FAZ 19.01.2026
07:40 Uhr

DHB-Team bei Handball-EM: „Wir müssen das Olympiawunder wiederholen“


Hanebüchene Fehler und ein Coach, der mehr Ballast als Hilfe ist: Das DHB-Team spielt die EM in Moll. Nun droht gegen Spanien bereits das Aus. Und von Zuversicht ist wenig zu spüren.

DHB-Team bei Handball-EM: „Wir müssen das Olympiawunder wiederholen“

Alle Energie wirkte aus dem Körper des 66 Jahre alten Isländers Alfred Gislason gezogen am Sonntagmorgen in Silkeborg. Es war eine traurige Veranstaltung. Von Zuversicht war wenig zu spüren, weder in der Gestik, noch der Mimik. Und das gesprochene Wort wurde nicht gerade mitreißend vorgetragen: „Wir müssen das Olympiawunder wiederholen“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason, sah dabei aber selbst am allerwenigsten danach aus, als glaubte er daran. Kein Wunder, hatte das 27:30 (17:13) am Abend zuvor gegen Serbien doch tiefe Spuren hinterlassen. Im Selbstverständnis einer deutschen Handball-Nationalmannschaft, die das Halbfinale erreichen will, nun aber einen Drei-Tore-Sieg gegen Spanien am Montagabend (20.30 Uhrim F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei DYN) benötigt, um die Vorrunde zu überstehen. Aber natürlich auch bei Gislason selbst. Gislason gesteht Fehler ein Er schlüpfte in die Büßer-Rolle, denn seine fatale Auszeit hatte verheerende Wirkung: „Das war ein Schock für die Mannschaft. Das hat sie einen Punkt gekostet.“ Gislason hatte in dem Moment auf den roten Knopf gedrückt, als Juri Knorr in der 58. Minute vermeintlich das 26:26 erzielt hatte. Es ehrte ihn, auch andere Fehler einzugestehen. „Ich hätte Golla mehr Pausen geben müssen“, sagt er. Sein neben ihm sitzender Kapitän hörte regungslos zu. Ungewohnt löchrig war die deutsche Abwehr trotz Golla gewesen. Das Thema des Tages wollte Gislason dann dabei am liebsten ignorieren: Die harsche Kritik von Juri Knorr, des besten Deutschen. Ihn hatte Gislason in der zweiten Halbzeit weitgehend auf der Bank gelassen, obwohl der 25 Jahre alte Profi aus Aalborg Steuermann der guten ersten Halbzeit gewesen war. „Ich habe sehr lange auf den Gummersbacher Block mit Julian Köster und Miro Schluroff gesetzt“, erklärte Gislason auf Nachfrage, „da ging es auch um Abwehrsachen. Wir schwammen in der Abwehr, da war es schwierig, auf Julian zu verzichten.“ Gislason schätzt seinen Musterschüler als Mann für vorn und hinten. Knorrs Frust, von dem Gislason nichts mitbekommen haben wollte, richtete sich gegen seine Besetzungspolitik: „Wir werden es nicht schaffen, wenn manche Leute 60 Minuten spielen.“ Ein ebenso unglückliches Händchen hatte der Bundestrainer, als er Renars Uscins zu lange, dafür Franz Semper und Marko Grgic zu kurz spielen ließ. Knorr will Verantwortung übernehmen, darf aber nicht Für Knorr war das Erlebnis vom Samstagabend entmutigend. Seit seiner emotionalen Offenbarung im Halbfinale gegen Dänemark bei der Heim-EM vor zwei Jahren hat er an mentaler Stärke gewonnen. Während er damals in Köln nicht mehr spielen wollte, obwohl Gislason ihn fragte, ist er jetzt bereit, Verantwortung zu übernehmen – darf aber nicht. „Jeder kann sagen, was ihm am Herzen liegt“, sprang Golla seinem Teamkollegen bei, „es waren Frust und Enttäuschung dabei. Wichtig ist aber, dass wir jetzt nicht alles über den Haufen werfen.“ Golla ist ein emotionaler Kaltblüter. Dass es in dieser kniffligen Vorrundengruppe Zusammenstöße geben könnte, war ihm klar: „Wir haben trotz des schlechten Spiels keine besondere Situation. Jeder Ausgang hängt von unserer Leistung ab. Wir können das viel besser auf die Platte bringen“, sagte er nüchtern. Auf die beiden Siege gegen Spanien bei den Olympischen Spielen angesprochen – in der Gruppe und im Halbfinale – meinte Golla: „Vor diesen beiden Siegen galt Spanien als unser Angstgegner. Jetzt plötzlich nicht mehr. Die Vorgeschichte des Spiels hat keine Aussagekraft für Montag.“ „Wir waren hungrig“ In seiner Beurteilung der aufreibenden Momente, als sein Team den Vier-Tore-Vorsprung in hanebüchener Manier binnen Minuten verspielte, war der Anführer ebenfalls deutlich: „Wir verschlafen den Start komplett. Wir verlieren die Sicherheit und kommen in einen negativen Flow.“ Mag das auch keine Erklärung für frühe Würfe, dumme Fouls, schlechte Zuspiele sein, gibt es doch Einblick in das Innenleben dieser Mannschaft. Sie ist seit drei der sechs Gislason-Jahre weitgehend in dieser Besetzung zusammen. Sie galt als resilienter, stabiler, wachsamer denn je. Von der besten Auswahl seiner Zeit sprach Gislason. Und doch wirkte sie am Ende des Samstagabends zerbrechlich wie ein dünnschaliges Ei. Vorgeführt hat das Serbien, das bei der vergangenen WM nicht dabei war und die EM davor als Neunzehnter beendete. Zu dieser Chronik eines angekündigten Ausscheidens gehörte auch, dass die Deutschen in den Schluss-Sekunden überhastet versuchten, das Blatt zu wenden, statt eine Niederlage mit nur zwei Toren Unterschied anzustreben. Gislason sagte: „Wir waren hungrig, den Ball zu bekommen und haben offene Manndeckung gespielt. Es wäre aber besser gewesen, in der 6:0-Abwehr zu stehen und die Serben kommen zu lassen.“ Es kam wirklich viel zusammen in einer gruseligen zweiten Halbzeit mit dem Ergebnis 10:17. Der Trainer hatte seinen, die Mannschaft ihren Anteil. Doch war Gislasons Beitrag zu diesem Wirkungstreffer ungewöhnlich groß: Diesmal war der so erfahrene Coach mehr Ballast als Hilfe. Ein deutliches Zeichen, dass sich seine Zeit als Bundestrainer dem Ende nähert. Zu den Worten, die am Sonntagmorgen in Silkeborg nicht wirklich Mut machten, gehörten auch die abschließenden des Nationalmannschafts-Managers Benjamin Chatton: „Wir können gegen Spanien mit fünf Toren verlieren, aber auch mit fünf Toren gewinnen.“ Das sollte das Spektrum der Möglichkeiten im Handball auf diesem Niveau darlegen. Allerdings klang der zweite Teil an diesem Morgen in Moll wie ein Ding der Unmöglichkeit.