Mehr als 35 Jahre nach dem Ende der DDR wächst die Unkenntnis über die Geschichte der SED-Diktatur generationenübergreifend. Zunehmend wird der DDR-Alltag mit angeblich größerem sozialen Zusammenhalt und vermeintlicher Gleichberechtigung sowie zuverlässiger Kinderbetreuung verklärt, obwohl die Zeitzeugen einer geknechteten Mehrheitsgesellschaft im Osten das Gegenteil bezeugen könnten. Dass niemand im Osten sich Mangelwirtschaft und Diktatur ausgesucht hat, gerät darüber in Vergessenheit. Ausgerechnet in Berlin, das die DDR-Vergangenheit im eigenen Stadtbild spiegelt wie keine zweite deutsche Stadt, soll nun die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und der DDR-Geschichte in der Oberstufe nicht mehr verbindlich sein. Das zeugt von maßloser Geschichtsvergessenheit. Kein beliebiger Stoff, sondern wichtig fürs Urteilsvermögen Die Bundesstiftung Aufarbeitung und die Geschichtslehrerverbände haben zu Recht darauf hingewiesen, dass die deutsche Teilung und der demokratische Neubeginn kein beliebiger Stoff sind, sondern demokratisches Urteilsvermögen entscheidend prägen. Schüler informieren sich inzwischen vor allem im digitalen Raum, wie sollen sie eigentlich solchen Fake-News wie einer vermeintlichen Annexion der DDR durch die Bundesrepublik, wie sie jüngst ein russisches Schulbuch behauptete, gewachsen sein, wenn sie nur Halbwissen über die SED-Diktatur besitzen? Obwohl die Unkenntnis der Schüler über die DDR-Geschichte seit Jahren weiter zunimmt, gelingt es nicht, die nötigen Schlussfolgerungen für den Schulunterricht zu ziehen. Stattdessen werden – wie so oft in der Bildungspolitik – Sonntagsreden gehalten, die im schärfsten Widerspruch zum Schulalltag stehen. Gerade weil es offenbar einen Dissens über die zweite deutsche Diktatur in der Bevölkerung gibt, wären Faktenwissen und eine ungeschminkte Darstellung des DDR-Alltags nötig. Von der Pflicht zur Vermittlung der DDR-Geschichte darf sich kein Bundesland befreien, am allerwenigsten aber Berlin.
