Auch nach Abpfiff bringt Christian Eriksen seine Routine ins Spiel. Auf dem Weg in die Umkleidekabine werden die Fernsehkameras, Mikrofone und Notizblöcke auf ihn ausgerichtet. Doch der Star des VfL Wolfsburg meidet öffentliche Auftritte geschickt. Im Alter von 33 Jahren lässt der Däne mit der besonderen Fußball-Vita lieber Taten sprechen. Zwei elegante Torvorlagen auf dem Weg zum 3:1-Erfolg bei Borussia Mönchengladbach haben die letzten Zweifel daran verscheucht, ob dieser Profi im Spätherbst seiner Karriere noch glänzen kann. Die Deutung über seine Fähigkeiten überlässt Eriksen anderen. Er ist ein stiller Genießer. Es hat sich bei Eriksen und beim VfL Wolfsburg in den vergangenen Tagen etwas Grundlegendes verändert. Seit der Entlassungen des erfolglosen Trainers Paul Simonis und des an zu viel Misserfolg gescheiterten Sportdirektors Sebastian Schindzielorz sind auf dem Platz personelle Konstellationen erlaubt, die vorher undenkbar erschienen. Der zum Interimstrainer beförderte Daniel Bauer traut es sich, mehrere Spielgestalter auf einmal ins Rennen zu schicken. „Viel besser geht es aktuell nicht“ Auch in Mönchengladbach durfte Maximilian Arnold als Abräumer und Ballverteiler sowie der Edeltechniker Lovro Majer plus der begnadete Eriksen gleichzeitig ihr Können unter Beweis stellen. „Ich muss aufpassen, dass ich die Mannschaft nicht zu sehr lobe. Viel besser geht es aktuell nicht“, sagte Bauer. Seit seinem Amtsantritt haben sich die Wolfsburger in vier Partien sieben Punkte erkämpft. Die Runderneuerung des VfL Wolfsburg hat viele Facetten. Mit dem Schweizer Pirmin Schwegler gibt es einen neuen Sportdirektor. Mit dem Dänen Peter Christiansen darf ein Geschäftsführer bleiben, dessen bisherige Arbeit zuletzt sehr kritisch beäugt worden ist. Seine Zusammenstellung eines multikulturellen Kaders mit einer Vorliebe für dänische Spieler war auch deshalb auf den Prüfstand gerückt, weil der erhoffte Erfolg ausblieb. „Man kann ein Schloss nicht auf Treibsand aufbauen“, sagt Christiansen, wenn er gefragt wird, warum der VfL Wolfsburg über Monate erfolglos war. Jetzt beginnt zu greifen, was eben noch wirr und verwegen erschien. Christiansen sieht sich weiterhin als Boss eines Projektes, dessen Leitung in Kürze entscheiden muss, ob aus dem Aushilfstrainer Bauer der Cheftrainer Bauer wird. Der Grundtenor der Mannschaft lautet: Dieser Coach weiß, wie er uns ansprechen und aktivieren muss. Streng genommen ist das eine kuriose Situation. Bauer war zuletzt für den Wolfsburger Nachwuchs zuständig. In der Bundesliga kannte man ihn bisher nur deshalb, weil er am Ende der vergangenen Saison den Notnagel für den freigestellten Ralph Hasenhüttl spielen sollte. Kann so ein Trainer einem international erfahrenen Profi wie Eriksen das Fußballspielen erklären und ihn besser machen? Die Beweisführung in Mönchengladbach hat ergeben, dass die Idee von Trainer und Ausnahmespieler durchaus zusammenpassen könnte. Die Art und Weise, mit der Eriksen seine Mitspieler einsetzt, lässt sich nur bedingt erlernen. Der dänische Nationalspieler, der zuletzt bei Manchester United unter Vertrag gestanden hat und dort nicht mehr benötigt wurde, glänzt nicht mit einer hohen Laufleistung, sondern mit dem Gespür für den richtigen Moment und die entscheidenden Lücken in der gegnerischen Abwehr. Sein Chippen des Balles in den Laufweg der Kollegen ist eine Kunst für sich. Nutznießer in Mönchengladbach waren die Wolfsburger Torschützen Patrick Wimmer (4. und 34. Spielminute) und Mohamed Amoura (30.). Eben noch galt Eriksen eine sonderbare Personalie bei einem Verein, der vornehmlich junge Spieler verpflichten und weiterentwickeln möchte. Aber auf dem Weg zu diesem lobenswerten Ziel, einen Leitwolf einsetzen zu können, ist eine wunderbare Luxussituation.
