Fast jede Fußballmannschaft hat ihren Müller. Er muss nicht Müller heißen, aber einen Typus verkörpern, auf den Trainer ungern verzichten. So wie einst Thomas Müller, dessen Gespür fürs eigene Team, fürs gegnerische Tor sowie für Spielräume der niederländische Coach Louis van Gaal so sehr wertschätzte, dass er beim FC Bayern das legendäre Versprechen abgab, „Müller spielt immer!“ Auch der 1. FC Köln hat einen Müllertyp. Es handelt sich jedoch nicht um Said El Mala, wie jeder vermuten würde, der nichts weiter als die sensationsheischenden Schlagzeilen liest. Wer tiefer blickt, weiß: Das 19 Jahre alte Toptalent hat noch kein Bundesligaspiel über neunzig Minuten bestritten, sondern wurde nach seinen drei Startelfeinsätzen ausgewechselt und bei sieben Begegnungen nur eingewechselt. Als ihn Bundestrainer Julian Nagelsmann für ein paar Tage bei der A-Nationalmannschaft zu sehen bekam, hatte El Mala überschaubare 385 Bundesligaminuten auf dem jungen Buckel. Der kölsche Müller der Stunde heißt Jakub Kaminski. Der Pole spielt immer, und anders als das nun in Vancouver tätige Bayern-Urgestein spielt er überall, wo ihn FC-Trainer Lukas Kwasniok hinstellt. Von den dreißig Fußballprofis, die an jedem der ersten zehn Bundesliga-Spieltagen von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz standen, ist Kaminski der einzige Offensivspieler. Die anderen Dauerbrenner sind 14 Torhüter und 15 Defensivkräfte. Also Spieler, die nicht so weite Wege gehen und in ihren Nationalteams so gefordert sind wie der kölsche Allrounder. „Ich habe die Qualität, meine Leistung neunzig Minuten abzurufen“, lautet Kaminskis Selbstbeschreibung. „Unser bester Spieler“ Seine Qualitäten versteht der Dreiundzwanzigjährige beim Aufsteiger gewinnbringend einzusetzen. Kaminski scheint zwar auf der linken Offensivseite, wo er am liebsten spielt, auch am besten aufgehoben. Doch Kwasniok hat ihn auch schon als Schienenspieler links wie rechts, vorne rechts und in der Mitte sowie als „Achter“ eingesetzt. „Manchmal verfluche ich mich selbst. Man macht sich zu viele Gedanken, um das Bestmögliche abrufen zu wollen“, sagte der FC-Trainer vor dem Heimspiel an diesem Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) gegen Eintracht Frankfurt zu den ständigen Umpositionierungen. Bei der 1:3-Niederlage in Mönchengladbach musste der Allrounder Kaminski die rechte Schiene beackern, damit der Spezialist El Mala von Beginn an über links angreifen konnte. „Ich lasse ihn lieber vorne spielen als auf einer Schiene. Aber das ist nicht immer möglich“, haderte Kwasniok. Gegen die Eintracht wird die Qual der Positionswahl noch größer, weil FC-Dauerrenner Jan Thielmann seine Verletzung überwunden hat und mit seinem Einsatzwillen und seiner Wucht auf die rechte Seite zurückkehrt. Gut möglich, dass Kaminski links vorne beginnt – ehe El Mala eingewechselt wird und dort übernimmt. In Wolfsburg halbiert sich sein Marktwert Auf den vom VfL Wolfsburg ausgeliehenen Kaminski hat Kwasniok schon einige Elogen angestimmt. „Unser bester Spieler“ und „extrem lernwillig“, lobte der Coach neulich wieder nach Kaminskis Gala beim 4:1 gegen den HSV. Der Pole ist nicht nur kreativ und eifrig, er hat auch vier Tore erzielt und eines aufgelegt; damit liegt er nur einen Scorerpunkt hinter El Mala. In Wolfsburg hatte sich Kaminski zuvor zwei Jahre lang schwergetan. Sein Marktwert hatte sich auf fünf Millionen Euro halbiert, bevor ihn die Kölner im Sommer ausliehen und sich eine Kaufoption sicherten. Es liegt auch an Kaminskis Aufblühen, dass der Effzeh einen viel besseren Tabellenplatz einnimmt als sein Kaderwert verheißt – und Wolfsburg einen viel schlechteren. In der Nationalmannschaft spielt Kaminski in der Regel hinter Robert Lewandowski, und das mit einigem Erfolg. Beim 1:1 vor einer Woche im WM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande erzielte der FC-Profi das Führungstor. Wie drei Tage später beim 3:2-Sieg in Malta wurde Kaminski erst in der Nachspielzeit ausgewechselt. Ein ähnliches Pensum in Verein und Nationalteam steht ihm wieder im Frühjahr bevor, wenn er mit Polen in die Play-offs zur WM muss. „Ich freue mich und mache so weiter“, versprach Kaminski kürzlich in Köln.
