FAZ 31.12.2025
13:40 Uhr

Das war das Jahr 2025: „Klappe halten, weiteratmen!“


Nur noch Silberstatus bei der Bahn, kein gezapftes Bier mehr im Bordrestaurant – das waren Aufreger. Warum unsere Autorin trotzdem Zug fährt, schnell wieder ins Tessin muss und einer freundlichen Empfehlung folgt. Ein persönlicher Jahresrückblick.

Das war das Jahr 2025: „Klappe halten, weiteratmen!“

Skandal. Wir haben den Goldstatus bei der Deutschen Bahn verloren. Und das kam so: Bisher konnten wir über die App beim Buchen von Fahrkarten für andere Personen fleißig Bonuspunkte sammeln. Das läpperte sich bei Fernstrecken, vor allem in der 1. Klasse. Doch diesen Programmierfehler in der App hat die Bahn dann doch irgendwann bemerkt. Jetzt reicht es nur noch für den Silberstatus. Das heißt: keine Freigetränke mehr im Bordrestaurant! So schlimm ist das am Ende aber auch wieder nicht, denn die Bahn hat den Zapfhahn Anfang des Jahres zugedreht. Bier gibt es jetzt nur noch aus der Flasche. Wir sind trotzdem bekennender Bahnfan und inzwischen überzeugt, dass sich das, nach dem Motto „So wie es ins Schienennetz hineinschallt, so schallt es auch wieder hinaus“, auf die Verbindungen überträgt. Die Züge Richtung Basel waren in der Regel immer pünktlich, und dort, wo es oft und lange Zeit Baustellen mit Schienenersatzverkehr gab, zwischen Kassel und Paderborn, fährt die Regionalbahn jetzt mit guten Umsteigezeiten und vernünftiger Taktung. An alle, die jeden Tag am Bahnsteig verzweifeln: Habt Geduld, mit jeder Baustelle wird die Bahn besser. Muss es ein Auto in Frankfurt sein? Mit Carsharing ist man in der Stadt gut versorgt. Neulich mussten wir nach Darmstadt, haben den Zug mit Deutschlandticket genommen (18 Minuten) und konnten dann spontan einen von vier Cityflitzern, wie die Autos für Spontanfahrten beim Anbieter Book-n-Drive heißen, am Hauptbahnhof buchen, um damit zum Termin außerhalb der Stadt zu fahren. Für die Rückfahrt auf gleichem Weg war die Zeit zu knapp. Also sind wir mit dem Mietwagen zurück nach Frankfurt ins Büro. One-way-Carsharing gegen Aufpreis. Genial. Der digitale Behördenalltag ist nur so gut, wie man ihn auch nutzt. Wir wollen nicht abgehängt werden und haben endlich unseren elektronischen Personalausweis aktiviert, um damit leichter Tagesgeldkonten zu wechseln und Zutritt zur elektronischen Patientenakte, kurz ePA, zu bekommen. Dass jede der knapp 100 gesetzlichen Krankenkassen eine eigene ePA-App auf den Weg gebracht hat, ist vermutlich der Grund, warum das Geld hinten und vorn nicht reicht. Sei’s drum. Wir empfehlen allen, die auch modern sein und sich mit den digitalen Möglichkeiten beschäftigen wollen, am besten einen Tag Urlaub zu nehmen. Wir haben die Aktivierung der Funktionen nur mit viel Ehrgeiz, Fluchen und Hilfeanrufen bei den Anbietern geschafft. Die ersten Berichte von Facharztuntersuchungen sind inzwischen tatsächlich in der ePA eingetrudelt und bescheinigen: kein Grund zur Sorge. Jetzt müssen wir nur noch die sechsstellige PIN, die man für die Nutzung des E-Persos braucht, wiederfinden. Personal ist das neue Gold Im Hotel oder Restaurant gut bedient zu werden, ist inzwischen, da allenthalben Personal fehlt, der Himmel auf Erden. Es gibt sie noch, die kleinen Oasen, persönlich geführte Hotels mit einer Restaurantküche, in der vernünftig – aufwendig muss es gar nicht sein – gekocht wird. Genau so ein Haus wurde in den Bergen im Tessin gefunden. „Wir kommen bestimmt wieder“, sagten wir beim Abschied. „Dann müssen Sie sich aber beeilen“, antwortete der Hotelchef. „Wir schließen nach dieser Saison. Kein Personal.“ Personal, das neue Gold. Vermutlich hängt auch damit zusammen, dass es mit der Warenqualität den Bach runtergeht. Die Baumwollunterwäsche aus dem Fachgeschäft löst sich heute schneller auf als früher. Das Netzgewebe der teuren Markenturnschuhe aus der Schweiz hat schon im zweiten Jahr nach dem Kauf ein Loch. Ob die neue Reparaturpflicht, die im Juli kommen soll, daran etwas ändern wird? Für den Kaschmirpullover, den wir mit der falschen Gallseife (nicht farbecht) vorbehandelt und ruiniert haben, können wir leider niemanden in Haftung nehmen. Augen auf beim Fleckenmittelkauf! Hat jemand übrigens einen grauen Fingerhandschuh (den linken) gefunden? Oder einen schönen Seidenschal von Hermès? Dann wären wir dankbar um Zusendung. Wir haben schon im Büro nachgeschaut, aber da lag unter dem Rollcontainer nur die