Es war ein Abend, an dem ihnen eine Lektion erteilt wurde, die nachhallte. Zu später Stunde des 23. Juli in Zürich mussten die deutschen Nationalspielerinnen, die kurz zuvor in der Verlängerung durch einen Geniestreich Aitana Bonmatís in der 103. Minute entscheidend getroffen worden waren, eine besondere Form der Leidensfähigkeit beweisen: Die Niederlage, die den Traum vom Triumph bei der Europameisterschaft platzen ließ, schmerzte umso mehr, da ihnen beim Abgang aus der Kabine zum Mannschaftsbus gruppenweise glückliche Spanierinnen über den Weg liefen, die ihrerseits den Sieg im Halbfinale ungeachtet des Sommergewitters, das über dem Letzigrund-Stadion niederging, mit Paukenschlägen und Gesängen nach allen Regeln der Kunst zelebrierten. Nun kommt es unter ungleich frostigeren Rahmenbedingungen zum Wiedersehen – und die Verlierer von damals wähnen sich bereit, auch dank der Erfahrungen des Sommers, ein neues Kapitel in der Geschichte der beiden in gewachsener Rivalität verbundenen Teams zu schreiben. Ein Finale, zwei Spiele Wobei auch wegen der Schweizer Episode die Rollenverteilung klar festgelegt ist: Die Selección de fútbol de España Femenina, die sich selbst in Anbetracht ihrer beeindruckenden Erfolgserlebnisse als La Furia Roja (Die Rote Furie) bezeichnet, möchte das Kunststück aus dem Herbst 2024 wiederholen und die erst vor zwei Jahren von der Europäischen Fußball-Union (UEFA) auch für die Frauen eingeführte Nations League abermals für sich entscheiden. Diesmal gibt es dabei eine mittlerweile im internationalen Fußballgeschäft ungewöhnlich anmutende Hürde zu überspringen, denn die Vergabe des Titels wird in einem Finale geregelt, das Hin- und Rückspiel vorsieht. An diesem Freitag kommt es in Kaiserslautern (20.30 Uhr, ZDF) zum ersten Teil der Auseinandersetzung, am Dienstag folgt in Madrid (18.30 Uhr, ARD) der Schlusspunkt. Mut darf nicht zu Übermut führen Christian Wück macht sich über die Schwere der Aufgabe keine falschen Vorstellungen. „Nur eine absolute Topleistung wird genügen, um bestehen zu können“, sagte der Bundestrainer, der in seinem Kader genügend personelle „Möglichkeiten“ verortet, durch die sie die „Spiele auf unsere Seite ziehen können“. Für Wück handelt es sich bei dem Duell um eine Reifeprüfung für seine Auswahl, die zuletzt gegen Frankreich nachwies, dass die kollektive Bereitschaft vorhanden ist, die To-Do-Liste, die sich aus der EM-Analyse ergab, abzuarbeiten: Das Team stößt nach gelungenen Abfangaktionen schneller nach vorne, kreiert mehr Chancen und nutzt sie zielstrebiger. Der 52-Jährige erwartet mit einer gewissen Berechtigung, dass die Seinen gegen den Weltmeister von 2023 „definitiv nicht zu viel Ballbesitz“ kommen werden. Daher gelte es, zuvorderst „die Räume eng zu machen“, um getragen von guten Absichten nicht ins offene Messer zu laufen. Mut, so ließ sich der Franke, zwischen den Zeilen verstehen, dürfe unter gar keinen Umständen zu Übermut führen. Er möchte sehen, „dass wir aggressiv ins Eins gegen Eins gehen, hinten Konsequenz zeigen und uns als Mannschaft helfen“. Wück fügte an: „Es werden elf gute Individualistinnen gegen ein Team verlieren. Und das Team wollen wir sein.“ Die Teamplayerin Rebecca Knaak Dass ihm mit Rebecca Knaak eine Innenverteidigerin wieder zur Verfügung steht, stärkt ihn in seinem Optimismus, dass es gelingen kann, dem gewandten und flinken Künstlerinnen-Ensemble, das von Bonmatí, Esther González und Jennifer Hermoso maßgeblich orchestriert wird, Einhalt zu gebieten. Knaak, die nach der EM wegen Knieproblemen ausfiel, habe sich „hundertprozentig fit“ zurückgemeldet und fühle sich dank jüngster Achtungsergebnisse mit ihrem Klub Manchester City, der die englische Premier League anführt, in vielerlei Hinsicht so gestärkt, dass sie den jüngeren Nebenleuten Halt geben könne. Knaak, die trotz alledem auch damit rechnen muss, hinter Kathrin Hendrich zunächst als Ersatz außen vor zu sein, sagte, dass sie „im Sinne des Teamsports immer“ akzeptiere, was sich der Bundestrainer in Aufstellungsfragen ausdenkt. Gegebenenfalls werde sie auch von der Bank die nötige Unterstützung liefern, „ich gehe da ganz offen rein“. Knaak sprach von einer „Rechnung“, die es gegen Spanien zu begleichen gelte, und dass sie es als Vorteil erachtet, „zwei Chancen zu haben, um es besser zu machen“ – und in Summe mit dem Gewinn der ersten Trophäe seit der Olympia-Goldmedaille 2016 in Rio de Janeiro den nächsten Entwicklungsschritt zu vollziehen. Sie selbst gehört zu den Spätstarterinnen in aktuellen Kreis der Nationalelf und dass sie bei der EM zur Führungskraft aufstieg, erzählt viel über die Wendung ihrer Karriere. Im Februar kehrte sie, die es in der Bundesliga für Freiburg und Leverkusen auf 169 Einsätze brachte, nach langer Abwesenheit ins Nationalteam zurück – zu einem Zeitpunkt, an dem viele Beobachter Knaaks internationale Ambitionen als erledigt betrachteten. Doch Jahre in Schweden bei FC Rosengård und später in Manchester haben sie sportlich wie mental weitergebracht. Ihre unaufgeregte Art, auch nach Rückschlägen stabil zu bleiben, wurde zu Wück für einen Wert an sich. Er hielt fest, sie habe als einzige Linksfüßerin im Zentrum „alles, was eine erfolgreiche Innenverteidigerin braucht“. Knaak agiert raffiniert, weiß, dass sie bei weitem die nicht die Schnellste ist, sondern ihren Körper einbringen muss, um Stürmerinnen zu stoppen. Sie schiebt Kommandos ein, beruhigt Abläufe und erfüllt damit genau jene Lücke, die nach dem Rücktritt Marina Hegerings offengelegen hatte. Dass für sie weniger als ein Jahr nach ihrem Comeback plötzlich ein Titel in Aussicht steht, wirkt in diesem Kontext folgerichtig. Knaak steht für den pragmatischen Fortschritt, der Wücks Auswahl gegenwärtig kennzeichnet: Sie kann auf ihre Art dem Team eine Stabilität geben, die Deutschland gewiss nicht zum Favoriten macht – aber die Chance erhöht, dass dieses Endspiel länger offen bleibt, als Spanien lieb ist.
