FAZ 07.09.2026
17:15 Uhr

Das Clubsandwich: Drei Scheiben Toast, die Geborgenheit verheißen


Hühnchen, knuspriger Speck, Salat: Wie das Clubsandwich zum globalen Klassiker der Hotelküche wurde.

Das Clubsandwich: Drei Scheiben Toast, die Geborgenheit verheißen

An einer mit Brokat bespannten Wand im Wiener Hotel „Sacher“ hängen Fotografien derer, die hier logierten, speisten, feierten – ein Who’s who aus mehreren Jahrzehnten: Romy Schneider und Liza Minnelli, Kate Moss und Jean Paul Gaultier, Muhammad Ali, der Dalai Lama und Königin Elisabeth II., aufgenommen bei ihrem Staatsbesuch im Jahr 1969, an der Seite von Prinz Philip. Den meisten dieser illustren Gäste wurde mit einiger Sicherheit ein Stück der berühmten Sachertorte serviert – die süße Visitenkarte des Hauses. Selbstverständlich mit Schlagobers – so sagt man in Wien zur Sahne. Ich sitze in der holzgetäfelten historischen Lobby von 1876 – das Haus feiert heuer seinen 150. Geburtstag – auf einem bordeauxroten Damastsofa, vor mir auf dem schwarzen Marmortischchen: ein Clubsandwich. Fast ein bisschen deplatziert wirkt es zwischen all der altösterreichischen Grandezza – und ist doch genau hier zu Hause, so wie in fast jedem Luxushotel der Welt, von diesem Prachtbau gegenüber der Wiener Staatsoper bis zur Inselresidenz im Indischen Ozean. Der Name klingt verdächtig nach Internetmythos Drei Scheiben entrindeter Toast, diagonal geschnitten, mit einem Holzstäbchen fixiert und in aller Regel von Pommes frites begleitet: ein architektonisches Grundprinzip, das rund um den Globus verstanden wird – kein Hexenwerk also, oder doch? Wie bei vielen vermeintlich simplen Gerichten verzeiht das Clubsandwich keine Schlamperei. Gerade weil es so wenig verspricht, fällt jede Nachlässigkeit doppelt auf. Ist der Toast frisch? Der Speck knusprig? Die Mayonnaise hausgemacht? Keine exotische Zutat rettet einen lieblos zusammengeklatschten Toast, keine raffinierte Soße macht eine staubtrockene Hühnerbrust genießbar. Das Sandwich ist in seiner Bescheidenheit ein gnadenloser Indikator – ein Gericht, an dem sich messen lässt, wie ernst ein Haus seine eigenen Standards nimmt. Über die Anfänge des Clubsandwiches kursieren mehr Geschichten als Belege. Der Name geht zwar unstrittig auf die amerikanischen Herrenklubs zurück, in denen es Ende des 19. Jahrhunderts auftauchte – nur welcher es war, darüber streiten die Häuser bis heute. Das „Saratoga Club House“, ein exklusiver Glücksspielklub im Bundesstaat New York, reklamiert die Erfindung für das Jahr 1894. Der New Yorker „Union Club“ aber war früher dran: Schon am 18. November 1889 fragte die Zeitung „The Evening World“ ihre Leser: „Have you tried a Union Club sandwich yet?“ Warum das Gericht so heißt, führt ohnehin ins Reich der Spekulation. Hartnäckig hält sich die Behauptung, CLUB sei eine Kurzform für „chicken, lettuce, under, bacon“ – was verdächtig nach Internetmythos klingt. Der Speck kommt aus der Traditionsfleischerei Im „Sacher“ bleibt das Sandwich der imperialen Geste des Hauses treu. Das Gedeck huldigt klassischer Tischkultur: gestärkte Servietten, dazu Porzellan mit goldenem Emblem, Estragonsenf, Tomatenketchup und Mayonnaise kommen in Gläschen mit Sacher-Signet und silbernen Teelöffeln. Das Sandwich selbst baut Küchenchef Anton Pozeg auf weißem Toastbrot auf: Die Hühnerbrust vom steirischen Bauernhof Lugitsch wird zunächst schonend sous-vide gegart, dann fein aufgeschnitten und gegrillt, dazu kommen Speck mit leichter Rauchnote aus der Traditionsfleischerei Hürner, ein beidseitig gebratenes Spiegelei aus österreichischen Freilandeiern, dünn geschnittene Tomaten und Gurken, Mayonnaise sowie eine feine Chiffonade von Salatherzen. Die vegetarische Version steht der klassischen in nichts nach: Zwischen den Toastscheiben treffen in Soja marinierter, gegrillter Biotofu, gegrillte Zucchinischeiben, frische Avocado und Avocadocreme, scharfe Mayonnaise sowie feine Gurken- und Tomatenscheiben und Salatherzen aufeinander. Executive