Sonnenbrille, die wir schon länger vermissen. Im Verlieren sind wir groß. Schön, wenn einem direkt im Geschäft geholfen wird. Zufälligerweise hatte sich der Reißverschluss der Outdoorjacke just in dem Moment verhakt, als wir vor dem Galeria-Kaufhaus an der Hauptwache standen. Dort hatten wir die Jacke zwei Wochen zuvor gekauft. Das war eine gute Entscheidung. Zwei Damen gingen engagiert mit Schraubenzieher und Zange ans Werk und konnten das Problem lösen. „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“, diesen Satz kennen vermutlich nur noch Babyboomer, die ihn – mal mit mehr, mal mit weniger Überzeugung – seinerzeit in die Seitenecken von Poesiealben schrieben. In allen vier Ecken soll eine Nuss drin stecken – dieses Motto verfolgt nun schon im zweiten Winter ein Eichhörnchen auf der Dachterrasse. Manchmal kommt es vorbei, um nachzuschauen, ob noch alle da sind. Das pure Glück. Als Fehlentscheidung entpuppte sich die Buchung des Onlinesportkurses für Vielsitzer, den die Uni Bochum entwickelt hat und der von den Krankenkassen bezahlt wird (149 Euro), sofern man bis zum Ende dranbleibt. Avatare machen hier die Übungen vor. Leider laufen die Videos nicht durch, man muss auf „Weiter“ drücken. Was schlecht ist, wenn man gerade auf der Matte liegt. Jetzt holen wir uns mit Gaby Fastner über Youtube wieder einen echten und freundlichen Menschen ins Haus, aktuell mit dem Programm: „Work-out für den Plätzchenbauch“. Seltsam. Die Deutsche Post hat noch gar keine Briefportoerhöhung für das neue Jahr angekündigt. Das sollte zu denken geben. Die dänische Post stellt den Briefverkehr im Januar ganz ein und konzentriert sich nur noch auf das Paketgeschäft. So könnte es auch hierzulande kommen. Wir standen neulich genervt mit einem Brief und einer Portofrage in einer Schlange zwischen vielen Paketkunden, es ging nichts vorwärts. „Könnt ihr bitte nicht alle einfach mal wieder in einem Ladengeschäft einkaufen?“, hätte man am liebsten geschrien. In vielen Paketshops wird man seine Briefe schon jetzt nicht mehr los. Ein klassischer Aufreger im Alltag. Die Rolltreppe, ein kompliziertes Wesen Wenn dann noch die Rolltreppe an der U-Bahn steht, ist der Tag beinahe schon gelaufen. Wie überlebenswichtig solche Laufbänder sind, weiß jeder, der schon mal mit einem schweren Koffer davor gestanden hat. Seit diesem Herbst wissen wir auch, wie kompliziert Rolltreppen sind. Am Parlamentsplatz in Frankfurt hat es viele Wochen gedauert, bis die alten gegen die neuen ausgetauscht waren. Zwischendurch sah es wild aus, sodass man dachte: Das wird nichts. Nun läuft sie wie am Schnürchen. Den Handwerkern, die hier tagelang in düsteren Schächten schweißten und montierten, sei Dank. Eine Treppe ist der Grund, warum unser 20 Jahre altes Sofa noch nicht in der Werkstatt ist. Wir haben uns in diesem Jahr endlich dazu durchgerungen, das gute Stück, das abgesehen von den Sitzkissen noch tipptopp ist, aufpolstern und neu beziehen zu lassen. Ein Raumausstatter, der das noch selbst macht, wurde gefunden. Allerdings steht das Sofa im fünften Stock. Der Polsterer hatte einen Leistenbruch und kann noch nicht schwer heben. Bald aber. Wir werden auf dieser Seite berichten. Dankbar müssten viele, die im neuen „Main Bad Bornheim“ ein und aus gehen, der Stadt Frankfurt dafür sein, dass sie noch Schwimmbäder baut. Das Erlebnisbad kommt bei Familien so gut an, dass es an Sonntagen oft ausgebucht ist. In den Anfangswochen ruckelte der Betrieb, in den sozialen Medien schaukelten sich schnell Diskussionen hoch. Um früher öffnen zu können, hatte die Stadtverwaltung bewusst ein paar Kinderkrankheiten in Kauf genommen. Unglücklicherweise wurden die Öffnungszeiten zwischenzeitlich nicht richtig kommuniziert, und die gesamte Schwimmgemeinde im Nachbarschafts-Chat hatte Schnappatmung. „Wenn eine Stadt 67 Millionen Euro in ein neues Bad investiert, erwarte ich, dass dieses auch funktioniert“, schrieb einer. Antwort: „Na, dann erwarte mal schön.“ Dabei gibt es berechtigte Gründe, warum das Atmen schwerfällt. Bei der Filmemacherin Doris Dörrie, die in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden ist, war es die unheilbare Krebserkrankung ihres ersten Mannes, wie sie in einer TV-Doku erzählt. In ihrer Not wandte sie sich an einen tibetanischen Lama, der nur diesen knappen Rat gab. „Klappe halten, weiteratmen.“ In diesem Sinne: Kommen Sie gesund und gelassen durch das neue Jahr.