Als die große Greta Garbo in der frühen Blütezeit Hollywoods einmal keine ernste Rolle übernahm, in der sie dreinblickte wie eine schwedische Sphinx, sondern in der Komödie „Ninotschka“ die Titelfigur verkörperte, warb ihr Filmstudio mit dem Slogan: Garbo lacht! Die Leute strömten daraufhin ins Kino, staunten und lachten mit, und am Ende erhielt die Schauspielerin einen Oscar. Was das mit der deutschen Handballnationalmannschaft zu hat? Ähnlich Sensationelles war Mittwochabend bei der Europameisterschaft zu erleben. Ein grüblerisch veranlagter junger Mann kam beim Spielen und Sprechen aus sich heraus und erregte damit großes Aufsehen: Juri Knorr lächelte! „Wir sind so eine komische Momentum-Mannschaft“ Für seinen herausragenden Auftritt beim 38:34-Sieg im entscheidenden Hauptrundenspiel gegen Frankreich erhielt der deutsche Spielmacher auch eine Auszeichnung für die beste Hauptrolle. Knorr, der zuvor mehr schlecht als recht ins Turnier gefunden hatte, wurde zum „Man of the Match“ gewählt. Willkommen in Herning, der Traumfabrik des Handballs! Knorr, der sensible Grübler mit dem Zeug zum Weltstar, hatte mal wieder allen gezeigt hatte, was für ein dynamischer, umsichtiger, wurfgewaltiger Weltklassespieler er sein kann: Zehn Treffer, neun davon in gerade einmal einer Viertelstunde, steuerte der Fünfundzwanzigjährige zu jenem Sieg bei, dank dem er und seine Kollegen sich das Halbfinale am Freitag gegen Kroatien (17.45 Uhr) sicherten. Nicht ausgeschlossen, dass es gegen den WM-Zweiten des Vorjahres ähnlich filmreif weitergeht. Der Zusammenhalt macht’s, fand Knorr: „Wir sind so eine komische Momentum-Mannschaft. Das war bei Olympia so, das war auch bei der Heim-EM so, auch wenn wir da leider keine Medaille geschafft haben.“ Bei den beiden von Knorr erwähnten Turnieren verlor die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) übrigens jeweils gegen Kroatien. Die Folgen blieben aber überschaubar. Als es am Mittwoch darauf ankam, zeigten die Kroaten im letzten Hauptrundenspiel gegen Ungarn ihre Comebackqualitäten. Nach einem schlechten Start vorne wie hinten ging der WM-Zweite des Vorjahres eine Viertelstunde vor Schluss erstmals in Führung und siegte am Ende der relativ torarmen Partie in Malmö 27:25. Vor knapp drei Wochen gewann die DHB-Auswahl die beiden Testspiele unmittelbar vor der EM in Zagreb und in Hannover. Doch daraus ließen sich keine Schlüsse fürs Halbfinale ziehen, fand Torhüter Andreas Wolff. Kroatiens Mannschaft lebe von Emotionen und wachse bei Turnieren oft über sich hinaus. „Sie werden ihre Erfahrungen in dieses Spiel hineinlegen und vor allem mit Cleverness und physischer Dominanz antreten“, sagte Wolff, der bei der EM 2016 dabei war, als letztmals ein DHB-Team einen Titel gewann. Nervenstärke und ein bisschen Fortune Gegen Frankreich stand der Vierunddreißigjährige wieder von Beginn an im Tor und parierte prächtig in den kniffligen Phasen der zweiten Halbzeit, als der Titelverteidiger bis auf ein Tor herangekommen war. Obwohl zwischenzeitlich im Angriff alles wie am Schnürchen lief und Deutschland mit fünf Toren in Führung lag, trennte die beiden Teams zwölf Minuten vor Schluss plötzlich ebenso nur noch ein Törchen wie fünf Minuten vor Ultimo. Bei aller Nervenstärke war auch ein bisschen Fortune dabei, als die Franzosen um ihren Star Dika Mem (elf Treffer) mehrfach die Torpfosten trafen. „Wir sind einfach bei uns geblieben, haben unser Spiel gemacht und das bis zum Ende durchgezogen“, sagte Abwehrkraft Matthes Langhoff. Juri Knorr kam sein persönliches vorläufiges Happy-end nach einer überspannten Dramaturgie „ein wenig kitschig“ vor. Als er Hände und eine Urkunde gereicht bekam, stand sein Vater Thomas in seiner Nähe, seine Freundin Friederike war kurzzeitig auf dem Videowürfel oben in der Halle eingeblendet. Doch dann, als ob ihm die Erinnerung an die kitschige Szenerie nicht geheuer ist, wechselte Knorr ins ordinäre Fach: „Eigentlich kam ich mir verarscht vor. Drei Spiele funktioniert nichts, und auf einmal geht jeder Wurf rein.“ Man könnte sagen: typisch Knorr, mal Weltklasse, mal beschwert von Gedanken im Kopf. Man könnte auch weitergehen und allgemein zu dem Schluss kommen: typischer Turnierverlauf einer der DHB-Auswahl: zwischen so lala und olala. Nach dem Auftaktspiel gegen Österreich wurde das Team kritisiert, nach der Niederlage gegen Serbien so gut wie abgeschrieben, vor allem der fehlerhafte Bundestrainer Alfred Gislason. Es folgte eine Serie von Holterdiepolterspielen, die mit Glück, Geschick und Wolff im Tor erfolgreich endeten. Aber plötzlich, als es nach der Niederlage gegen Dänemark um den zweiten Matchball ging, legte die recht junge DHB-Auswahl eine ziemlich reife Leistung hin. Im Showdown gegen Frankreich spielte sie vor allem im Angriff wie im Flow. „Wir sind einfach mutig geblieben und waren auch mental auf einem hohen Level“, sagte Marko Grgic, dem man bei seinem dritten Großturnier nicht anmerkt, dass er mit seinen 22 Jahren der Jüngste im DHB-Team ist. Der dreimal so alte Gislason freute sich mit seinen Jungspunden: „Die Mannschaft ist sehr gewachsen.“ Wie cool sie sein können, hatten die DHB-Spieler schon im olympischen Viertelfinale bewiesen, als sie einen Sechstorerückstand gegen Frankreich nicht irritieren ließen und das „Wunder von Lille“ schafften. Ebenso hielten sie den Druck aus, als sie bei dieser EM mit dem Rücken zur Wand standen. „Wir sind jetzt im Halbfinale und wir wollen Europameister werden“, erhöhte Miro Schluroff das EM-Ziel. Sollte es später mal einen Film geben aus der Handball-Traumfabrik Herning: „Die Überlebenskünstler“ wäre nicht der schlechteste Werbetitel.
