Als Edmund Stoiber 2003 die Abschaffung des neunjährigen Gymnasiums in Bayern verkündete, war die Lage im Land und die Stimmung vergleichbar mit der heute: Deutschland galt als der „kranke Mann“ Europas, der Sozialstaat als unfinanzierbar, die Arbeitnehmer als zu bräsig. Fehlte nur noch, dass sich einer über die „Lifestyle-Teilzeit“ mokierte. Auch vor diesem Hintergrund – und mit einer Zweidrittelmehrheit im Rücken – beschloss die CSU in Bayern die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre. Zur Begründung sagte Stoiber, das deutsche Bildungssystem raube den Jugendlichen „wertvolle Zeit, die sie für Familiengründung, Beruf und Aufbau ihrer Altersversorgung nutzen können“. Der Schuss ging nach hinten los. Es gab massive Kritik am G8, von Lehrern, Eltern, Schülern: Die Einführung sei überstürzt gewesen, die neuen Lehrpläne ließen keine Zeit mehr für vertiefte Bildung, die Schüler seien gestresst, die Eltern auch. Hinzu kam, dass sich allmählich die Rahmenbedingungen änderten. Nach den Hartz-Reformen begann Deutschlands Wirtschaft wieder zu brummen. Der „Bologna-Prozess“ straffte das Studium. Außerdem wurde 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt. Das machte das Argument, der Staat raube den Jugendlichen Zeit, weniger triftig. Schließlich entstand selbst in der Wirtschaft der Eindruck, zunehmend unreife Persönlichkeiten aus den Bildungseinrichtungen geliefert zu bekommen. Geschätzte Mehrkosten von 500 bis 600 Millionen Euro Das alles führte dazu, dass die CSU 2017 unter Ministerpräsident Horst Seehofer beschloss, zum G9 zurückzukehren – ein Prozess, der nun fast abgeschlossen ist: 2026 wird der erste Jahrgang des wieder belebten G9 Abitur machen. Doch abermals haben sich die Zeiten geändert. Der Wirtschaft geht es schlecht, eine Wiedereinsetzung der Wehrpflicht oder die Einführung einer Dienstpflicht steht im Raum. Und so hört man in Bayern, nicht zuletzt in der CSU, gerade öfter: Ach wären wir doch beim G8 geblieben! Das liegt zum einen an der Unruhe, die mit Reformen per se einhergeht. Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher der bayerischen IHKs, sagt: „Ein Hin und Her ist für die Schulen, die Jugendlichen, die Eltern und auch für die Wirtschaft nicht gut.“ Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, sieht das ähnlich. Ihre Haltung sei zwar: „Wenn man als Gesellschaft sagt, die Kinder haben mehr Bedarfe, wenn wir sagen, wir wollen die Kinder ausbilden, die Deutschland wieder nach vorne bringen, dann geht das nicht mit weniger Lernzeit, sondern mit mehr.“ Jedoch: „Den CSU-Mann, der jetzt wieder Richtung G8 denkt oder der sich fragt, war die Rückabwicklung von G8 wirklich nötig, den kann ich zumindest verstehen.“ Ein Grund für die Zweifel sind die hohen Kosten, insbesondere für neue Gebäude und Lehrer. Das CSU-geführte Finanzministerium verweist auf Nachfrage auf das Gesetz von 2017, demnach sei bei den Baukosten „grob geschätzt mit einmalig rund 500 Millionen Euro zu rechnen“. Wie hoch die Kosten tatsächlich sein werden, werde sich „im Haushaltsvollzug der nächsten Jahre zeigen“. Schöffmann jedenfalls spricht von etwa 600 Millionen Euro, die das „bildungspolitische Experiment“ koste. 1400 zusätzliche Lehrer bis 2030 nötig Und Fleischmann sagt: „Die Rückumstellung auf G9 bedeutet einen Mehrbedarf an den weiterführenden Schulen von 1400 Lehrerinnen und Lehrern bis 2030.“ Sie gibt auch zu bedenken, dass „bei der Umstellung auf G8 und nun bei der Rolle rückwärts die wissenschaftliche Begleitung gefehlt“ habe. Über Vor- und Nachteile des einen wie des anderen „wissen wir viel zu wenig“. Zumindest scheine es so, als sei etwa die soziale Ungleichheit – anders als von manchen befürchtet – „durch G8 nicht signifikant verstärkt worden“. Könnte es also ein Zurück geben? Wohl kaum. Denn das Argument mit der Unruhe gilt auch in die andere Richtung: Bloß nicht schon wieder eine Reform. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, sagt: „Tatsächlich hätten wir als vbw mit dem G8 sehr gut leben können.“ Die Rückmeldungen der Firmen seien „weitgehend positiv“ gewesen. „Allerdings zeigte sich, dass das G8 in der Gesellschaft nicht durchsetzbar war.“ Jetzt müsse es gelingen, das Beste aus G9 zu machen. Auch vom Bildungsministerium sind keine Anstöße in Richtung G8 zu erwarten. Ministerin Anna Stolz ist von den Freien Wählern – und die befeuerten einst die Debatte über die Rückumstellung mittels eines Volksbegehrens. Während sich das von Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger geführte Wirtschaftsministerium nicht äußern wollte, teilte das Bildungsministerium mit, die Rückkehr zu G9 sei „gründlich durchdacht“ und bedeute ein „Mehr an Qualität gymnasialer Bildung“. Stolz weiß gewichtige Akteure auf ihrer Seite, etwa den Bayerischen Philologenverband. Dessen Vorsitzender Michael Schwägerl sagt, die Rückumstellung auf G9 schaffe vor allem wieder mehr Zeit – und die sei entscheidend für eine ganzheitliche Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. „Ästhetische Fächer wie Kunst, Musik und Sport profitieren von zusätzlichen Stunden.“ Freilich gibt es momentan in der bayerischen Staatsspitze eine Tendenz weg vom Musischen und Kreativen, hin zu den Kernfächern, davon betroffen waren nicht zuletzt die Stundentafeln der Grundschulen. Manche Politiker verweisen auch auf die guten schulischen Leistungen in Sachsen – bei G8. Und was denkt Stoiber? Wittert er die Chance, doch noch recht zu bekommen? Er lässt der F.A.Z. mitteilen, dass seinerzeit die Einführung des G8 „insbesondere mit Blick auf die damaligen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen intensiv diskutiert und beschlossen worden ist“. Er habe aber „die Entscheidung von Ministerpräsident a. D. Seehofer, das neunjährige Gymnasium wieder einzuführen, immer respektiert“. Seitdem sei das Thema für ihn erledigt.
