Mafiaromane lese sie besonders gern, sagt Janina. Aber nicht etwa in Form von Krimis oder Thrillern, sondern in Form von Liebesromanen, genauer gesagt: in der Kategorie des „Dark Romance“. In diesem Untergenre geht es um alles andere als Wohlfühlgeschichten oder Kitsch. Die männlichen Hauptfiguren sind keine romantischen Helden, sondern dunkle, moralisch fragwürdige und angsteinflößende Charaktere: gewalttätige Mafiabosse, obsessive Stalker, rücksichtslose Serienmörder. Die Beziehungen, die sie mit den Protagonistinnen eingehen, sind meist kompliziert, toxisch und von Gewalt geprägt. „Im realen Leben sollte man solche Beziehungen auf keinen Fall führen“, sagt Janina. Gemeinsam mit Alina und Stivi ist sie Teil eines Frankfurter Dark-Romance-Lesekreises, der sich einmal im Monat trifft, um über die aktuelle gemeinsame Lektüre zu sprechen. Die Treffen finden sonntagvormittags beim Brunchen statt. Während an den Nachbartischen Familien zusammen frühstücken, diskutieren die jungen Frauen über das Buch des Monats: „Corrupt“ der US-amerikanischen Autorin Penelope Douglas. Im Mittelpunkt des Romans steht die Protagonistin Rika. Seit ihrer Jugend spielen vier junge Männer aus einflussreichen Familien eine zentrale Rolle in ihrem Leben: Michael, Kai, Will und Damon. Sie scheinen über dem Gesetz zu stehen – geschützt durch den Reichtum und die Macht ihrer Familien. Entsprechend schrecken sie nicht vor Straftaten zurück. Nach einer besonders verhängnisvollen Nacht landen Kai, Will und Damon im Gefängnis. In dem Glauben, Rika habe sie an die Polizei verraten, schwören sie Rache. Nach ihrer Entlassung beginnt ein gezielter Feldzug gegen die junge Frau – ein Spiel aus Hass, Macht und gleichzeitigem Verlangen. Insbesondere Michael spielt eine zentrale Rolle in Rikas Leben. Er ist manipulativ, dominant und von einer krankhaften Besessenheit für die Protagonistin getrieben. Die Beziehung der beiden ist geprägt von Kontrolle und Grenzüberschreitungen – das zeigt sich auch in den detailliert beschriebenen Sexszenen. Wer bei Dark Romance zärtliche Liebesszenen erwartet, liegt falsch. Die Darstellungen sind häufig gewalttätig, eng verknüpft mit Angst und Machtgefällen. Zustimmung wird nicht immer eindeutig gegeben, manche Szenen grenzen an Vergewaltigung. Nicht immer werden diese Dynamiken verurteilt, teils werden sie romantisiert. Dark Romance ist ein Genre für Erwachsene, darüber sind sich die Teilnehmerinnen des Lesekreises einig. Ein Aufkleber auf der deutschen Ausgabe des Buches weist darauf hin, dass die Lektüre erst ab 18 Jahren empfohlen wird. Man müsse über eine gewisse emotionale Reife verfügen, um die dargestellten Handlungen richtig einordnen und sich davon distanzieren zu können, sagt Alina. „Die Autorinnen der Bücher manipulieren ihre Leserinnen. Sie verwenden einen anderen moralischen Kompass, der die Handlung bestimmt.“ Genau darin liegt für Janina der Reiz dieser Bücher: „Ich mag dieses Gefühl beim Lesen: Halte ich das aus?“ Dark-Romance-Romane seien bewusst unangenehm, das Unbehagen, das beim Lesen entstehe, sei gewollt, sagt Janina. Der Dark-Romance-Lesekreis ist eine Untergruppe des „Book Club Frankfurt“, eines Buchklubs mit verschiedenen genrebezogenen Untergruppen. Der Klub wird vollständig von Freiwilligen organisiert und vernetzt sich über Instagram sowie Whatsapp-Gruppen. Trotz der Popularität von Dark Romance in den sozialen Medien ist diese Untergruppe die kleinste, etwa fünf Teilnehmerinnen nehmen an den monatlichen Treffen teil. „Die Dark-Romance-Untergruppe gibt es seit etwa einem Jahr“, sagt Raquel Pardo, Gründerin und Hauptorganisatorin des Buchklubs. Der Wunsch nach einer solchen Gruppe sei aus der Hauptgruppe heraus entstanden. Da jedoch nicht alle Mitglieder Dark Romance lesen möchten oder sich mit der Thematik wohlfühlen, habe man die Bücher bewusst in eine eigene Untergruppe ausgelagert. Triggerwarnungen: Je extremer, desto besser? An dem