FAZ 07.03.2026
08:24 Uhr

Daydrinking bei Eltern: „Johannes, sei still“


Das Dinner for One der Provinz: Unser Autor beobachtet Elterngruppen beim Daydrinking. Ab welchem Getränk entgleist alles?

Daydrinking bei Eltern: „Johannes, sei still“
Astrid Hamker, Präsidentin des unternehmerischen Berufsverbandes „Wirtschaftsrat der CDU“ . Bernd von Jutrczenka/DPA

Rausch ist unvernünftig und fahrlässig. Das ist bekannt, das wissen wir alle. Nun gibt es Leute, die sagen, Squash sei auch fahrlässig. Fahrradfahren in Berlin sei fahrlässig. Im Grunde könne jeder Schimmel im Bad chronische Atemwegserkrankungen auslösen. Es gibt eben Leute, die treffen sich nicht zum Wandern oder zum Spieleabend, die treffen sich in einer schicken Bar, im Außenbereich unter einem Heizpilz, und halten spitz ihr Glas Grauburgunder – auf jeden Fall nicht Bier, Bier hat etwas Prekäres. Und die sagen, sie wollen auch leben, und meinen: „Immer trage ich Verantwortung. Heute trägt die Verantwortung mal mich!“ Das Interessante am Daydrinking ist weniger der Suff, es sind vielmehr die Gespräche, die ohne Daydrinking nicht entstünden. Wann sonst erzählt die Oma bei Getränk Nummer zwei zum fünften Mal, wie sie damals den Pfarrer ignoriert hat. Mit dem rebellischen Funkeln einer Frau, die weiß, dass sie immer noch brandgefährlich ist. „Wie schön, dass wir es endlich mal geschafft haben“ In der Aufwärmphase kommen alle erst an. Sie sagen, „wie schön, dass wir es endlich mal geschafft haben“, und Küsschen hier, Küsschen dort. Es werden Anmerkungen zur modischen Handtasche gemacht, die Männer wissen nicht genau, wohin mit ihren Gefühlen, also hauen sie sich auf die Schulter oder in den Nacken oder geben betont kräftig die Hand, als könne man so über die Hand lesen, wie erfolgreich oder unerfolgreich das derzeitige Leben läuft. Dann wird, weil ja allen klar ist, was man gedenkt zu tun, ein Anlass gesucht, der die Bestellung von Cappuccino kippt hin zu beispielsweise Sekt. Ab 15 oder 16 Uhr ist alles okay, Drinks vorher gelten als strikt verhaltensauffällig. Dann wird vorher kurz vorgefühlt, was ein gemeinsamer Nenner sein könnte („Ich bin seit drei Wochen innerlich auf Kündigung“ oder „Neulich habe ich meinen Ex gestalkt, und seine neue Freundin ist leider perfekt“), und dann wird die Bestellung diktiert, während man sich mit den Augen versichert, dass man so jung auch nie wieder zusammenkommen kann. Zunächst entwickelt es sich leise: Da geht es noch um gesittete Themen wie Schule, die lieben Kinder („Kommt ihr bitte!“), Mami ist plötzlich ganz entspannt. Es geht um Dinge, die man nicht mag – den Mann beispielsweise oder Basteln oder Fehler beim Stricken. Und bei Männern geht es um Sport, Dinge, die man nicht mag, beispielsweise die Eigenarten der eigenen Frau, angeblich verlorene und dann wiederentdeckte Freiheiten, die Lust, spontan in den Wald zu ziehen, und die lieben Kinder: „KOMMST DU JETZT MAL, WENN MAMA RUFT, JOHANNES!