Bereits um sechs Uhr morgens herrscht am größten Zustellstützpunkt der Deutschen Post in Hessen aktuell reger Betrieb. Die Vorweihnachtszeit sind die arbeitsintensivsten Tage des Jahres: rund 18.000 Pakete und rund 80.000 Briefsendungen sind täglich in der Zustellung – jüngst kam noch die Black Week hinzu: Die Menschen im Stützpunkt arbeiten auf Hochtouren. Die hohen Sendungsmengen halten bis Weihnachten an: Die Post liefert Pakete bis einschließlich Heiligabend aus, damit möglichst alle Geschenke rechtzeitig ankommen. Trotz der vielen Arbeit zeigen sich die Zusteller motiviert, konzentriert und guter Dinge. Was am Wochenende bestellt wurde, trifft montags im Briefzentrum Darmstadt und im Paketzentrum in Rodgau ein, wird dort vorverarbeitet und erreicht den Stützpunkt in Büttelborn im Laufe des Morgens. Dann rollen Transportbehälter über den Betonboden der Halle, es ist laut, das Gewusel groß. Auf den beiden Flügeln des Stützpunkts sortieren die Mitarbeiter die Sendungen nach Zustellgebieten, heben Kisten auf Sortiertische, prüfen Straßennamen und ordnen Briefe den entsprechenden Fächern zu. Während die meisten Briefe maschinell sortiert werden, müssen Nichtstandardformate, wie etwa kleine Pakete, in denen Handyhüllen oder Bücher transportiert werden, von Hand bearbeitet werden. Jeder Handgriff sitzt: Nur wenn die Vorbereitung reibungslos läuft, können die Zustelltouren pünktlich beginnen. Ungefähr 90.000 Haushalte in Büttelborn, Griesheim, Mörfelden-Walldorf, Nauheim, Riedstadt, Stockstadt und Weiterstadt werden täglich über den Zustellstützpunkt in Büttelborn versorgt. Dazu gehören auch die Zusteller des Verbunds Groß-Gerau, eine kleine, beständige Gruppe, die seit Jahren zusammenarbeitet. Der Verbund umfasst mehrere Orte und Bezirke und bildet den administrativen Rahmen. Jeder Zusteller beliefert seine eigenen Verteilerkreise: eng umgrenzte Reviere aus einzelnen Straßen oder Ortsteilen, die die Zusteller genau kennen. Jeder Mitarbeiter verfügt über einen Zustellspind, in dem Briefe und kleinere Pakete nach einem festen System liegen. Große Pakete werden beim Einordnen gescannt, das System erstellt eine digitale Reihenfolge, die während der Tour die nächste Adresse anzeigt. Je Woche werden so im Normalbetrieb ca. 400.000 Brief- und etwa 30.000 Paketsendungen zugestellt. Derzeit deutlich mehr. „Je besser die Vorbereitung, um so schneller die Tour“ Bevor die Zusteller den Hof verlassen, findet täglich ein Teamdialog statt. Hier werden Krankheitsfälle, zu fahrende Touren und organisatorische Hinweise besprochen, auch VIP-Sendungen, sprich Sendungen mit einem hohen Warenwert und besondere Vorkommnisse wie sperrige oder zeitkritische Sendungen. Dirk Hillmann, Abteilungsleiter Brief- und Verbundzustellung, erklärt die Schwankungen im Paketaufkommen: Montag ist traditionell der schwächste Tag, viele Zusteller haben frei, da die meisten Bestellungen vom Wochenende noch nicht den Stützpunkt erreicht haben. Am Dienstag und Mittwoch, nach dem Wochenende, ist traditionell am meisten zu tun. Außerdem nach Regentagen. Nach der Sortierung beladen die Zusteller ihre Fahrzeuge. Eine der neuen Zustellerinnen, sie ist erst seit Sommer dabei, packt ihre Pakete nach persönlichem System in den Wagen. Sie kommt aus dem Einzelhandel und kennt die Hektik vor Weihnachten: „Der Stress macht mir nichts aus. Ich weiß, wie es läuft, und ich mag es, wenn alles reibungslos klappt“, sagt sie. Auch andere Kollegen ordnen die Pakete, prüfen die Reihenfolge auf ihren Scannern und legen Briefe so ein, dass die Tour effizient verläuft. Die Vorbereitungszeit dauert zwischen einer und anderthalb Stunden, das Beladen meist 15 bis 20 Minuten. Leitsatz: „Je besser die Vorbereitung, desto schneller die Tour.