Genre gibt es viel Kritik. Ihm wird vorgeworfen, Gewalt zu romantisieren, toxische Beziehungen zu normalisieren und antifeministische Narrative zu reproduzieren. Auch wegen dieser Kontroversen möchten die Mitglieder des Lesekreises ihre Nachnamen nicht öffentlich nennen. Große Popularität erlangte Dark Romance vor allem durch soziale Medien, insbesondere Tiktok und Instagram. „Booktok“, beziehungsweise „Bookstagram“, nennen die Nutzer die Nischen der Plattformen, in denen sie sich über Bücher austauschen. Die dort beliebten Titel beschränken sich keineswegs auf Dark Romance. Das Genre ist eines von vielen, jedoch eines, das besonders polarisiert. Je schockierender die beschriebenen Sexszenen und Beziehungsdynamiken sind, desto eher tendieren Leser dazu, über das Buch zu sprechen, und desto eher erreicht das Buch auf Social Media eine große Reichweite. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Triggerwarnungen. Dabei handelt es sich um Listen sensibler Inhalte, die im Buch vorkommen. Enthält ein Buch etwa Darstellungen von selbstverletzendem Verhalten, wird dies in den Triggerwarnungen vermerkt. So können Leser vorab entscheiden, ob sie die Lektüre lesen möchten – oder lieber darauf verzichten. Ursprünglich stammt der Begriff Trigger aus der Psychologie, wo er Reize beschreibt, die bei Betroffenen belastende Erinnerungen oder starke emotionale Reaktionen auslösen können, etwa im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen. Doch die Liste an Triggerwarnungen habe nicht nur einen abschreckenden Charakter, sondern auch einen vermarktenden, sagt Anne Deckbar. Das Genre mache sich gezielt den Schockfaktor zunutze. Deckbar promoviert an der Universität Siegen zu populären Fanpraktiken und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang unter anderem mit Dark Romance. Die Expertin ordnet Dark Romance dem übergreifenden Genre der „New-Adult-Literatur“ zu. Diese richte sich an ein erwachsenes Publikum und erzähle Geschichten über meist weibliche Protagonistinnen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren. Verhandelt würden ernstere Themen wie Macht, Trauma oder Beziehungen, häufig ergänzt durch detaillierte Sexszenen, die in der Szene auch als „Smut“ bezeichnet werden. Von Fifty Shades of Grey zum heutigen Dark Romance Den Ursprung dieses Genres sieht Deckbar in der Fifty-Shades-of-Grey-Trilogie, deren erster Band 2011 erschien. Bekannt wurde die Reihe vor allem durch ihre expliziten BDSM-Darstellungen – Sexszenen, in denen Dominanz und Unterwerfung eine zentrale Rolle spielen, etwa durch Fesselungen oder das einvernehmliche Zufügen von Schmerzen. Im Mittelpunkt steht die 21 Jahre alte Anastasia Steele. Dass ein Roman einer Autorin mit derart offen und ausführlich beschriebenen Sexszenen den Sprung auf den Massenmarkt schaffte, galt damals als Sensation. „Fifty Shades of Grey füllte eine Marktlücke“, sagt Deckbar. „Bis Fifty Shades of Grey den Durchbruch schaffte, gab es entweder Young-Adult-Literatur, in der die Protagonistinnen Jugendliche sind, oder Fantasy-Romance-Geschichten, in denen sie eher Ende 20 oder Anfang 30 sind.“ An der Schnittstelle zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur setze New Adult an. Seit Fifty Shades of Grey habe sich das New-Adult-Genre weiterentwickelt und zahlreiche Untergenres hervorgebracht. Inzwischen habe das Genre sogar einen Kreis gedreht und sei mit Formaten wie dem „Dark Rom-Com“ wieder näher an kitschige Liebeskomödien gerückt – allerdings mit einem düsteren Twist, sagt Janina. Auf diese Weise nehme sich die Szene auch selbst ein Stück weit auf die Schippe. New Adult, Dark Romance und Smut würden kontrovers diskutiert, sagt Diana Weis, Kommunikationswissenschaftlerin und Professorin für Modejournalismus in Berlin. Ein Teil der Leser und Wissenschaftler verstehe die expliziten Sexszenen als Akt weiblicher Selbstermächtigung: New-Adult- und Dark-Romance-Romane würden überwiegend von Frauen geschrieben und gelesen. Andere hingegen kritisierten die teils problematischen Machtverhältnisse sowie die Gewalt, der weibliche Figuren in diesen Büchern häufig ausgesetzt sind. Dark Romance als Spiegel der Gesellschaft „Wir leben in einer Welt, in der Frauen mit Vergewaltigungsängsten aufwachsen“, sagt Weis. „Diese Literatur ist auch eine Form, sich mit solchen Realitäten auseinanderzusetzen.