DFB-Präsident Bernd Neuendorf öffentlich erklärt, derzeit kein Thema.“ Man kann die Veröffentlichung dieser Stellungnahme auch so interpretieren: dass dem DFB die Vorgänge der vergangenen Tage nicht egal sind, dass er sie nicht ignorieren will. Aber fraglich bleibt, ob die öffentliche Erklärung des Präsidenten und die Positionierung des Verbandes das tun, was sie vor allem leisten sollen: die Spieler aus dem politischen Spiel zu nehmen. Hätte Bernd Neuendorf die Haltung des DFB und den Prozess, wie diese entstanden ist, in der Öffentlichkeit erläutert, hätte von nun an jeder Nationalspieler darauf verweisen können, dass der Präsident dazu alles gesagt habe. Aber weil der Präsident eben nicht alles gesagt und die Spieler so ein Stück weit allein damit gelassen hat, wird weiter diskutiert werden. Über die Debatte. Und über die, die sie zumindest öffentlich nicht führen wollen.