FAZ 19.01.2026
17:04 Uhr

Davos 2026: „Die gegenseitigen Vorteile guter Beziehungen wieder und wieder betonen“


Im Streit mit den USA droht Irland die Gefahr, zwischen den Stühlen zu sitzen. Das will der Chef der Wirtschaftsförderung vermeiden. Und er hat ein paar Tipps für Deutschland.

Davos 2026: „Die gegenseitigen Vorteile guter Beziehungen wieder und wieder betonen“

Der „51. Staat der Vereinigten Staaten“, das haben Menschen über Irland gesagt – lange bevor die Diskussion über die Zukunft von Grönland begonnen hat. Der Grund: Der hohe Anteil amerikanischer Direktinvestitionen in der Republik Irland, die großen Namen der Technologiebranche sind alle da: Apple schon lange, IBM, Intel, Google, Meta, die Liste ließe sich lange fortsetzen. Es ist ein großer Erfolg der irischen Wirtschaftsförderungsagentur Industrial Development Authority (IDA Ireland). Und eine Bürde zugleich. Denn im aktuellen Streit zwischen Europa und Donald Trump droht Irland die Gefahr, zwischen den Stühlen zu sitzen. Und der IDA-Vorstandsvorsitzende Michael Lohan will die Situation im Gespräch am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos auch nicht beschönigen: „Wir sind mit der Europäischen Union fest verbunden, die Iren sind überzeugte Mitglieder der EU, stärker als viele Bürger kontinentaleuropäischer Staaten. Wir haben aber auch eine ganz besondere Beziehung mit den Vereinigten Staaten – viele Menschen dort haben irische Wurzeln. In dieser Situation ist es unsere Aufgabe, die gegenseitigen Vorteile guter Beziehungen zwischen Europa und den USA wieder und wieder zu betonen.“ Liebherr und Sony Wer Lohan zuhört, merkt schnell, wie viel es zu verlieren gibt, nicht nur, aber eben auch wirtschaftlich. Niemand investiert mehr in den Vereinigten Staaten als die Staaten der Europäischen Union. Das vergleichsweise kleine Irland allein steht nach den Worten von Lohan auf der Rangliste der Länder mit den größten Direktinvestitionen in den USA auf dem fünften Platz. Zugleich machen amerikanische Unternehmen aber auch rund die Hälfte der 323 Direktinvestitionen in Irland aus. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind also groß. „Der Wettbewerb um Direktinvestitionen wird ohnehin immer intensiver“, sagt Lohan. Da gelte es, die Vorteile globaler Wertschöpfungsketten und des gegenseitigen Zugangs zu Märkten zu betonen. IDA Ireland gelinge es aber bisher gut, mit dieser Herausforderung umzugehen. Man habe früh erkannt, dass es notwendig sei, Direktinvestitionen verstärkt auch aus anderen Regionen anzuziehen, als allererste Unternehmen hätten Unternehmen aus Deutschland und der Schweiz in Irland investiert. Das deutsche Unternehmen Liebherr zum Beispiel steuert in zwei Jahren auf sein fünfzigjähriges Jubiläum in Irland zu. Darauf will Lohan aufbauen. Natürlich sind längst auch Asien und der Nahe Osten im Visier der Wirtschaftsförderer. Im vergangenen Jahr war es gelungen, Sony zu einer großen Investition in Irland zu bewegen. Ziel ist es auch, Irland dabei in der globalen Wertschöpfungskette weiter nach oben zu heben. Im vergangenen Jahr seien 2,5 Milliarden Euro der Investitionen in Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen geflossen, sagt Lohan, eine weitere Milliarde in Nachhaltigkeit (Green Tech). Auch solche Transaktionen zahlen darauf ein, dass das Wachstum der irischen Wirtschaft zum Beispiel dem der deutschen immer wieder weit vorauseilt. Was die Deutschen von Irland lernen können? „Eine Politik, die ganz klar pro Unternehmen ist, ein Ökosystem, das Innovationen belohnt, und eine Steuerpolitik, die nicht nur für Unternehmen, sondern auch für jeden Einzelnen Leistung belohnt“, sagt Lohan. Was in Deutschland allerdings in der Form nicht gelänge, selbst wenn sich die Rahmenbedingungen besserten, ist das Angebot einer Ansiedlungsdienstleistung aus einer Hand, wie sie IDA Irleand bietet, was auch deshalb möglich ist, weil das kleine Irland kein föderaler Staat ist. Herausforderungen bleiben aber auch aus Dublin heraus genug zu lösen: Die Infrastruktur muss ausgebaut werden, eine Bahnverbindung vom Flughafen in die Innenstadt muss her, günstigere und zahlreichere Wohnungen auch. Und doch: Die irische Bevölkerung ist vergleichsweise jung – und das Land erlebt einen Zuwanderungszuwachs. Das ist in der irischen Geschichte früher anders gewesen. Aber das Land werde attraktiver. Ob das künftig wegen oder trotz Donald Trump und seiner Politik noch stärker der Fall ist, wird sich zeigen.