Alexandra Popp fühlt sich weiterhin dem nationalen Fußballinteresse verpflichtet. An diesem Mittwoch gehört die Vierunddreißigjährige zur Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die in Nyon Eindruck hinterlassen möchte. Im Hauptquartier der Europäischen Fußball-Union sind dann für den Nachmittag die finalen Präsentationen vorgesehen, bei denen die Kandidaten 15 Minuten Zeit eingeräumt bekommen, um die 18 Exekutivkomitee-Mitglieder des Verbandes von sich zu überzeugen. Am frühen Abend fällt die Entscheidung, welches Land 2029 die Frauen-Europameisterschaft ausrichten darf. Popp soll der WM-Bewerbung des DFB das gewisse Etwas verleihen Zur Abstimmung steht neben Deutschland die Doppel-Bewerbung aus Schweden und Dänemark sowie Polen, das sich als anfänglicher Außenseiter zum Geheimfavoriten mauserte. Popp, die als Stürmerin für den VfL Wolfsburg nach wie vor in der Champions League am Ball ist, soll dann als weithin bekanntes Charaktergesicht bei ihrem Auftritt mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf die deutschen Interessen bekräftigen. Mit ihrem Auftritt, so ist es von Beteiligten zu hören, die an den Planungen beteiligt sind, möchte der DFB seinem Werben das gewisse Etwas verleihen. Am Dienstag laufen Generalproben, damit Sätze und Gesten der wortgewandten Rheinländerin im Idealfall dazu beitragen, die Unentschlossenen unter den Entscheidern vom DFB-Konzept zu überzeugen. Ihren Rücktritt aus der Nationalelf hatte Popp vor etwas mehr als einem Jahr verkündet. Dass sie eine Leerstelle hinterlassen würde, deren Ausmaße sich erst aufzeigen werden, wenn sie nicht mehr dabei ist, war Christian Wück bei ihrem Abschiedsspiel in Duisburg „absolut klar“, wie er seinerzeit sagte. Dass den Bundestrainer seine Weitsicht nicht getrogen hat, wurde am Freitag aufs Neue deutlich. Das 0:0 im Final-Hinspiel der Nations League gegen Spanien war aus deutscher Perspektive ein unbefriedigendes Resultat, das nicht in Ansätzen spiegelte, welch offensiven Aufwand sie betrieben hatten. Selbst bei zurückhaltender Statistikführung standen an diesem Abend in Kaiserslautern hinterher ein halbes Dutzend Möglichkeiten zu Buche, aus denen mit mehr Zielstrebigkeit (so wie es Popp in ihren 144 Partien mit 67 Treffern ehedem fabrizierte) ein Erfolg hätte herausspringen können, den die erstaunlich zurückhaltenden Spanierinnen als verdient zu akzeptieren gehabt hätten. „Das ist die alte Leier“ Bei einem Pfostenschuss von Klara Bühl (56. Minute) und einer Flanke Jule Brands, die den Ball vom rechten Flügel auf die Oberkante der Latte schlenzte (76.), kam Wücks Ensemble dem Treffer, der die Ausgangsposition vor dem Rückspiel an diesem Dienstag in Madrid (18.30 Uhr, ARD) verbessert hätte, nahe – er fiel aber nicht. Was den Zweiundfünfzigjährigen fuchste. Er ließ erkennen, dass seine Gemütsverfassung zwischen Freude und Frust changierte. „Die Effizienz vor dem Tor“, bilanzierte Wück zu später Stunde, „das ist die alte Leier.