FAZ 01.12.2025
13:47 Uhr

Crack-Szene im Bahnhofsviertel: Was Frankfurt in der Drogenpolitik ändern muss


Die Frankfurter Drogenpolitik steht seit Jahren in der Kritik. Doch die Stadt setzt noch immer auf den altbewährten Kurs: Hilfe für alle, auch für auswärtige Abhängige. Das muss sich ändern.

Crack-Szene im Bahnhofsviertel: Was Frankfurt in der Drogenpolitik ändern muss

Noch Anfang des Jahres 2025 war sich die Stadtpolitik in Frankfurt einig. Bilder von Menschen, die auf dem Bürgersteig lagern und dort in aller Öffentlichkeit Drogen konsumieren, sollte es nicht mehr geben. Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen Touristen beim Durchstreifen des Frankfurter Bahnhofsviertels Menschen sehen, die in den Rinnsteinen auf dem Boden kriechen, auf der Suche nach restlichen Krümeln von Crack. Die einem entgegentorkeln, sodass Anwohner die Straßenseite wechseln. Oder die benommen an Hauswänden lehnen, sodass man auf den ersten Blick kaum sagen kann, ob die Person überhaupt noch lebt. Nun, zwölf Monate später, lässt sich eines feststellen: Geändert hat sich das Erscheinungsbild im Bahnhofsviertel nicht. Schlimmer noch, die Frankfurter Stadtregierung hat eine verheerende Bilanz vorzuweisen. Nicht nur ist die Römer-Koalition zerbrochen am Streit über das neue Suchthilfezentrum. Es ist auch nicht gelungen, im Zusammenhang mit der geplanten Einrichtung, die in der Immobilie Niddastraße 76 entstehen soll, eine Reduzierung der Drogenszene festzuschreiben – die jedoch dringend nötig wäre, soll sich tatsächlich etwas ändern. Über die Frage des Umgangs mit auswärtigen Drogenkonsumenten ist auch das Verhältnis zwischen Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) und Gesundheitsdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) noch stärker abgekühlt, als es zuvor ohnehin schon der Fall gewesen war. Entbrannt ist ein interner Machtkampf, der sich um die Frage rankt, welche Art von Drogenpolitik Frankfurt in den nächsten Jahren einschlagen soll. Josef spricht sich für eine stärkere Reglementierung der Drogenhilfe aus. Auswärtige Konsumenten, so seine Forderung, sollten schon jetzt in den bestehenden Hilfseinrichtungen abgewiesen und in ihre Heimatkommunen vermittelt werden, die zu großer Zahl in den südlichen Bundesländern lägen. Wer Hilfe braucht, soll sie bekommen Voitl hingegen fordert zwar auch von den Umlandkommunen ein eigenes Netz mit Hilfseinrichtungen – steht aber dennoch weiterhin für den Ansatz, dass im Zweifelsfall niemand abgewiesen wird. Nach dem Motto: Wer Hilfe braucht, der bekommt sie in Frankfurt auch. Eine Haltung, die die Frankfurter Drogenpolitik über Jahre geprägt hat – die aber, auch das ist keine neue Erkenntnis, in Zeiten von Crack und seinen Begleiterscheinungen, wie einer zunehmenden Verelendung des öffentlichen Raums, nicht mehr funktioniert. Insofern steht die Frankfurter Drogenpolitik mehr denn je an einem Scheideweg. Im März nächsten Jahres wird in Frankfurt eine neue Stadtverordnetenversammlung gewählt. Und mit ihr auch die Grundlage dafür gelegt, wie die großen Probleme gelöst werden sollen. Bezogen auf das Bahnhofsviertel bedeutet das: Es besteht die Chance auf eine Neuausrichtung der Drogenpolitik und somit auf das Erscheinungsbild des Bahnhofsviertels insgesamt. Wenn die Diskussionen, die in den vergangenen fünf Jahren über das Bahnhofsviertel geführt worden sind, ein Gutes haben, dann vermutlich dieses: Noch nie wurden die Probleme so offen benannt, die überhaupt dazu geführt haben, dass sich die Zustände in diesem „Tor zur Stadt“ in einem so langen Zeitraum manifestieren konnten. Dazu gehört, dass den sozialen Trägern enorme Freiheiten gelassen werden, wie sie die Frankfurter Drogenpolitik in ihren Einrichtungen interpretieren. Bisweilen hat man den Eindruck, der größte Träger bestimmt die Drogenpolitik, nicht die