FAZ 22.02.2026
14:30 Uhr

Das Leben mit Robotern: Statt Ohren Mikrofone, statt Augen Linsen


Roboter leisten Erste und letzte Hilfe, sehen aber selbst hilfsbedürftig aus: Ein interdisziplinärer Sammelband untersucht die japanische Kultur maschineller Assistenz als Brückentechnologie in ethisches Neuland.

Das Leben mit Robotern: Statt Ohren Mikrofone, statt Augen Linsen

„Sie war eine Venus aus Drähten und Chrom. […] Ich liebte sie platonisch / Sie liebte elektronisch.“ So sang Reinhard Mey 1969 über Maschinenliebe im „Klagelied eines sentimentalen Programmierers“. Der von der Berliner Japanologin Elena Giannoulis herausgegebene Open-Access-Band „The Future of Humans and Emotional Machines. Narratives from Japanese Culture in the 21st Century“ (Routledge 2026) untersucht in Essays aus den Perspektiven von Fächern wie Anthropologie, Philosophie oder Robotik die posthumane emotionale Landschaft Japans. Die Beiträge erörtern das Schwinden von Mensch-Maschinen-Dichotomien sowie Phänomene wie „Love capitalism“ und stellen utopische Sehnsüchte dystopischen Ängsten vor technologischen Übergriffen gegenüber. Es wird erörtert, ob Mensch-Maschine-Bindungen im Pflegewesen oder beim Computerspielen Individuen von realen Beziehungen isolieren oder im Gegenteil als Brückentechnologie zur Verbesserung zwischenmenschlicher Interaktionen dienen. Themen sind digitale Intimitätspolitik, natio­nale Identität, „grausamer Optimismus“ und das Paradox, dass Künstliche Intelligenz Entfremdung und Einsamkeit ebenso auflöst wie perpetuiert. Holographische Ehefrauen, downloadbare Boyfriends, Augmented-Reality-Partner, stei­ger­bar bis zur symbolischen Hochzeitsfeier eines Grundschulverwalters in Tokio 2018 mit der computergenerierten Popsängerin Hatsune Miku – die schöne neue Welt digitaler Interaktion ist vielgestaltig. Die Nachfrage nach Liebeszeichen wächst und wächst Patrick W. Galbraith zeigt in seinem Aufsatz mit dem Titel „Character, de­sire, infrastructure“ die analoge Prähistorie von „Gatebox“, einer mit einsamen Seelen sprechenden süßen Heimassistentin in der Hologrammbox. Statt als bloßes Surrogat menschlicher Beziehungen zu dienen, wie im Westen oft missverstanden, ist „Emotional Tech“ in Japan Teil der auf die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgehenden Tradition eines sich in der Entwicklung von Manga zu Anime, Spielzeug und Merchandise intensivierenden Medienmixes, wobei sich die Anzahl der „Liebeszeichen“ und Kontaktzonen im Sinne von „affektiven Ökonomien“ stetig erhöht. Der Beitrag „Hearts meet wires“ von Giulia De Togni beleuchtet emotionale Technologien und „wahnhafte Liebe“ (mōsō ren’ai) fiktiver Charaktere an der Pflege-Robotik. In der Pflegekrise im überalterten Japan wurden Pflegeroboter zu Rettern stilisiert. Sachgerechtere Lösungen wie eine Erhöhung der Löhne von Pflegekräften oder eine Erleichterung der Arbeitsimmigration fielen dem technologischen Pseudofortschritt zum Opfer. De Togni fasst Regierungsprojekte wie die 2016 ausgerufene supersmarte „Society 5.0“ oder das „Moonshot Research & Development Program“ von 2020, das autonom lernende Roboter heranziehen wollte, unter dem Begriff „Technosolutionism“, einer Ideologie des Glaubens an technische Lösungen. Doch die Visionen effizienter Empathie sind schwer in den Pflegealltag zu inte­grieren. 2019 nutzten nur 10 Prozent der Altenpflegeeinrichtungen Roboter; zwei in der emotionalen Heilung und Demenzbehandlung erprobte soziale Roboter sind der Roboterhund Aibo und das kuschelige therapeutische Seehundbaby Paro. Für viele Patienten, so gibt De Togni zu bedenken, sind Aibo und Paro weniger Pflegehilfskräfte als Wesen, die ihrerseits Pflege benötigen. Dieser Nebenwirkung kann man etwas Positives abgewinnen: Paradoxerweise entstand durch ein Verantwortungsgefühl für die Roboter unter den Patienten ein Lebenssinn (igikai). Können und dürfen sie getötet werden? Unter der Überschrift „The obsolescence of robot commodity and human-machine relationship“ behandelt Kris C. T. Li das Ableben und Entsorgen obsoleter Roboter. Während in Cyberpunk-Animes wie „Ghost in the Shell“ entkörperlichte Unsterblichkeit regiert, sind echte Roboter fragil. So richteten Kunden nach dem Produktionsstopp für Aibo Reparaturkliniken ein, und so fanden, als die Nachlieferung von Ersatzteilen ausblieb, Beerdigungen der Roboterhunde in buddhistischen Tempeln statt. Die Einstellung der Wartung und die Rückversetzung der possierlichen Tiere in den Warenzustand wirft ethische Fragen zur „Tötbarkeit“ der liminalen Roboterwesen auf: Anime wie „Time of Eve“ und „Plastic Memories“ entwerfen technokulturelle Bilder von aufgegebenen intelligenten Roboterleben. Li zieht Donna Haraways auf Tiere bezogenes „Companion Species Manifesto“ heran, um dessen Konzept auf das „ko-konstitutive“ Zusammenleben mit Robotern auszudehnen. Er plädiert fern der Wegwerfethik für Diversität der Beziehungen zwischen den Spezies und für den Schutz der Privatheit ausgedienter An­droiden und Roboter, ausdrücklich als „Menschenrecht“. Yûji Sone stellt unter dem Titel „OriHime robot avatars, affect, and performance“ Avatar-Roboter als Ermöglicher der Selbstermächtigung Behinderter per Fernsteuerung als Sprecher und „Piloten“ vor. Er schildert zwei mit dem Teleroboter OriHime (ausgestattet mit Kamera, Mikrofon und Lautsprechern) von beeinträchtigten Menschen remote gemeinsam mit Nichtbehinderten vor Ort aufgeführte inklusive Theaterprojekte nach europäischen Vorlagen, Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ und Axel Hackes „Der kleine König Dezember“. Laut Sone evozierten sie im Publikum „omoiyari“ (Feingefühl) in Bezug auf Behinderte. Eine andere Anwendung des Konzepts „bunshin“ (der andere erweiterte Körper einer Person) ist das Dawn Avatar Robot Café in Tokio, wo OriHime-Piloten als Kellner arbeiten. Die Essays zeigen Chancen und Grenzen affektiver Algorithmen auf. Es geht weniger radikal aus als bei Reinhard Mey, dessen Programmierer aus enttäuschter Liebe das Stromkabel abschnitt. Heutige Technologien bieten ein affektives Simulakrum, aber noch keinen Ersatz für humane empathische Präsenz.