FAZ 06.12.2025
15:07 Uhr

DOSB-Mitgliederversammlung: Deutschland soll und muss sich bewegen


Der deutsche Sport setzt sich ambitionierte Ziele: Bessere Sportstätten für die Breite, mehr Medaillen in der Spitze. Und keine faulen Kompromisse mit der Politik.

DOSB-Mitgliederversammlung: Deutschland soll und muss sich bewegen

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat die Bundesregierung aufgefordert, die Reform des Spitzensports in Deutschland auf „Augenhöhe“ voranzutreiben. „Es drängt sich der Eindruck auf, die Regierung wolle durchregieren können, die Exekutive scheint sich eine deutliche Mehrheit der Stimmen sichern zu wollen gegenüber dem Sport“, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert am Samstag auf der Mitgliederversammlung in Frankfurt: „Ausgerechnet diejenigen, die am meisten vom Sport verstehen, haben, wenn es darauf ankommt, nichts zu entscheiden. So sieht Gemeinsamkeit nicht aus.“ Weikert bezog sich auf den Referentenentwurf für das geplante Sportfördergesetz und die damit verbundene Gründung einer Agentur im Spitzensport. Im Stiftungsrat dieser Agentur hätte die Politik mit 4:1 Stimmen die große Mehrheit. Die Vertretung des Kanzleramts, in dieser Legislaturperiode die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, übernähme den Vorsitz und könnte Förderkonzeptanträge selbst nach einem positiven Votum des Gremiums noch kassieren. Weikert: „Die Autonomie ist nicht verhandelbar“ Weikert sprach von einem Vetorecht: „Deswegen lehnen wir den Referentenentwurf in seiner vorgelegten Form ab. Auch, weil die Autonomie des Sports aus einer vorangegangenen Version gestrichen worden ist. Die Autonomie“, rief Weikert im Kap Europa den Delegierten zu, „ist nicht verhandelbar.“ Weikert verwies dabei auf die Haltung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das eine Vergabe von Olympischen Spielen von der Autonomie des Sports im Land des Bewerbers abhängig macht. Christiane Schenderlein hatte vor der Rede Weikerts in ihrer Ansprache kein Wort zu der vom DOSB schon vor Wochen formulierten Kritik gesagt. Weikert räumte ein, „dass wir (in der Agentur/d. Red.) Kompetenzen abgeben müssen, aber wir erwarten dasselbe auch vom Bundeskanzleramt, damit wir auf Augenhöhe agieren können.“ Zu einer offenen Konfrontation kam es in Frankfurt nicht, weil die Frist zur Stellungnahme des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen erst am 10. Dezember abläuft. Das Datum war bewusst gewählt worden. Auf Nachfrage von FAZ.NET verwies Frau Schenderlein auf „gute Gespräche“ mit dem DOSB in den vergangenen Wochen. Die Zurückhaltung der Staatsministerin passte zur Stimmung der Mitgliederversammlung und zum Ziel des DOSB, die Mitgliedsorganisationen auf ein gemeinschaftliches Vorgehen bei den gewaltigen Aufgaben einzuschwören. Der DOSB drängt auf die Sanierung der Sportstätten für den Breitensport, will den Spitzensport auf Rang fünf in der Welt heben und Olympische Sommerspiele sowie die Paralympics entweder 2036, 2040 oder 2044 nach Deutschland holen. Bach: „Die Menschen haben die Aggression satt“ Den Ton setzte der frühere IOC- und DOSB-Präsident Thomas Bach mit Blick auf die Bewerbung, das Kernthema in Frankfurt: „Die Menschen haben die Aggression, diesen Hass, diese Konfrontation satt, es steht ihnen bis hier“, sagte Bach und hielt eine Hand an den Hals, „wenn nicht noch weiter. Alle sehnen sich nach etwas, was sie mit Hoffnung in die Zukunft schauen lässt, was uns alle zusammenbringt und auf das wir uns verständigen können. Das ist im Augenblick leider nur der Sport. Lieber DOSB, auf geht’s, packen Sie es an in diesem positiven Sinne.