Laut hallen die Schüsse durch das Tal. Mehrere Angreifer dringen von der Bergwand in Richtung des Wasserkraftwerks vor. Ein paar Verteidiger versuchen, sie abzuwehren. Nach wenigen Minuten ist die Übung vorbei, die dänischen Soldatinnen und Soldaten treffen aufeinander, lachen und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern. Im Eis zwischen ihren Füßen liegen die Hülsen der Platzpatronen. Das Buksefjord-Wasserkraftwerk liegt am Ende eines kalten, zu dieser Jahreszeit fast sonnenfreien Fjords, etwas erhöht im verschneiten Fels. Von Nuuk erreicht man es mit dem Boot in knapp zwei Stunden. Es ist die einzige Stromquelle für die grönländische Hauptstadt. In dieser herausfordernden Umgebung trainiere man den Schutz der kritischen Infrastruktur. Dafür seien die Soldaten hier, sagen der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen und Dänemarks Armeechef Michael Hyldgaard am Samstag. Sie sind zusammen mit Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt vor Ort. Nicht gegen Amerika gerichtet Dänemark hat die Anzahl seiner Soldaten auf Grönland massiv erhöht. Wie viele genau da sind, will die Armee nicht bekanntgeben. Offiziell wurden die Soldaten im Rahmen der Übung Arctic Endurance entsandt. Doch ging das einher mit den Drohungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Der hatte lange einen Einsatz militärischer Gewalt nicht ausgeschlossen, um Grönland zu übernehmen. Über Nacht schickte Dänemark dann Soldaten hin – und gab das erst zwei Tage später bekannt. Zu Trainingszwecken, wie es offiziell hieß. Doch führten die Soldaten Berichten zufolge scharfe Munition mit sich. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Trump dann kürzlich den Einsatz von Gewalt zur Übernahme Grönlands ausgeschlossen, aber an seinem Besitzanspruch festgehalten. Er verwies nach einem Treffen mit dem NATO-Generalsekretär Mark Rutte auf eine Rahmenvereinbarung. Seitdem hat eine Verhandlungsgruppe ihre Arbeit aufgenommen. Wie aber der von Trump geforderte Besitz der Insel – oder zumindest von Teilen – mit der dänischen Position, auf keinen Fall Souveränität abzugeben, vereinbar sein könnte, ist unklar. In Nuuk heißt es deswegen von vielen, die Krise sei keinesfalls vorbei. Trump könne seine Meinung jederzeit wieder ändern, sagt ein Soldat an einem anderen Tag in Nuuk. Seinen Angaben nach gab es Hinweise, dass eine amerikanische Invasion unmittelbar bevorgestanden haben könnte. Demnach sei die Gefahr dafür weiterhin vorhanden. Bei der Entsendung der dänischen Soldaten – und derjenigen befreundeter europäischer Staaten – gehe es eindeutig darum, für Amerika den Preis einer möglichen Annexion hochzutreiben, sagt er. Die offizielle Linie bleibt aber eine andere. Gefragt, ob der Einsatz auch der Abschreckung Amerikas diene, antwortet am Samstag Armeechef Hyldgaard, das sei nicht der Fall. Auch Poulsen verneint das. Poulsen vermeidet den Superlativ Im dänischen Königreich ist die Verärgerung über Trump groß. Am Samstag protestieren in Kopenhagen mehr als 10.000 Menschen, darunter viele Veteranen, weil der amerikanische Präsident sich kürzlich herablassend über den Einsatz der NATO-Verbündeten in Kriegen wie jenem in Afghanistan geäußert hatte. Auch vor dem kleinen rot gestrichenen Holzhaus in Nuuk, in dem das amerikanische Konsulat seinen Sitz hat, stehen an dem Tag einige Veteranen im stummen Protest. Dänemark hat in Afghanistan 44 Soldaten verloren, im Irak waren es sieben. Mehr als 200 wurden verwundet. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sagte kürzlich bei einem Auftritt in Paris zusammen mit dem grönländischen Ministerpräsidenten Jens Frederik Nielsen, die Krise sei keinesfalls beendet. Vorbei aber sei die „Weltordnung, wie wir sie kennen“. Trotz allem hält Frederiksen weiter die Hand in Richtung Amerika ausgestreckt. Wiederholt hat sie betont, dass die USA weiterhin Dänemarks engster Verbündeter blieben. Doch im Land gibt es große Sorgen angesichts der technologischen und sicherheitspolitischen Abhängigkeit von Amerika. Dänemark nutzt etwa F-35-Kampfflugzeuge und hat weitere bestellt. Gefragt, ob Amerika weiterhin Dänemarks engster Verbündeter sei, vermeidet Verteidigungsminister Poulsen im Gespräch mit der F.A.Z. in Grönland den Superlativ. Amerika sei weiterhin ein enger Verbündeter, sagt er. Aber es sei „sehr offensichtlich, aus vielen Gründen, dass Europa mehr für die eigene Sicherheit tun muss“. Und ja, er würde auch weiterhin F-35-Kampfflugzeuge in den Vereinigten