FAZ 05.12.2025
10:57 Uhr

DOSB-Präsident im Interview: „München zeigt, dass man überzeugen kann“


DOSB-Präsident Thomas Weikert über den Zieleinlauf im deutschen Olympia-Rennen, das Ringen mit der Politik um die Spitzensportreform und eine Forderung an ihn, nicht noch einmal anzutreten.

DOSB-Präsident im Interview: „München zeigt, dass man überzeugen kann“

Herr Weikert, stehen Sie vor der wichtigsten Mitgliederversammlung in Ihrer Karriere als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)? Wahrscheinlich ist eine Mitgliederversammlung mit einer Wahl (sie steht 2026 an/d. Red.) sehr wichtig aus der Sicht eines Präsidenten, der seine Arbeit fortsetzen oder zu Ende bringen will. Wenn es aber wie bei uns am Samstag um die Zukunft des deutschen Sports geht, um Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland, um das Sportfördergesetz, dann muss man von einer äußerst wichtigen Mitgliederversammlung für den gesamten Sport sprechen. Wird sie erfolgreich verlaufen? Davon gehe ich aus. Wir stellen den Prozess für die finale Auswahl des deutschen Bewerbers für die Spiele (Berlin, Hamburg, München, Rhein-Ruhr mit Köln/d. Red.) vor, die Bewertungskriterien, und wollen den Weg bis zur Entscheidung auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im September des kommenden Jahres verabschieden. Aus meiner Sicht gab es noch nie so einen transparenten Auswahlprozess. Wir haben das ganz vernünftig gemacht. Sie werden eine Evaluierungskommission berufen. Aber jeder Spitzenverband wird die Gelegenheit bekommen, sein Urteil abzugeben, seinen Anteil an der Punktevergabe haben. Wollen Sie, dass sich die Spitzenverbände kaum gegen ein Ergebnis auflehnen können, das sie teils selbst herbeigeführt hätten? Wir wollen vor allem weiterhin die Expertise der Spitzenverbände berücksichtigen. Es würde mich wundern, wenn nach dieser Form der Mitbestimmung jemand das Evaluierungsergebnis ernsthaft infrage stellt, falls es eindeutig ist. Wenn zwei Bewerber eine annähernd gleiche Punktzahl erreichen, würde es allerdings spannend, das stimmt. Aber das würde auch bedeuten, dass beide Bewerber international wettbewerbsfähig sind. Zum Ende des Bewertungsprozesses wird der DOSB den Delegierten der außerordentlichen Mitgliederversammlung im September 2026 eine Empfehlung geben. Es könnte sein, dass alle vier Kandidaten, nicht alle oder gar nur einer zur Wahl gestellt werden, richtig? Ja, das wäre möglich. Was wäre Ihnen am liebsten? Wenn die Evaluierung ein Konzept klar besser bewertet als alle anderen, dann wäre ich persönlich dafür, nur dieses zur Wahl zu empfehlen. Sollten mehrere eng zusammenliegen, dann müsste auch über all diese Kandidaten abgestimmt werden, da alle international auch Erfolgschancen hätten. In der Kampagne des DOSB für die Spiele geht es stark darum, die Bewerbung als Anliegen der Nation zu verkaufen. In München gab es eine Zustimmung von 66,4 Prozent. Müssen die Konkurrenten ein ähnlich gutes Ergebnis erreichen? München hat gezeigt, dass man die Bevölkerung auch mit positiven Botschaften von den Argumenten, warum in der Stadt Olympische und Paralympische Spiele stattfinden sollen, überzeugen kann. Es hat weltweit noch nie, bezogen auf Sommerspiele, ein erfolgreiches Referendum gegeben. Das wurde auch im Ausland, bei den internationalen Spitzenverbänden und beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC/d. Red.) sehr positiv wahrgenommen. Für das internationale Bewerbungsverfahren ist politische und gesellschaftliche Unterstützung sehr wichtig. Stehen die Münchner im innerdeutschen Wettlauf auf der Pole Position? Nein, auch wenn das der ein oder andere in Bayern möglicherweise anders sieht. Dafür habe ich Verständnis. München hat eine sehr gute Bewerbung und ein gutes Ergebnis beim Referendum abgeliefert. Aber Ersteres gilt auch für die anderen Bewerber, die noch ihre gesellschaftliche Unterstützung absichern werden. München ist also der erste Bewerber, der im nationalen Ziel angekommen ist, aber ich bin zuversichtlich, dass weitere folgen werden. Denn das positive Referendum von München hilft auch den anderen Bewerbern. In Berlin hat sich eine Opposition formiert, der auch Diskuswerfer Christoph Harting angehört . . . Ich kann Christoph Harting