Dezernentin. So hätte Elke Voitl verfügen können, dass Abhängige, die keinen Wohnsitz in Frankfurt haben, keine regelmäßige Unterstützung mehr bekommen. Dass es durchaus möglich ist, Drogenkranke in ihre Heimatkommunen zurückzubringen, zeigt seit einiger Zeit etwa der Drogennotdienst an der Elbestraße des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe – als einziger sozialer Träger hat er die Grenzen des Systems erkannt. Suchthilfezentrum wird kein Allheilmittel sein Stattdessen hat Voitl die Rundumversorgung der Konsumenten weiterhin toleriert. Verkürzt lässt sich die Analyse in einem Satz zusammenfassen: Im Bahnhofsviertel hat die Politik in den vergangenen zwanzig Jahren zu wenig das Ziel im Blick gehabt und stattdessen immer nur auf den Weg geschaut – mit dem Fehler, dass notwendige Schritte ausgeblieben sind. Doch wer die Entwicklungen im Bahnhofsviertel verfolgt, dem muss längst klar sein: Die Drogenszene in Frankfurt muss kleiner werden. Es führt kein Weg daran vorbei. Das Bahnhofsviertel von heute ist ein anderes als das in den Neunzigern. Kreativunternehmen wie Werbeagenturen haben sich dort angesiedelt, es gibt Hotels, Gastronomie, zudem mehr Wohnungen. Die Bewohnerzahl ist seit 1990 von 3000 auf 4000 gestiegen. Der Stadtteil ist schlicht überlastet damit, in diesem Umfeld mehrere Hundert Schwerstabhängige unterzubringen, zumal die meisten von ihnen keine Heroin-, sondern inzwischen Crack­konsumenten sind mit psychischen Erkrankungen oder mindestens aggressivem Verhalten im öffentlichen Raum. Auch das neue Suchthilfezentrum wird kein Allheilmittel sein – denn auch dort ist die Kapazität endlich. Überspitzt könnte man auch sagen, ohne eine Reglementierung braucht die Stadt gar nicht erst an eine Eröffnung des Hauses zu denken. Es gibt Kräfte im Römer, die sagen, der Stadtverordnetenbeschluss vom Sommer, wonach eine Abweisung von auswärtigen Konsumenten im neuen Suchthilfezentrum nicht angestrebt wird, könnte mit neuen Mehrheitsverhältnissen im Frankfurter Rathaus schon wieder nichtig sein. Das Gebäude wird ohnehin nicht vor Herbst 2026 eröffnet. Wo also will die Stadt hin? Wo muss sie hin? Die Antwort wird sein, dass die Interessen derer, die in Frankfurt leben und arbeiten, endlich stärker berücksichtigt werden müssen, als das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Dazu gehört, dass sich dann auch mit jenen sozialen Trägern kritisch auseinandergesetzt werden muss, die offenbar nach dem Motto arbeiten: Willkommen ist jeder, der in der Drogensucht landet, er bekommt soziale Hilfen, solange er sie braucht. Aber das ist kein Zukunftsmodell, das auf Dauer finanzierbar ist. Wo bleibt die Ausstiegsperspektive? Kritiker beklagen schon seit Langem, dass die ausstiegsbasierte Drogenhilfe in Frankfurt nicht stark genug ausgeprägt sei. Ein Arzt würde einen schwerkranken Patienten auch nicht bloß „verwalten“, sondern sein Anliegen wären Therapie und Heilung. Diesen Anspruch, so die Kritiker, sollte man auch in der Drogenhilfe stärker geltend machen. Suchtkranke müssten schneller als bisher in weiterführende Hilfen vermittelt werden. Bezeichnend ist, dass etwa die Stadt Zürich die Drogenhilfe – mit guten Erfahrungen – komplett in städtische Hand gelegt hat. Die Frage, wie die Stadt künftig mit den Trägern verfahren will, dürfte in den nächsten Wochen noch wichtig werden. Derzeit ist die Stadt dabei, die Vergabe für die Trägerschaft des neuen Suchthilfezentrums an der Niddastraße zu regeln. Einberufen wurde eine Kommission, die eine Vorauswahl treffen soll. Ursprünglich sollte die Entscheidung über die Trägerschaft im Dezernat von Elke Voitl getroffen werden. Nun jedoch hat Oberbürgermeister Josef eine Verfügung erlassen, wonach die Stadtverordnetenversammlung über die Trägerschaft entscheiden soll – und das möglicherweise nicht mehr vor der Kommunalwahl im März.