Beim Tennis gibt es das immer wieder, dass sich die Tür für einen eigentlich unterlegenen Profi wie aus dem Nichts öffnet und sich plötzlich doch nochmal die Chance ergibt, zurück ins Match zu finden. Bei Jan-Lennard Struff war die Tür sogar sperrangelweit offen. Der Fünfunddreißigjährige lag in seinem Auftaktmatch für die deutsche Mannschaft am Samstag im Davis-Cup-Halbfinale gegen den Spanier Pablo Carreño Busta nach Sätzen 0:1 zurück. Struff, der nicht seinen besten Tag erwischt hatte, musste den zweiten Satz irgendwie gewinnen. Es war ein sehr enges Spiel. Der Tiebreak musste entscheiden. In dem führte der Deutsche auf einmal 6:1, alles flutschte. Struffs krachende Aufschläge rauschten rechts und links am Spanier vorbei. Neutrale Zuschauer in der „Super Tennis Arena“ von Bologna freuten sich wohl schon auf einen dritten Satz. Aber Struff nutzte die Chance nicht. Er vergab tatsächlich alle fünf Satzbälle und verlor das Match am Ende mit 4:6 und 6:7. Zu viele unerzwungene Fehler Es ist müßig zu spekulieren, was passiert wäre, hätte er den Satzausgleich geschafft. Aber auf der Suche nach Erklärungen für die bittere 1:2-Niederlage am Samstag gegen Spanien sind diese geschilderten Nuancen doch wichtig. Weil sie zeigen, dass das Ausscheiden im Halbfinale nicht unglücklich, sondern verdient war. Auch das deutsche Doppel Kevin Krawietz und Tim Pütz leistete sich im entscheidenden dritten Match des Tages – Alexander Zverev hatte sein Einzel gegen Jaume Munar 7:6 und 7:6 gewonnen und das Halbfinalduell damit offengehalten – zu viele Fehler. Es konnte nicht gut gehen mit dem Einzug ins Endspiel. In der Summe ging zu viel daneben. Beim Stand von 1:3 im dritten Satz aus Sicht des deutschen Doppels stand es 30:15 bei Aufschlag für die Spanier. Was passierte, war symptomatisch: Pütz verschlug einen einfachen Überkopfball ins Netz. Dahin waren zwei Breakbälle, Marcel Granollers und Pedro Martínez gewannen kurz danach das Spiel zum 4:1. Im letzten Spiel des Matches hatten Krawietz/Pütz sogar nochmal einen Breakball. Aber auch daraus wussten sie kein Kapital zu schlagen. Am Ende mussten sich die Deutschen mit 2:6, 6:3, 3:6 geschlagen geben. Es war erst die zweite Niederlage für die beiden – im 18. Davis-Cup-Match. Und auch wenn Granollers/Martínez einen Sahnetag erwischt und ihrem Team damit den Einzug in Finale am Sonntag gegen Italien ermöglicht hatten: dass Krawietz/Pütz viele einfache Volleys verschlugen, auch teilweise nicht reaktionsschnell genug am Netz waren und sich wie Krawietz im dritten Satz nicht immer gut bewegten, gehört auch zur Wahrheit dieses entscheidenden dritten Spiels gegen Spanien. Pütz tat sich hinterher etwas schwer mit der Analyse. Aber er verschloss nicht die Augen vor den eigenen Fehlern: „Es war heute vor allem der Klasse der beiden geschuldet. Wir haben kaum etwas Blödes gemacht, sie haben schlicht sehr gut gespielt. Man kann das jetzt endlos analysieren; ja, wir haben auch Chancen liegen lassen – mein Schmetterball etwa. Am Ende haben sie es einfach besser gemacht als wir“, so der Siebenundreißigjährige. Nachdem klar war, dass weder der Spanier Carlos Alcaraz noch der Italiener Jannik Sinner für ihre Teams beim Davis-Cup-Finale in Bologna an den Start gehen würden, war Deutschland plötzlich der Favorit auf den Titel. Weil die Mannschaft mit Alexander Zverev qua Ranking den stärksten Einzelspieler des Finalturniers stellte und auf das Doppel eben immer Verlass war. Man denke an das Viertelfinale gegen Argentinien, als Krawietz/Pütz ein an Spannung kaum zu überbietendes Doppel gegen Andres Molteni und Horacio Zeballos nach Abwehr von drei Matchbällen schließlich 4:6, 6:4 und 7:6 für sich entschied. Aber Geschichte wiederholt sich eben doch nicht immer. „Wie alt wir sind, das kann man sehen“ Michael Kohlmann, der deutschen Teamkapitän, war hinterher niedergeschlagen: „Wir sind sehr enttäuscht über den Ausgang der Partie. Wir hatten uns in diesem Jahr mehr erhofft, aber dieses Format sorgt immer für sehr enge Partien und verzeiht keine Fehler. Auch heute war es eine enge Partie, die in beide Richtungen hätte kippen können. Wir werden auch im nächsten Jahr wieder im Davis Cup angreifen.“ Die große Frage lautet nun: in welcher Besetzung? Pütz, Krawietz, Struff und Hanfmann sind alle zum Teil weit über 30 und befinden sich im letzten Drittel ihrer Karrieren, um es vorsichtig auszudrücken. Vom Ende einer Ära wollte jedenfalls Pütz am Abend des bitteren Ausscheidens im Davis-Cup-Halbfinale in Bologna nichts wissen: „Wie alt wir sind, das kann man sehen“, sagt er. Was ihm aber wichtiger sei: „Man kann sagen, dass wir über die Jahre zu einem sehr guten Team zusammengewachsen sind. Und dann ist es eigentlich auch egal, wer dabei war. Ein Justin Engel, ein Sascha Zverev, oder auch mal ein Andi Mies. Wir haben Struktur und auch eine Kultur aufbauen können und sind ein gefährliches Team, das diesen Wettbewerb immer gewinnen kann. Ich glaube keiner sieht es so, dass heute das Ende einer Ära eingeläutet wurde.“ Pütz klang dabei wie ein Anführer, nicht wie ein Verlierer. Mal schauen, wer von den Ü30-Herren Anfang Februar dabeisein wird, wenn das Team in der ersten Qualifikationsrunde auf Peru trifft. In der zweiten Runde könnte dann ein Duell mit Kroatien oder Dänemark warten.