“ Wück, der sich gern als forsch-ambitionierter Zeitgenosse gibt, rang in den Katakomben des Betzenbergs-Stadions um Worte, die seinen innerlichen Zwiespalt auf den Punkt bringen sollten. Ihm war auch wichtig darauf hinzuweisen, dass er auch ohne Happy End „stolz ist“. Der Auftritt seiner Mannschaft hatte ihm bestätigt, dass der Kurs stimmt „auf dem Weg, den wir im Oktober 2024 zusammen begonnen haben“. Zugleich verstärkten die Eindrücke das nagende Gefühl, dass die Seinen sich bei ihrem Bemühen noch (zu) oft selbst im Wege stehen. Wie es unter anderem Jule Brand Mitte der ersten Hälfte unfreiwillig demonstrierte, als sie aus neun Metern bei freier Schussbahn und ohne Gegnerdruck im Strafraum justament die einzige Spanierin anschoss, die auf der Linie verharrte. „Natürlich ärgere ich mich, weil wir uns wieder nicht belohnt haben“, sagte Wück, und an seiner Tonlage ließ sich erkennen, wie sehr ihn dieses Muster beschäftigt. Gerade das Geschehen in den dominanten 45 Minuten bis zur Pause, stellte er fest, hätte genügen müssen, ein Zeichen zu setzen: „Es ist ärgerlich, dass wir den Sieg nicht mitnehmen.“ Gleichzeitig blieb der Blick des Bundestrainers nicht in der Enttäuschung hängen. Der Respekt vor dem Gegner war da, der Glaube an die eigene Arbeit ebenso – und beides verband sich für ihn zu einer durchaus selbstbewussten Schlussfolgerung. Die couragierte Darbietung gegen die Weltmeisterinnen von 2023, die auch gegenwärtig die Weltrangliste anführen, habe gezeigt, „dass wir nicht nur mithalten, sondern gegen eine Mannschaft wie Spanien unser Spiel auch durchziehen können. Das ist schon eine Entwicklung, die uns die wenigsten zugetraut hätten“. Es wirkte, als wolle er mit diesem Satz auch diejenigen ansprechen, die seinen Kader nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft (gegen Spanien), anhaltenden Verletzungssorgen und zahlreichen Rücktritten arrivierter Kräfte wie Popp für ein Team gehalten hatten, von dem so schnell kein substanzieller Fortschritt zu erwarten ist. Dass den Spanierinnen auf dem vom Regen aufgeweichten und durch die jüngsten Zweitliga-Partien beanspruchten Rasen ungewohnt viele Missgeschicke unterlaufen waren, wollte Wück nicht als Zufälligkeit verstanden wissen. Für ihn war es ein Produkt deutscher Konsequenz. „Warum haben sie diese Fehlpässe gespielt?“, fragte er, ehe er selbst antwortete: „Weil wir diesen Druck entfacht haben, mutig waren und weil wir in unserer Kompaktheit diese Fehler provoziert haben.“ Anerkennung gab es also für das entstandene Gefüge – aber eben nur bis zu jener Zone, in der Spiele entschieden werden. Dort nämlich, im Strafraum, beginnt für Wück das eigentliche Problem. Die lange Reihe verpasster Gelegenheiten wollte er gar nicht mehr einzeln durchgehen, „sonst ärgere ich mich noch mehr“. Wichtiger war ihm, was sich im Rückspiel ändern muss. „Wir brauchen mehr Präzision und Ruhe im Abschluss.“ Am Wochenende, nach der Ankunft am Samstagabend in Madrid, soll es viele Gespräche geben, nicht als Mahnappell, sondern als Ermutigung: Die Spielerinnen sollen jene Freiheit spüren, die das Toreschießen im entscheidenden Moment verlangt. Denn am Können selbst zweifelt er nicht. Genau darin liegt der Kern seiner Erwartung: Im Alles-oder-nichts-Duell müsse die Elf zeigen, dass sie das, was sie sich aufgebaut hat, auch vollendet. Und deshalb formulierte Wück ein Ziel, bei dem gewiss einiges an Wunschdenken dabei war, das in Kaiserslautern aber nicht unbegründet wirkte. Sein Team habe das Rüstzeug, um in Madrid den „letzten Schritt“ zu gehen: „Wir wollen den Titel mit nach Hause nehmen.“