Chef Lukas Bachl setzt im „Ritz-Carlton“ am Berliner Potsdamer Platz auf Prignitzer Maispoularde, die er flach gedrückt, gewürzt und rundum angebraten exakt auf 69 Grad Kerntemperatur gart, ehe er sie in feine Tranchen schneidet. Für die Cocktailsoße verrührt er Mayonnaise, Ketchup, Meerrettich und einen Schuss Cognac und lässt darin Estragon und Dill ziehen. Es folgen knuspriger Bacon, ein Spiegelei mit cremigem Dotter und drei Scheiben goldbraun gerösteter Toast. An die Stelle des Geflügels tritt Knollensellerie Auch der fleischlosen Variante widmet man hier bemerkenswerte Sorgfalt. An die Stelle des Geflügels tritt Knollensellerie, die über Nacht in einer Marinade aus Teriyaki, Sojasoße und Chat Masala vakuumiert, anschließend sanft gedämpft und auf dem Grill kräftig angeröstet wird. Dazu kommen Karottenstreifen, scharf angebraten und mit Kala Namak und geräuchertem Paprika gewürzt; mit ihrer rauchigen Umaminote kommen sie Bacon geschmacklich nahe. Andere Häuser, wie das „San Canzian“ im kroatischen Buje, nutzen die Freiheit, die das Sandwich dann doch bietet. Pavo Klarić, 2023 zum besten Jungkoch Kroatiens gekürt, zelebriert im hauseigenen Restaurant „Luciano“ die kulinarische Tradition Istriens. Bei den Zutaten für sein Clubsandwich bricht er gekonnt alle Regeln: Schweinehals, sieben Tage mariniert, acht Stunden gegart, auf Brioche, mit Ziegenkäse und Karottenketchup. Im „Belmond-Hotel Cipriani“ auf Torcello, einer Inselgruppe in der Lagune von Venedig, geht Chefin Vania Ghedini noch weiter: Ihr „Laguna“-Clubsandwich steckt in hausgemachter, mit Nori-Algenpulver durchzogener Brioche, gefüllt mit blauem Krabbenfleisch, Langustinen und Bottarga-Mayonnaise. Den Extra-Twist liefert ein Liebstöckelöl, für das Traubenkernöl und Liebstöckelblätter im Thermomix auf 60 Grad erwärmt und anschließend gefiltert werden. Ergebnis ist ein Sandwich, das mit der ursprünglichen Gattung nur noch die Form teilt, dafür die reichen Aromen der Lagune in sich trägt. Das Clubsandwich kennt keine Tageszeit Auf den Malediven, im \"Méridien Resort & Spa“ auf der Insel Thilamaafushi im Lhaviyani-Atoll, wird die Idee wieder auf ihre Essenz reduziert. Das „Velaaway Signature Sandwich“ setzt auf gegrillte Hühnerbrust, Cheddar, Beef-Bacon, ein Freilandei und knackigen Salat aus dem resorteigenen Gewächshaus in einem halbierten Paninibrot – selbstredend hausgemacht. Und auch im „Palace Hotel Tokyo“ am Rande des Tokioter Geschäftsviertels Marunouchi, wo eine dicke Omelettescheibe das Spiegelei ersetzt und der Toast täglich frisch im Haus gebacken wird, bleibt das Grundprinzip erkennbar. Das Sandwich ist hier rund um die Uhr zu haben – die Rezeptur der „Grand Kitchen’s Original Sauce“, benannt nach dem All-Day-Dining-Restaurant des Hauses, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Bleibt die Frage, warum ein solch schlichtes Gericht den Sprung über Kontinente, Küchen und Kulturen mühelos schafft. Ein Teil der Antwort ist denkbar profan: Das Clubsandwich kennt keine Tageszeit, der es nicht gewachsen wäre. Es funktioniert als verspätetes Frühstück nach durchquerten Zeitzonen, als Lunch zwischen zwei Meetings, als Mitternachtssnack, wenn man um drei Uhr früh mit Jetlag wach liegt und den Zimmerservice ruft, weil der Magen sich nicht darum schert, wie spät es gerade ist. Es geht aber auch um mehr als ums Sattwerden. Wer auf Reisen ist, verliert vertraute Routinen: Die Matratze ist zu hart oder zu weich, die Geräusche ungewohnt – und wo bitte schön ist der Lichtschalter für die Nachttischlampe? Das Clubsandwich erfüllt hier die gleiche Funktion wie ein flauschiger Hotelbademantel: ein standardisiertes Objekt, das Nähe und Geborgenheit suggeriert, an einem Ort, an dem man sich fremd fühlt. Vielleicht hat es Pradeep Poojary, Souschef des „Méridien“ auf den Malediven, am treffendsten formuliert. Selbst an einem der entlegensten Winkel der Welt, sagt er, fühlten sich seine Gäste „right at home – between two slices of bread“.