Alfred Gislason überlegt kurz und sagte: „Vielleicht hätte er sich mehr auf die Italiener konzentrieren sollen.“ Gemeint war Bob Hanning. Der Geschäftsführer der Berliner Füchse und Nationaltrainer Italiens hatte Gislason kritisiert – nicht zu knapp. Am Montagabend revanchierte sich Gislason schlagfertig. Nicht nur Hanning hatte Gislason gescholten. Auch medial kam der Bundestrainer nicht gut weg nach der Niederlage gegen Serbien am Samstag. Deswegen sprach Genugtuung aus ihm, als er das 32:30 (17:15) gegen Spanien im letzten Vorrundenspiel bilanzierte – das historische EM-Aus abgewendet, mit guten Aussichten in die Hauptrunde gestürmt: „Ich bin erleichtert und sehr, sehr stolz auf die Jungs. Wir haben offensiv das beste Spiel seit Olympia gegen Frankreich gemacht.“ Für die deutsche Handball-Nationalmannschaft geht es am Donnerstagabend (20.30 Uhr, live ARD und DYN) mit dem ersten Hauptrundenspiel gegen Dänemark weiter. Hanning ist mit seinen Italienern hingegen ausgeschieden. Nachdem er alle umarmt und abgeklatscht hatte, schnappte sich Gislason den nächsten Kritiker. „Wir werden es nicht schaffen, wenn Leute 60 Minuten durchspielen“, hatte Juri Knorr nach der Niederlage gegen Serbien im zweiten Vorrundenspiel gesagt. Das musste man als Hinweis an Gislason verstehen. Nun sprachen die beiden im grellen Licht der Jyske Bank Boxen das Thema offenbar nochmal durch. Gislason erklärte: „Er kam nach Serbien zu mir. Aus seinem Interview wurde ein halber Satz rausgenommen. Ich hatte überhaupt kein Problem damit.“ Weil sich später alle auf Knorrs Kritik gestürzt hätten und weil Gislason Fehler eingestanden und die Niederlage auf seine Kappe genommen hatte, „haben wir es sehr gut geschafft, den Druck von der Mannschaft wegzunehmen, was unser Plan war“, sagte Gislason lächelnd. Dem Druck standgehalten, Plan erfüllt, Aufgabe gelöst: In diesem Moment stand der 66 Jahre alte Isländer wie der strahlende Sieger da. So berechtigt die Kritik an seinem Spielermanagement am Samstag war, so gut machte er es zwei Tage später – jeder Wechsel passte. Gislason nutzte die volle Breite des Kaders und ermöglichte einigen Sternstunden: Kreisläufer Justus Fischer erzielte fünf Tore aus fünf Versuchen und lieferte seinen besten Auftritt ab. Nils Lichtlein war eine quirlige Bereicherung. Mathis Häseler überzeugte in den wenigen Minuten. „Fischi war phänomenal“, lobte Gislason. Auch deswegen, weil er Vielspieler Johannes Golla eine lange Pause spendierte. „Mir fällt ein Stein vom Herzen“ Angeflanscht an die inzwischen erfahrene Achse Köster – Knorr – Uscins konnten die anderen glänzen, weil diese Drei einen sahnigen Abend erlebten: Köster (25, sechs Tore aus zehn Versuchen) spielte mutig und kraftvoll, Knorr (25, fünf Tore aus zehn Versuchen) leitete umsichtig an, Uscins (23, acht Tore aus zehn Versuchen) traf am Fließband. Je länger das Spiel lief, desto besser wurde der Linkshänder aus Hannover auch hinten: er stahl den Spaniern Bälle und lief Gegenstöße. Den deutschen Positionsangriff hat man lange nicht so gut gesehen. „Mir fällt ein Stein vom Herzen“, sagte Uscins, „die letzten zwei Tage waren nicht schön. Wir fahren hier her und wissen, dass es abends vorbei sein kann. Aber wir sind eine richtig geile Mannschaft.“ Bei seinem 33:29 nach Ballklau brüllte der sonst so ruhige Uscins seine Freude heraus, ballte die Fäuste Richtung Fans – die Partie war in dieser 58. Minute entschieden. Die Tür zur Hauptrunde hatten ausgerechnet die von Torwart Andreas Wolff gescholtenen Österreicher geöffnet. Sie bezwangen die schwachen Serben im ersten Spiel des Abends 26:25 – psychologisch ein wertvoller Vorteil für die Deutschen, denen nun nach der komplizierten Euro-Arithmetik schon ein Punkt reichen würde, statt des benötigten Sieges mit drei Toren Abstand. Dem hielt der bärenstarken Abwehrspezialist Tom Kiesler entgegen: „Wir wussten davon nichts und waren sicher, den notwendigen Sieg zu holen.“ Selbstbewusst scheint das Team zu sein. Und so spielte es auch. Über 7:5 und 12:9 ging es zur 17:15-Pausenführung. Spanien ist im Umbruch, die Duschebajew-Brüder nach vielen Verletzungen und seit Jahren im Dauereinsatz nicht mehr frisch wie früher, und – ein ganz entscheidender Punkt: Bundesliga-Souverän Sergey Hernandez (SC Magdeburg) im Tor fasste praktisch keinen Ball an. Trotzdem kamen die Spanier in der 48. Minute auf 25:24 heran. Die deutsche Abwehr – nun mit David Späth im Tor – wurde müde, hatte Lücken. Das Spiel kippte aber nicht, weil es vorn konzentriert und zielstrebig weiterging. Uscins, Köster, Knorr, alle trafen. Dass das 34:29 aus der 59. Minute noch auf das Endergebnis schrumpfte, lieferte Abzüge in der B-Note, könnte es in der Hauptrunde doch auch auf die Tordifferenz ankommen. Das war aber ein Detail, dass nach dieser Wunderheilung zu vernachlässigen war – auch wenn Tom Kiesler es benannte: „Wir hätten gern mit plus fünf gegen sie gewonnen.“ Besonders grün sind sich Deutschland und Spanien im Handball nämlich nicht. „Wir haben uns als Team am Sonntagmorgen zusammengesetzt und ausgesprochen. Jetzt haben wir uns als Team berappelt“, sagte Torwart Späth, der die deutschen Fans unter den mehr als 9000 Menschen in der Arena nach seinen Paraden wieder in Wallung brachte, jetzt aber wie ein Klosterschüler sprach. Auch das nimmt man aus dem Spiel gegen Spanien mit: Dieses deutsche Team lebt.