Staaten kaufen. Kein Anspruch auf Besitz des Bodens Neben Poulsen steht am Samstag vor dem Kraftwerk im Buksefjord Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt. Ihr Pressestatement hält sie auf Grönländisch. Von den vielen anwesenden dänischen Journalisten versteht das kaum einer. Motzfeldt setzt sich seit Langem für die Unabhängigkeit ihrer Insel ein, die ein halbautonomer Teil des dänischen Königreichs ist. Zuletzt aber plädierte sie angesichts des Drucks Amerikas für einen vorsichtigen Umgang mit dem Thema. Grönland stehe geopolitisch im Zentrum des Interesses aufgrund des schmelzenden Eises, sagt Motzfeldt im Gespräch mit der F.A.Z. „Der neue Normalzustand ist, dass der Druck auf Grönland nicht abnehmen wird.“ Ihr Land brauche deswegen eine gute Kooperation mit den Verbündeten. Sie fühle sich heute sicherer als vor drei Wochen, immerhin sei wieder ein diplomatischer Weg mit Amerika eingeschlagen worden, sagt Motzfeldt. „Das gibt mir Hoffnung.“ Zu den Überlegungen, die Vereinigten Staaten könnten die Teile Grönlands, auf denen sie Militärbasen errichten, besitzen, um so Trumps Ansprüche zu befriedigen, hat Motzfeldt eine eindeutige Meinung: „Nein.“ „Wir Einzelnen besitzen hier kein Land, wir besitzen es alle zusammen“, sagte sie. Tatsächlich gibt es in Grönland kein privates Grundeigentum, man kann sich nur Nutzungsrechte kaufen. 20 Soldaten mehr Motzfeldt und Poulsen fliegen dann mit dem Hubschrauber wieder zurück nach Nuuk – eine kleine rote Maschine Grönlands, die verloren wirkt in der gewaltigen weiten Landschaft der Insel. Für die Journalisten geht es mit dem Boot zurück, vorbei an den baumlosen, schroffen Hängen. Auf dem Wasser treiben immer wieder große, bläulich schimmernde Eisschollen, um die das Boot einen Bogen machen muss. In Nuuk geben Motzfeldt und Poulsen vor dem malerischen Kolonialhafen ein Pressestatement. Hinter ihnen liegt ein grönländisches Polizeiboot im Wasser, die beiden wichtigsten dänischen Fernsehsender übertragen live. Motzfeldt spricht trotzdem zunächst wieder Grönländisch. Zusammen mit Poulsen verkündet sie eine weitere Stärkung der Sicherheit auf der Insel. Zumindest eine kleine. So soll ab dem Sommer die Anzahl der Soldaten, die in Grönland eine sechsmonatige arktische Grundausbildung erhalten, von 30 auf 50 erhöht werden. Außerdem soll die Fluggesellschaft Air Greenland künftig die dänische Armee unterstützen, schließlich sind deren Transportflugzeuge bekannt für ihre Fehleranfälligkeit. Geplant sind aber nur zwei zusätzliche Flugzeuge, und das auch erst für Ende 2027. „Hundeschlitten sind wichtig“ In Kopenhagen ist man sich einig, dass das Land die Sicherung Grönlands lange vernachlässigt hat. Mit den nun angekündigten Schritten ändert sich das wohl nicht grundlegend. Grönland ist etwa fünfzigmal so groß wie Dänemark, hat aber nur rund 57.000 Einwohner. Dass die kleine dänische Armee das riesige Gebiet irgendwann allein sichern kann, halten dänische Militärfachleute für ausgeschlossen. Donald Trump hat in Grönland und Dänemark viele Leute verärgert. So verbreitete das Weiße Haus im Internet ein mit Künstlicher Intelligenz generiertes Bild von Trump Hand in Hand mit einem Pinguin im grönländischen Eis. Dabei gibt es in Grönland gar keine Pinguine. Auch Trumps Spöttelei, Dänemark habe die Sicherheit der Insel nur mit einem einzigen Hundeschlitten verstärkt, kam nicht gut an. Aus Sicht Grönlands und Dänemarks zeugt die Bemerkung vielmehr davon, dass Trump keine Ahnung habe. Die Hundeschlitten seien wichtig, sagt Armeechef Michael Hyldgaard am Samstag der F.A.Z. Mit nichts anderem könne man im hohen Norden so präsent sein. Er verweist darauf, dass die Sirius-Hundeschlittenpatrouille 2024 eine illegale russische Expedition im Eis gestoppt habe. In der extrem kalten Landschaft seien die Hundeschlitten das Einzige, was funktioniere. Auf die Frage, ob Dänemark die Sicherheit in Grönland vernachlässigt habe, antwortet er: Noch nie habe jemand Grönland angegriffen. Dänemark habe die Insel immer verteidigt und werde das auch in Zukunft tun, zusammen mit den Alliierten und einer hoffentlich robusteren Präsenz der NATO. Am Nachmittag treten Poulsen und Motzfeldt dann noch bei einer Einwohnerversammlung in einem Gymnasium in Nuuk auf. Draußen sind Eisschollen auf dem Meer zu sehen, drinnen sagt Poulsen zu den Anwohnern, ihre Welt sei auf den Kopf gestellt worden, sie stünden extrem im Fokus. Umso wichtiger sei eine gute Zusammenarbeit zwischen Grönland und Dänemark.