“ In der Bewerbungsfrage entsprach auch die Staatsministerin den Erwartungen des Sports unter Hinweis auf die Unterstützung durch Kanzler Friedrich Merz: „Nutzen wir die Spiele. Es wird auch einen großen Boom für das Ehrenamt geben. In den Konzepten (der Kandidaten Berlin, Hamburg, München, Rhein-Ruhr mit Köln/d. Red.) steckt so viel Zukunft. Vieles davon werden wir für ein besseres Deutschland nutzen. (…) Arbeiten wir daran, eine Bewegung zu schaffen, die Deutschland jetzt braucht.“ Zuvor hatte Boris Rhein, Ministerpräsident von Hessen, für das Projekt geworben: „Es ist Zeit, ein Signal ins eigene Land und in die Welt zu senden.“Die Appelle kamen an. Mit 99,79 Prozent der Stimmen wurde das Bewertungsprogramm zur Auswahl des deutschen Bewerbers auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des DOSB im September 2026 in Baden-Baden angenommen. Der DOSB setzte (mit 98,13 Prozent der Stimmen) eine Evaluierungskommission ein, die dem Dachverband eine Empfehlung geben wird. An der Bewertung werden auch 40 Spitzenverbände beteiligt. Ohne jegliche kritische Anmerkungen wurden unter anderem die Anträge angenommen, von 2027 an dem Präsidium eine Aufwandsentschädigung zu zahlen (98,85 Prozent). Für das Amt des Präsidenten, einer Präsidentin, wird dann 2000 Euro im Monat gezahlt, alle anderen Mitglieder des Präsidiums erhalten 1000 Euro. Die Landessportbünde (LSB) konnten sich mit ihrer Forderung, künftig einen Vertreter oder eine Vertreterin ins Präsidium entsenden zu können, nicht gegen die Haltung der Spitzenverbände durchsetzen. Sie verfehlten die nötige Zweidrittelmehrheit deutlich. De Maizière: „Das ist nicht akzeptabel“ Bei aller teils zur Schau getragenen Harmonie gab es doch einen sehr betrüblichen Moment – als Thomas de Maizière von seinen Erfahrungen als Vorsitzender der Ethik-Kommission des DOSB berichtete. Der frühere Innenminister sieht aufgrund der Hinweise von Betroffenen, die etwa sexualisierter Gewalt im Sport ausgesetzt waren, zum Teil große Lücken in den Spitzenverbänden. Dort fehlt es teilweise an den nötigsten Strukturen, Betroffenen zu helfen, die Fälle aufzuklären, Konsequenzen durchzusetzen. „Schlimmer noch“, sagte de Maizière und schilderte, dass Betroffene sich teils nicht trauten, in ihren Verbänden nach Hilfe zu suchen, weil sie nicht an die Unabhängigkeit der Ansprechpartner glauben. Er rief dazu auf, auch lange zurückliegende Fälle zu melden, und stellte fest: „Andere Organisationen wie die Kirchen sind vielleicht etwas weiter als der Sport. Ich sage ganz leise, dass sich manchmal ein ganz neuer Blick auf eine Persönlichkeit ergibt.“ Nur 25 von 102 Fachverbänden seien bereit gewesen, sich einer Hinweisstelle (eine Kanzlei im Auftrage des DOSB/d. Red.) anzuschließen: „Das ist nicht akzeptabel.“ 2024 hatte der DOSB das Dekaden-Projekt „Safe Sport“ verabschiedet. Demnach verpflichten sich die Verbände, die Entwicklung von Strukturen in ihren Satzungen zu verankern. Das beträfe auch die Vereine. Frau Schenderlein kündigte in Frankfurt an, dass zusätzlich das geplante Zentrum für „Safe Sport“ im Frühjahr gegründet werden soll. An das Zentrum sollen sich alle wenden können, die sich betroffen fühlen. „Die jüngsten Vorwürfe zeigen, dass es eine vom Sport unabhängige Institution geben muss. Das Zentrum für Safe Sport wird die Lücke schließen.“