“ Dinner for One der Provinz Ich teile das Beobachtungsangebot auf in Streit (zwischen Eheleuten), Eskalation (leider selten, aber dann sehr gut), spontane Verbrüderung/Verschwesterung (entspricht den Liebesszenen im Kino), Action (auch selten) und Verwirrung. Zum Beispiel wenn jemand des anderen Jacke anzieht oder den Stuhl nimmt, obwohl er nicht frei ist. Dass also etwas passiert, bei dem alle anderen annehmen müssen, diese Person sei etwas nahe an die Sonne gekommen. Elterngruppen beim Daydrinking zuzusehen, ist dabei das Beste. Streit zwischen Kindern ist häufig – und etwas, das auf die gesamte Tischgemeinschaft abfärbt. Eskalation ist mit Kindern unendlich wahrscheinlicher als ohne. Verwirrung sowieso. Action auch. Ich suche mir dann einen Platz in der Nähe, und wenn ich gefragt werde, ob es mir was ausmacht, dass die Kinder mich mit ihren Gummibändern abschießen, sage ich freundlich, dass es mir überhaupt nichts ausmache. Dass ich selbst Kinder habe. Dabei lächle ich milde und besonnen, als wüsste ich was – und schaue der Eskalation weiter zu. Der Wunsch nach Entspannung der Eltern geht da diametral zu dem Wunsch der Kinder nach Aufmerksamkeit. Das ist eine gute, weil verlässliche Spannungskurve. Plotttwists sind jederzeit zu erwarten. Neulich hat ein Kind seiner Mutter das Aperolglas versehentlich aus der Hand geschlagen, was dann überall auf ihrer Hose landete. Das sind Momente, in denen für mich als Zuschauer die Zeit stehen bleibt: Was wird sie tun? Was wäre jetzt angemessen? Wie kann sie jetzt darauf reagieren? Das Dinner for One der Provinz. Ab Getränk Nummer drei wird’s ruppig Kinder wirken ja wie Brandbeschleuniger, da sie den dramaturgisch großen Vorteil besitzen, dass sie nicht nur mit ihren Eltern streiten können, sondern auch untereinander. Die dritte, seltenere Möglichkeit ist, dass sie mit der Umgebung in Kollision kommen. Das ist der Grund, warum ich bei meinen Daydrinking-Beobachtungen meistens Tische mit Kindern suche, weil das mehr hergibt. Wenn man schon die Wohnung verlässt, will man wenigstens gut unterhalten werden. Die Entscheidung für ein zweites Getränk ist jedenfalls grundsätzlich. Es werden meist noch Alibi-Ausreden ausgetauscht wie „Ich muss noch fahren“ – „Aber deine Frau fährt doch!“ – „Mein Mann kann dich mitnehmen.“ – „Geh doch einmal in deinem Leben zu Fuß!“. Dann ist der Weg im Prinzip auch frei für Getränk Nummer drei. Getränk Nummer drei beginnt zunächst weiter entspannt, wird aber zunehmend ruppig, da der Alkohol jetzt zu seiner unentspannteren Wirkung kommt. Manche nennen es aufgekratzt. Deine Eltern wollen sich jetzt wirklich mal in Ruhe entspannen, Johannes. Das heißt nicht, dass du dich mal fünf Minuten selbst beschäftigen sollst, sondern wie wäre es mit einer Dreiviertelstunde? Am besten wäre es, du redest gar nicht mehr heute. Hätten wir dich bloß nicht mitgenommen, das nächste Mal gehen wir alleine. Die Wirkung solcher Sätze auf andere, nicht angetrunkene, wird jetzt akut unterschätzt. Man wirft den Kopf zurück beim Lachen und berührt sich am Unterarm dabei. Alles nur ein großer Spaß. Nur für Johannes nicht. Einmal habe ich Johannes gefragt, was er denn so denkt. Er stand in einer Ecke, die Hände in den Taschen, und betrachtete seine Füße. „In einem Beet kannst du nicht spielen. Was soll man hier machen?“ Es wirkte, als würde er sein eigenes Verhalten entschuldigen. „Was macht dir Angst?“, fragte ich vorsichtig. „Wenn sie so sind“, sagte er, ohne Umschweife, „mache ich mir Sorgen.“ Er zuckte mit den Schultern, ein kleines, resigniertes Achselzucken war das. Dann ging er, still, ließ die Erwachsenen zurück, wie sie klirrend lachten, die Gläser hoben, sich selbst im Mittelpunkt ihres Sonnensystems wähnten. Johannes aber beobachtete. Und lernte, wie schwer es ist, die eigenen Füße auf dem Boden zu behalten. Und er wird nicht immer so still sein wie jetzt.