“ Gegen 10.30 Uhr verlassen die ersten Zusteller den Hof. Auf den Straßen sind gelb-schwarze Fahrzeuge der Deutschen Post und gelb-rote DHL-Transporter unterwegs. Letztere liefern hauptsächlich große Sendungsmengen in Innenstädte. Deutsche Post und DHL gehören zur DHL Group, dem gemeinsamen Konzern hinter beiden Marken. An den Zentren greifen Brief- und Paketgeschäft ineinander, sagt Hillmann, auch wenn sie im Konzern als getrennte Segmente geführt werden. Laut dem Abteilungsleiter sinkt das Briefaufkommen jährlich um rund zehn Prozent, während der Onlinehandel besonders gegen Jahresende Spitzen erreicht. Der Sendungsmix sei internationaler als früher. Statt klassischer brauner Kartons dominierten heute Kunststoffverpackungen aus Fernost. Durch den Anstieg des Onlinehandels entwickle man sich immer mehr zu einem Paketzustellungsunternehmen. Ein zurückgehender Wirtschaftszweig werde also durch einen wachsenden ausgeglichen. Touren werden täglich angepasst Jährlich werden Touren angepasst, Fahrzeuge größer, Zustellungsbezirke geografisch kleiner – um den steigenden Paketmengen Herr zu werden. In Büttelborn fahren im Normalbetrieb alle Zusteller zusammen 115 Touren am Tag, im Sommer sinkt die Zahl bisweilen auf 90, derzeit sind zum Teil knapp 130 Touren nötig. Im November werden deshalb Zustellstützpunkte und Paket- sowie Briefzentren umstrukturiert, da die meisten nicht auf diese großen Massen ausgelegt sind. Zudem werden zusätzlich Fahrzeuge angemietet. „Wir kämpfen um jedes Paket – damit sichern wir Arbeitsplätze“, sagt Marc Hitschfeld, Geschäftsführer Post & Paket Deutschland bei der DHL Group. Sie transportieren alles von Teppichen über Benzinkanister bis zu Küchengeräten. In Büttelborn sind in der reinen Paketzustellung fast ausschließlich Männer tätig; bei den allgemeinen Zustellern ist der Frauenanteil nach Hillmanns Schätzungen ausgeglichen. In der Praxis ist das Zustellen in diesen Tagen ein logistischer Kraftakt gegen die Menge an Paketen. Am 3. Dezember, dem bislang stärksten Tag des Jahres, wurden in Deutschland rund 12,4 Millionen Pakete ausgeliefert. Die deutschlandweit rund 187.000 Mitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Das Geschäft ist stark saisonabhängig: Auf Bundesebene werden durchschnittlich 6,7 Millionen Sendungen am Tag zugestellt, im Sommer rund fünf Millionen. Durch das hohe Volumen in den Wochen nach der Cyber Week entsteht eine erhebliche Belastung. Viele Kunden bestellen kurzfristig Geschenke, die bis zum 24. Dezember geliefert werden müssen. „Momentan sind wir Weihnachtsmänner“ „Momentan sind wir die Weihnachtsmänner“, sagt Hitschfeld. Die Post garantiere eine Zustellwahrscheinlichkeit bis zum Mittag des 24. von bis zu 99 Prozent – jedoch nur, wenn die Sicherheit der Mitarbeiter gewährleistet bleibe. Idealerweise tritt der Wintereinbruch erst am Nachmittag des Heiligabends ein. Zudem müssten die Kunden die Abgabedaten für den rechtzeitigen Versand einhalten. Nach Weihnachten verschiebt sich der Schwerpunkt, doch es bleibt viel zu tun: Gutscheine werden eingelöst, Geschenke zurückgeschickt. Wie viele von den zugestellten Paketen in die Retoure gehen, kann Hitschfeld nicht sagen, da viele Versanddienstleister übergeordnete Labels haben und man eine Zurücksendung daher nicht wirklich verfolgen könne. Im Januar beginnt dann schon wieder die Planung für die nächste Hochsaison Ende November. „Nach dem Starkverkehr ist vor dem Starkverkehr“, sagt Hitschfeld. Dann werde ausgewertet, wie die vergangene Phase verlaufen sei, wo Engpässe aufgetreten seien und an welchen Stellen Prozesse optimiert werden müssten. Die zu erwartenden Sendungsmengen seien nur bedingt exakt vorherzusagen. Prognosemodelle und KI-basierte Werkzeuge würden jedoch schon im ersten Halbjahr eingesetzt, um belastbare Schätzungen zu entwickeln. Einflussfaktoren seien unter anderem die wirtschaftliche Lage und das Konsumverhalten. „Weihnachtsgeschenke werden immer gekauft, die Frage ist nur, in welchem Umfang“, sagt Hitschfeld. Bereits im Sommer beginne die Rekrutierung zusätzlicher Kräfte. Bundesweit stelle das Unternehmen für die derzeitige Lage deutlich mehr als 10.000 Mitarbeiter ein, die alle nach Tariflohn bezahlt würden. Ihre Einarbeitung dauere mindestens drei Wochen: Touren würden gezeigt, Abläufe geübt, Qualitätsstandards vermittelt. In Büttelborn arbeiten aktuell neben den 180 regulären Mitarbeitern 15 zusätzliche Kräfte. Diese werden von September bis Januar eingesetzt, unterstützt durch Abrufkräfte, Studierende und Samstagshilfen. Urlaube sind in dieser Phase die Ausnahme. Auf den Starkverkehr in den kommenden Wochen blicken die Post und der Zustellerstützpunkt Büttelborn gelassen. „In der Weihnachtszeit packen alle gut mit an und sind stolz darauf“, sagt Hillmann. „Die Mannschaft ist da und weiß, worum es geht.“