überhaupt nicht verstehen. Er ist Olympiasieger. Er hat dadurch sicherlich seinen Ruf verbreiten, sich vielleicht vermarkten können. Jedenfalls hat er durch seine Teilnahme an den Spielen viele Vorteile gehabt. Dass er nun solche Schlagzeilen produziert, irritiert mich. Aber jeder darf seine Meinung sagen. Ich höre, dass sie bei vielen seiner Sportlerkollegen nicht so gut angekommen ist. Harting sagt, das Geld solle man in den Breitensport stecken. Das ist nicht das schlechteste Argument. Sie verlangen auch ständig mehr Geld für die Sanierung von Sporthallen und -plätzen. Aber genau das wird geschehen, wenn die Spiele als nationale Aufgabe betrachtet werden und wir ein ernst zu nehmender Kandidat sind. Es würde einen Aufschwung für den Breitensport geben. Das kann man jetzt schon sehen. Es gibt längst noch nicht genügend Förderung für die Sanierung von Sportstätten, von Schwimmbädern, aber es kommt Bewegung rein. Der Bund hat eine Milliarde Euro bis zum Ende der Legislaturperiode 2029 in Aussicht gestellt, davon bereits 666 Millionen konkret bewilligt, auch in den Regionen wie in NRW wird investiert. Falls Berlin den innerdeutschen Wettlauf gewinnen sollte, vom DOSB im September 2026 ausgewählt würde, könnten Olympia-Gegner anschließend eine Bürgerbefragung in der Hauptstadt durchsetzen mit dem Ziel, die Bewerbung beim IOC zu untersagen . . . . . . diese Problematik ist nicht von der Hand zu weisen und sollte bestenfalls gelöst werden. Wenn es bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung keine Lösung gäbe, dann könnte das Präsidium des DOSB doch nicht empfehlen, über Berlin abzustimmen, oder? Für eine verbindliche Antwort auf diese Frage ist es noch zu früh. Ich denke, der Bewerber sieht diese besondere Herausforderung. Die Berliner Bewerbung ist jedenfalls auch eine sehr gute. Sie ist – wie alle anderen drei auch – beim IOC sehr gut angekommen. Das zählt im Moment. Der DOSB hat beim IOC am vergangenen Freitag zusammen mit der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, die Aufnahme in den sogenannten Continuous Dialogue beantragt, Deutschland gilt jetzt offiziell als Interessent für die Austragung der Spiele in den Jahren 2036 oder 2040 oder 2044. Wie wollen Sie das IOC überzeugen? Das IOC hat eine Kampagne „Fit for the future“. Der können wir uns nur anschließen. Denn fit für die Zukunft zu werden, gilt auch für Deutschland im Allgemeinen und den Sport. Weil so viel im Argen liegt? Ja, das fängt in der Breite an und zieht sich bis in die Spitze. Wir brauchen die Sanierung der Sportstätten, der Hallen, Plätze, der Schwimmbäder, jeder muss schwimmen lernen können. Wir müssen überall angreifen und dazu vorher die Menschen davon überzeugen, welch positive Wirkung schon eine ernsthafte Kampagne für die Ausrichtung von Olympischen und Paralympischen Spielen haben kann. Die Politik steht hinter uns, der Bundeskanzler, Länderregierungen – wie viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, nicht mehr. Sie alle sehen und wissen, dass die Ausrichtung der Spiele eine Bewegung auslösen oder zumindest mit anschieben kann, die Deutschland auf vielen Ebenen braucht. Es gibt viel Pessimismus, die Wirtschaft stagniert, die Gesellschaft driftet auseinander. Das IOC soll Deutschland mit seinen Spielen auf die Beine helfen? Ich würde eher sagen, dass wir uns die Bälle zuspielen. Das IOC weiß, dass Deutschland ein gutes Pflaster ist für seine Spiele, und wir wissen, dass wir vom IOC lernen können, wie man die Menschen in Bewegung versetzt. Olympische und Paralympische Spiele können ein positives Enddatum setzen für viele Prozesse und Entwicklungen, die wir in Deutschland dringend benötigen. Ein Fitnessprogramm wollen Sie auch dem Spitzensport verpassen. Dazu soll ein Sportfördergesetz verabschiedet und eine Spitzensportagentur gegründet werden, die den Spitzensport in Deutschland effektiver und erfolgreicher zu gestalten hätte. Aus dem Referentenentwurf lässt sich ablesen, dass die Staatsministerin in der Agentur das Sagen hätte. Lassen Sie sich das Primat der Politik gefallen? Nach dem ersten Entwurf scheint das so. Und deswegen lehnen wir ihn auch ab. Die Zustimmungsvorbehalte für das Bundeskanzleramt im Stiftungsrat, ein faktisches