Das Mikrobiom, die Gemeinschaft aus Bakterien, Pilzen, Viren und anderen Mikroorganismen im Darm, produziert Stoffwechselprodukte, die bis ins Gehirn gelangen können – und dort die Psyche beeinflussen? Einige Studien zeigen jedenfalls, dass sich diese mikrobiologische Zusammensetzung bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) von sogenannten neurotypischen, gesunden Personen unterscheidet. Der Verdacht, dass es einen ursächlichen Zusammenhang gibt, wurde nun auf der Jahrestagung der Fachgesellschaft DGPPN in Berlin diskutiert. „Wir wissen noch nicht sicher, ob ein verändertes Mikrobiom die Symptome verstärkt oder ob ADHS selbst zu einer veränderten Ernährung und damit zu Veränderungen im Mikrobiom führt“, sagte Sarah Kittel-Schneider, Psychiaterin am University College Cork. „Wahrscheinlich wirken beide Richtungen zusammen.“ Das Mikrobiom des Menschen ist kein statisches Gebilde. Schon vor der Geburt beginnt die Prägung über mütterliche Ernährung, das vaginale Mikrobiom, womöglich sogar das des Vaters. Ob ein Kind durch den Geburtskanal kommt oder per Kaiserschnitt, ob es gestillt oder mit Flaschennahrung ernährt wird, all das hinterlässt Spuren im Darm. Das Mikrobiom ist weniger vielfältig bei ADHS Bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS zeigt sich, dass dieses Ökosystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. Studien fanden eine geringere mikrobielle Vielfalt. Besonders die sogenannte Alpha-Diversität, also der Artenreichtum im Darm, ist oft reduziert. Auch die von den Bakterien forcierte Produktion kurzkettiger Fettsäuren wie Butyrat oder Acetat, die für die Darmbarriere und das Immunsystem wichtig sind, scheint gestört. Einige Bakterien treten bei ADHS häufiger auf, etwa Clostridien oder bestimmte Enterokokken. Andere wie Faecalibacterium prausnitzii, ein möglicher „Schutzfaktor“ vor psychischen Erkrankungen, werden seltener gefunden. Was diese Mikroorganismen gemeinsam haben: Sie produzieren Stoffwechselprodukte, sogenannte Metaboliten, die weitreichende Effekte entfalten. Manche wirken entzündungshemmend, andere regulieren Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder GABA. Ein verändertes Mikrobiom könnte so das neuronale Gleichgewicht der Botenstoffe verschieben. Hinzu kommen Hinweise auf eine gestörte Darmbarriere, subklinische Entzündungen und Immunprozesse, die bei ADHS eine Rolle spielen könnten. Hier kommt eine neue und gleichzeitig altbekannte Therapieoption ins Spiel: die Ernährung. Studien zeigen, dass entzündungshemmende Kost wie die mediterrane Ernährung oder die sogenannte DASH-Diät, die speziell für Bluthochdruck-Patienten entwickelt wurde, nicht nur der körperlichen Gesundheit, sondern auch der Aufmerksamkeit guttun kann. Beide fördern mit Gemüse, Vollkorn und gesunden Fetten jene Darmbakterien, die kurzkettige Fettsäuren bilden. Auch die Einnahme von Probiotika, beispielsweise Lactobazillen oder Bifidobakterien, wurden in kleineren Studien mit besserer Emotionsregulation und Lebensqualität bei ADHS in Verbindung gebracht. Erste Hinweise gibt es zudem zu Mikronährstoffen wie Vitamin D, Eisen, Zink, Magnesium oder Omega-3-Fettsäuren. Sie könnten das Mikrobiom und die Neurotransmitter beeinflussen, ein Ausgleich bei Mangel ist daher sinnvoll, bestätigt Kittel-Schneider. Noch weiter gehen Ansätze, die nicht nur einzelne Bakterien, sondern das gesamte mikrobielle Milieu austauschen, etwa durch Stuhltransplantationen. Was bei Darminfektionen längst etabliert ist, wird nun auch bei psychischen Erkrankungen erprobt. Erste Fallberichte zeigen: Wird das Mikrobiom durch gesunde Spenderbakterien ersetzt, verändern sich mitunter auch Verhalten und Aufmerksamkeit. Die Idee wirkt radikal, aber sie zeigt, wie tief die Verbindung zwischen Darm und Psyche reichen könnte. Noch steht all das am Anfang. Viele Studien sind klein, uneinheitlich und explorativ. Ob und wie stark das Mikrobiom tatsächlich zur Entstehung und Behandlung von ADHS beiträgt, lässt sich bisher nicht abschließend sagen. Doch genau hier setzt die aktuelle Forschung an. In zwei großen Studien geht ein internationales Team um Kittel-Schneider der Frage nach, wie Ernährung, Darmflora und Verhalten zusammenhängen. Ziel ist eine neue personalisierte Behandlung, die die Ernährung berücksichtigt. Die Mikrobiom-Modulation ist allerdings nach Aussagen der Experten kein Ersatz für bewährte Therapien. Eher eine alltagsnahe und nebenwirkungsarme Ergänzung, die individuell angepasst wird.
