Das Spiel verloren, den Matchball vergeben, den Einzug ins EM-Halbfinale vorerst verpasst: Trotz der Trilogie der Fehlschläge war nur wenig Enttäuschung in den Gesichtern der deutschen Handballer zu erkennen. Die meisten Nationalspieler schauten und redeten nach dem 26:31 gegen Weltmeister, Olympiasieger und EM-Gastgeber Dänemark ziemlich zufrieden mit sich und der Handballwelt und hatten gute Gründe dafür. „Die Mannschaft nimmt sehr viel Selbstvertrauen aus dieser Begegnung“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason nach dem vorletzten EM-Hauptrundenspiel. „Wir haben besser gespielt, als das Ergebnis zeigt.“ Bundestrainer Gislason lässt sich Überraschendes einfallen Vierzig Minuten lang hatte die Auswahl des deutschen Handballbundes (DHB) mit der überragenden Nationalmannschaft der vergangenen Jahre nicht nur mitgehalten, sondern ihr alles abverlangt, und sie zeitweise nervös gemacht. Vor allem aber hat es Deutschland nun in den eigenen Händen, wie angepeilt ins EM-Halbfinale einzuziehen. Im letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich am Mittwoch (18.00 Uhr, im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei Dyn) genügt ein Unentschieden, um wie Dänemark unter die letzten vier zu kommen. „Wir wollen nicht auf ein Unentschieden pokern“, sagte David Späth, der überraschend anstelle des zuvor bärenstarken Andreas Wolff das deutsche Tor hüten durfte: „Wir werden alles reinwerfen und wollen dieses Spiel gewinnen.“ Dass die DHB-Auswahl nun vor dem Hopp-oder-Top-Spiel eine bessere Ausgangslage hat als Frankreich, liegt an der eigenen Stärke und der plötzlich aufgetretenen Schwäche des kommenden Gegners. Die Franzosen, die zuvor einen EM-Torrekord nach dem anderen aufgestellt haben, unterlagen am frühen Montagabend den längst abgeschlagenen Spaniern 32:36. „Wir wussten immer: Wenn man gegen Dänemark verliert, dann muss man halt die anderen schlagen“, sagte Gislason: „Es ist ein reines Endspiel, um ins Halbfinale zu kommen, das wir uns immer erhofft haben.“ Für das Duell mit den dänischen Handballriesen hatte sich der Bundestrainer Überraschendes einfallen lassen. Die etablierten Außen Lukas Zerbe und Lukas Mertens hatte er nicht einmal in den Spieltagskader berufen, weil sie in jedem vorherigen EM-Spiel fast 60 Minuten das Feld rauf und runtergelaufen waren. Sie litten an Muskelverhärtungen, und er wollte ihnen eine Verschnaufpause gönnen, sagte Gislason. Für die beiden spielten zunächst Mathis Häseler rechts und Rune Dahmke links. Die größte Veränderung gab es aber im deutschen Tor. Nicht Andreas Wolff, der bis dato beste deutsche Spieler des Turniers, stellte sich dem Welthandballer Mathias Gidsel und Co. entgegen, sondern David Späth. Gislason begründete dies damit, dass Wolff sich bei den beiden letzten Aufeinandertreffen – im olympischen Finale 2024 und beim WM-Hauptrundenspiel 2025 – schwergetan habe und Späth stark sei bei Rückraumwürfen, wie sie die Dänen gerne versuchen. Als TV-Experten aktive Altstars wie Stefan Kretzschmar meckerten zwar darüber, aber Späth spürte den Rückhalt von Trainern und Mitspielern wie Wolff: „Wir unterstützen uns, deswegen bin ich mit einem guten Gefühl reingegangen.“ Der Torwart von den Rhein-Neckar Löwen parierte ordentlich, bekam in der zweiten Halbzeit aber wenig zu greifen. Für die letzten zehn Minuten, ein wenig spät, kam Wolff. Grgic beklagt „Wurfpech“ beim DHB-Team Im Zusammenspiel ließen die DHB-Abwehrkräften den Dänen zunächst kaum Lücken, warfen sich in die Zweikämpfe und packten kräftig zu. Mehr als zwei Tore Vorsprung konnte sich der EM-Gastgeber, angetrieben von der absoluten Mehrheit der 15.000 Zuschauer, nicht erspielen. Zur Halbzeit hätte sich Gislasons Team sogar beim Ergebnis auf Augenhöhe mit den Dänen befinden können, doch verwarf Nils Lichtlein beim Stand von 12:13 in letzter Sekunde einen Siebenmeter. „Wir hätten es eigentlich verdient gehabt, in der ersten Halbzeit mit drei, vier Toren zu führen“, sagte Marko Grgic und beklagte „Wurfpech“: „Etliche Bälle gingen an den Pfosten, an die Querlatte, ans Lattenkreuz.“ Ende der ersten, Anfang der zweiten Halbzeit gelang den Deutschen etwas Besonderes: Neun Minuten lang ließen sie keinen dänischen Treffer zu. Die Wende zum Schlechteren brachten zwei Zweiminutenstrafen gegen Jannik Kohlbacher und Grgic. „Die doppelte Zeitstrafe hat uns ein bisschen das Genick gebrochen“, sagte Torhüter Späth. „Wir haben es danach nicht mehr geschafft, cool zu bleiben und unser Ding durchzuziehen.“ Auch wenn die Mannschaft gegen Ende in der Abwehr an Aggressivität verlor und sich vorne Fehlwürfe leistete, fühlen sich alle gut gewappnet für das Duell mit Frankreich. „Wir werden alle acht Millionen Prozent dafür geben, dass wir ins Halbfinale kommen“, sagte Rückraumschütze Grgic.