Vetorecht, können wir so nicht akzeptieren. Da muss es Anpassungen geben. Im Stiftungsrat hätte die Vertretung des Kanzleramts den Vorsitz inne, im Moment die Staatsministerin. Sie könnte Entscheidungen ihres Gremiums etwa zu Förderkonzeptanträgen von Spitzenverbänden kassieren. Ja, und deshalb werden wir um die Veränderung des Gesetzesentwurfes kämpfen. Entscheidungen im Stiftungsrat dürfen nur übergeordneter Natur und darauf ausgerichtet sein, ob sie zu Erfolg im Sport führen. Der Bund sagt, er gebe das Geld, müsse aber die Kontrolle über die Vergabe behalten. Das lässt sich kaum vom Tisch fegen. Mit welcher Lösung könnten Sie leben? Im Stiftungsrat der Agentur soll es fünf Positionen geben. Vier sollen von der Politik besetzt werden, eine vom Sport. Wir respektieren ein Prä des Bundes an ausgewählten Stellen, aber wir stellen uns das Prinzip „Augenhöhe von Politik und Sport“ deutlich anders vor. Die Entscheidungsbalance muss angemessen gestaltet werden, damit sichergestellt wird, dass nicht einer durchregieren kann. In einer Agentur, die den Spitzensport steuern soll, müssen Entscheidungen mit dem Sport getroffen werden, nicht ohne ihn. Wir haben 29,3 Millionen Mitgliedschaften. Man sollte der Vertretung dieser Gruppe ein wenig mehr Gehör schenken. Im Referentenentwurf fehlt der Hinweis auf die Autonomie des Sports, die Thomas Bach, als er noch IOC-Präsident war, 2024 in der F.A.Z. gefordert hat. Ohne diesen Status, sagte er sinngemäß, kämen die Spiele nie nach Deutschland . . . . . . und deshalb können wir auch die Streichung der Autonomie des Sports im vorliegenden Referentenentwurf nicht akzeptieren. Sie lässt sich aus dem Grundgesetz nur herleiten, aber im Sportfördergesetz muss sie ausdrücklich erwähnt werden. Ein eindeutiges Bekenntnis der Regierung zur Autonomie des Sports ist auch eine Bedingung des IOC für alle, die die Spiele ausrichten wollen. Frau Schenderlein hat in persönlichen Worten die Autonomie des Sports beim IOC in Lausanne herausgestellt. Nach einem für den deutschen Sport wichtigen Jahr stehen in einem Jahr Neuwahlen im DOSB an. Ihnen ist vom Sprecher der Landessportbünde im Frühjahr nahegelegt worden, nicht wieder anzutreten. Stimmt das? Ja. Das habe ich zur Kenntnis genommen. Wie gehen Sie damit um? Ich höre in die Verbände hinein und höre dabei auch von Zustimmung für unsere Politik. Gleichzeitig konzentriere ich mich auf die Lösung der Aufgaben, die uns gerade beschäftigen, dann auf die Winterspiele in Cortina und in Mailand. Ich schaue mir an, wie wir bei den Winterspielen abschneiden und wie wir uns präsentieren. Nach den Spielen werde ich dann entscheiden, ob ich noch einmal kandidiere. Hängt Ihre Entscheidung vom Erfolg Ihrer Politik ab? Wir haben schon einiges geschafft. Zu Beginn meiner Amtszeit musste der DOSB in ruhige Bahnen gelenkt werden. Das Verhältnis zum IOC war sehr schlecht, es gab so gut wie keine internationalen Kontakte mehr. Inzwischen ist das Verhältnis zum IOC wieder sehr gut. Und wir sind international wieder stark vernetzt. Den Prozess zur Auswahl des deutschen Bewerbers um Olympische und Paralympische Spiele haben wir logisch und transparent aufgesetzt. Nicht zuletzt liegt die Zahl der Mitgliedschaften mit mehr als 29 Millionen auf einem Rekordhoch. Auch auf Ihre Initiative hin steht der DOSB vor einer Premiere. Die Mitgliederversammlung soll einem Satzungsänderungsantrag zustimmen und dem Präsidium von 2027 an eine Aufwandsvergütung genehmigen . . . Ja. Ich freue mich, wenn die Delegierten zustimmen, weil eine Aufwandsentschädigung gerecht ist für das, was wir im Präsidium leisten. Wir führen das Gespräch in Ihrer Kanzlei in Limburg, weil Sie kurz zuvor noch bei Gericht waren. Für den DOSB sind Sie rund 150 Tage im Jahr unterwegs. Verlieren Sie deshalb an Einnahmen? Ja, aber ich habe die Koordination einigermaßen gut hinbekommen. Der Aufwand im Präsidentenamt soll von 2027 an mit rund 2000 Euro pro Monat vergütet werden, zuzüglich der Reisekosten. Die anderen Präsidiumsmitglieder sollen 1000 Euro erhalten. Stimmt das? Das stimmt, ja. Aber die Aufwandsentschädigung wird keinen Einfluss auf die Entscheidung haben, ob ich noch einmal antrete oder nicht. Davon mache ich das nicht abhängig. Mir macht die Arbeit Spaß.