“ Dark Romance führe vor Augen, wie Machtverhältnisse in einer patriarchalen Gesellschaft funktionieren – oft zugespitzt, aber nicht losgelöst von der Realität. Zum Vergleich verweist Weis auf andere populäre Medien: In Krimis und Thrillern seien Mord und sexualisierte Gewalt an Frauen gängige Narrative. Auch in der Pornographie sei die Misshandlung von Frauen weit verbreitet, ebenso wie klare Machtgefälle, in denen Männer dominieren und Frauen sich unterwerfen. Diese Darstellungen würden gesellschaftlich weitgehend akzeptiert und deutlich weniger kontrovers diskutiert als Dark Romance. In diesem Sinne könne Dark Romance auch als Reaktion auf solche etablierten Narrative verstanden werden. Zudem biete das Genre die Möglichkeit, Phantasien auszuleben, ohne – anders als in der Pornographie – reale Menschen zu involvieren. Erotische Literatur sei keineswegs ein neues Phänomen, betont die Literaturwissenschaftlerin Anne Deckbar. „Was man heute als Smut bezeichnet, gibt es schon seit der Antike“, sagt sie. Erotische Szenen fänden sich bereits bei Ovid und Sappho, ebenso im Mittelalter. Im 18. Jahrhundert wurde Fanny Hill zum Verkaufsschlager: ein Roman, der Sexszenen ausführlich schilderte, im 20. Jahrhundert folgte D. H. Lawrence mit Lady Chatterley’s Lover. Ablehnung gegenüber erotischer Literatur habe es immer gegeben. „Oft kam die Kritik aus der Hochkultur“, sagt Deckbar. „Es hieß dann: Das ist Schmutz, das ist wertlos, das ist nicht ästhetisch.“ Besonders stark treffe diese Abwertung Romane, die von Frauen geschrieben und gelesen werden. Sie würden schnell als „Frauenliteratur“ abgestempelt – und damit als minderwertig wahrgenommen. Diese Wahrnehmung teilen auch die Teilnehmerinnen des Buchklubs. „Game of Thrones ist im Grunde auch New Adult und Smut“, sagt Janina. „Es geht viel um Sex, Liebe, problematische Machtverhältnisse – sogar Inzest kommt vor.“ Aus der Buchreihe sei eine der erfolgreichsten Fernsehserien der vergangenen Jahre entstanden. Dennoch würden weder die Bücher noch die Serie so kontrovers diskutiert wie Romane, die von Frauen verfasst sind und ähnliche Themen behandeln. Nach Einschätzung der Leserinnen spiele dabei eine entscheidende Rolle, dass der Autor männlich ist. In Dark-Romance-Romanen geht es zwar um Sex, Liebe und Beziehungen, den Leserinnen des Lesekreises gehe es dabei jedoch weniger um romantisches Schwelgen als um den damit verbundenen Nervenkitzel. „Ein männlicher Freund hat einmal die Bücher in meinem Regal gesehen und mich gefragt, ob ich mir so eine Beziehung wie in Dark Romance wünschen würde“, erinnert sich Alina. „Da dachte ich mir: Jemanden, der Thriller liest, würde man auch nicht fragen, ob er im echten Leben gern Menschen umbringen würde.“ Es gebe zweifellos Dark-Romance-Bücher, die Gewalt romantisierten und problematische Dynamiken nicht ausreichend reflektierten, sagt Deckbar. Das treffe jedoch ebenso auf Werke anderer Genres zu. Gleichzeitig habe Dark Romance das Potential, gesellschaftliche Machtgefälle durch bewusste Überspitzung sichtbar zu machen – ähnlich einer Karikatur, die bestimmte Aspekte besonders hervorhebt. Die durch solche Lektüre angestoßenen Diskussionen könnten daher sehr wertvoll sein. Das Entscheidende sei nicht das Genre selbst, sondern der Umgang damit. Die starke Problematisierung von Dark Romance offenbare dabei eine Schieflage in der Debatte, in der insbesondere von Frauen für Frauen geschriebene Inhalte schneller moralisch bewertet werden als vergleichbare Phantasien in anderen Genres.
