Presseanfragen können einen in den Wahnsinn treiben. Da ruft man die Pressestelle eines Unternehmens an, wird darauf hingewiesen, besser eine E-Mail zu schicken. Und dann passiert wochenlang nichts. Noch schlimmer wird es, wenn man dazu genötigt wird, eine Presseanfrage an einen Chatbot zu schicken. Neulich recherchierte ich zur Frage, wie Musikvertriebe mit KI umgehen. Ich kontaktierte einen führenden Musikdistributor, also eine Firma, die Musik auf Streamingplattformen wie Spotify ausspielt. Schnell war klar: Die einzige Möglichkeit, eine Interviewanfrage zu stellen, war der Chatbot. Ich erinnerte mich an diese ewigen Telefonate, in denen ich mit computergenerierten Stimmen am anderen Ende der Leitung verhandeln musste. Gerade dann, wann man ein ganz spezifisches Problem hat, wendet man sich doch an den Kundenservice, sonst könnte man ja gleich unter FAQ nachschauen oder sich mit Google helfen. Wenn dann aber am anderen Ende die KI sitzt, wird das Erklären des Problems zum eigentlichen Problem. Oft endete das für mich so, dass ich völlig entnervt in den Hörer schnauzte und nach einer echten Person verlangte. Oder einfach beleidigt auflegte. Am Ende siegte die KI, und 50 Euro waren weg Eine Freundin erzählte mir vor ein paar Tagen, sie habe in einem Laden einen Pullover gekauft. Der Preis auf ihrem Konto wurde fälschlicherweise doppelt abgebucht. Die einzige Möglichkeit, das Geld zurückerstattet zu bekommen, lief über den KI-Kundenservice. Immer wieder verlangte ein Bot nach Zahlungsbelegen für zwei Pullover, obwohl es nur einen gab. Dem Bot diese Leerstelle zu erklären, war offenbar unmöglich. Am Ende siegte die KI, und meine Freundin war um fünfzig Euro ärmer. Mit meiner Presseanfrage wagte ich trotzdem einen Versuch. Das Unternehmen sitzt in den USA, vielleicht war die KI dort schon etwas weiter. Und vielleicht würde sich die KI auskunftsfreudiger zeigen, wenn es um KI-Themen, also letztlich um sie selbst ging. Das ist bei manchen Menschen ja auch so. Höflich schrieb ich dem Bot: „Hallo, ich bin Journalistin einer deutschen Zeitung, und ich würde gerne ein Interview vereinbaren über den Umgang mit KI-Musik – könnten Sie mir weiterhelfen?“ Der Chatbot: „Ja, Sie können KI-Musik hier hochladen“. Ich: „Danke, ich möchte gar keine KI-Musik hochladen, sondern ein Interview vereinbaren.“ Chatbot: „Kein Problem, Sie können Musik hochladen, die KI-generierte Elemente enthält. Nur dürfen Sie diese Elemente nicht verwenden, um die Identität eines Künstlers ohne dessen Erlaubnis anzunehmen.“ Ich: „Genau darüber würde ich ja gerne mit einem realen Menschen sprechen!“ Kann denn nur ein Bot mit einem Bot sprechen? So ging das einige Male hin und her, und ich gebe zu, mein Tonfall wurde mit der Zeit etwas rauer. Wenn es hart auf hart kommt, lässt sich offenbar kein Mensch so schwer bezwingen wie die KI. Kann denn nur ein Bot mit einem Bot sprechen? Ist alles andere, kalauerte ich, unbotmäßig? Die KI schien zu spüren, dass meine Nerven langsam blank lagen und versuchte es mit Beschwichtigungen: Sie wisse meine Geduld zu schätzen und sorge dafür, dass mein Anliegen bald geklärt werde. Ich schlug wieder freundlichere Töne an. Irgendwann hatte ich den Bot so weit. Ihm entschlüpfte eine E-Mail-Adresse mit dem Versprechen: Wenn ich dorthin schriebe, werde sich zeitnah jemand bei mir melden. Eine reale Person. Ich dankte dem Bot, mehrere Male. Siegessicher formulierte ich die schönste aller Presseanfragen, feilte meine englischen Formulierungen zurecht und schickte die E-Mail ab. Eine Sekunde später kam – kein gutes Zeichen – schon die Antwort. Als ich die Nachricht öffnete, stand da: „Diese Mailadresse ist leider nicht besetzt: Bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an unseren Chatbot“. Jetzt doch ziemlich empört, schrieb ich dem Bot, er habe mich auf eine falsche Fährte gelockt und mir einen echten Menschen versprochen. Da erwiderte er nur: „Ich werde an mir arbeiten.“
