FAZ 26.11.2025
15:42 Uhr

Coup bei Manchester City: Bayer Leverkusens Sieg über die Skepsis


Der eindrucksvolle Erfolg bei Manchester City liefert weitere Indizien dafür, dass Bayer doch nicht in alte Vizekusen-Zeiten zurückgefallen ist. Doch die nächste Prüfung wartet schon. Und das gleich doppelt.

Coup bei Manchester City: Bayer Leverkusens Sieg über die Skepsis

Fortschritte im Fußball sind eine recht sensible Sache, weil fast immer irgendwann Rückschläge oder Gegentrends entstehen. Der Leverkusener Torhüter Mark Flekken konnte jedoch am Dienstagabend neben dem Ergebnis noch ein weiteres schlüssiges Argument für die gute Entwicklung von Bayer Leverkusen vortragen. 2:0 hatte die Werkself bei Manchester City gewonnen, wo Pep Guardiola später „die volle Verantwortung“ übernahm. Im Vergleich zum Ligaspiel zuvor hatte der Trainer zehn Startelfspieler ausgetauscht. Flekken wies nun darauf hin, dass seine Mannschaft sich beim 0:3 in München Anfang des Monats noch von solch einer Rotation irritieren und aus dem Konzept hatte bringen lassen, weil die Spielvorbereitung überholt war. „Heute haben wir uns davon nicht verrückt machen lassen“, sagte Flekken, und der Mittelfeldspieler Malik Tillman verkündete sogar: „Das hat uns noch den Extrapush gegeben. Da haben wir schon gesehen, dass heute was möglich ist.“ Extrapush statt Verunsicherung also – Bayer spielte Hochenergiefußball statt eingeschüchtert zu sein. Es ist eine beeindruckende Veränderung, die sich in diesem Team während der vergangenen Wochen vollzogen hat. Die Skepsis gegenüber den immer noch vom chaotischen Saisonbeginn überschatteten Erfolgen war zuletzt merklich geschwunden, wobei immer noch dieses Fragezeichen im Raum stand: Der Kader ist mit sehr teuren und auch begabten Spielern besetzt; Siege gegen Freiburg, Union Berlin, in Wolfsburg oder Mainz können demnach erwartet werden in dieser qualitativ heterogenen Bundesliga. Die Duelle mit richtig starken Mannschaften im Oktober und November endeten hingegen meist enttäuschend: 0:3 in München, 2:7 gegen Paris Saint-Germain, 1:1 gegen Eindhoven. Ein starkes Gegenargument Das erinnerte an die eigentlich überwundene Vizekusen-Ära, in der die Mannschaft viel zu oft in entscheidenden Momenten oder gegen große Gegner geradezu ehrfürchtig und ohne das erforderliche Selbstvertrauen auftrat. Nun hat die Werkself ein starkes Gegenargument geliefert. Dem zwar nicht fußballerisch brillanten, dafür aber sehr entschlossen erkämpften 1:0-Sieg bei Benfica Lissabon folgte nun der Erfolg bei den Weltstars aus Manchester. Trainer Kasper Hjulmand lobte „die Ruhe und den Mut“, mit dem die Rheinländer gespielt hatten. Hinzu kam eine enorme Leidensfähigkeit, als Guardiola nach und nach dann doch seine formstärksten Spieler Phil Foden, Jeremy Doku und Erling Haaland einwechselte. Die Leverkusener blieben stabil und kämpften voller Hingabe um jeden Zentimeter Raum. „Solche Siege sind total wichtig, sie sind ein Beschleuniger unserer Entwicklung“, sagte Hjulmand, in dessen Team auch die Einzelspieler immer stärker werden. Flekken, dem in seinen ersten Wochen bei Bayer 04 etliche Fehler unterliefen, wurde zum „Player of the Match“ gekürt, Loïc Badé wird immer stabiler, Tillman, der Königstransfer aus Eindhoven und angedachte Florian-Wirtz-Nachfolger, ist nach Verletzungsproblemen im ersten Saisondrittel endgültig angekommen. Aleix Garcia wird mehr und mehr zu einem würdigen Erben des zu Sunderland gewechselten Granit Xhaka in der Rolle des strategischen Kopfes der Mannschaft. Und Patrik Schick hat in den jüngsten vier Partien ein Tor vorbereitet und vier selbst erzielt, darunter der Siegtreffer in Lissabon sowie das wichtige 0:2 in Manchester. „Es ist wunderschön, wir haben heute wirklich Teamspirit gezeigt“, sagte der Tscheche. Diese atmosphärische Veränderung ist ein wichtiger Aspekt der positiven Entwicklung. Denn dem missglückten Versuch mit Erik ten Hag als Nachfolger für Xabi Alonso und dem Trainerwechsel nach zwei Spieltagen waren ja bereits Störgeräusche in der Vorsaison vorausgegangen. Der Zerfall des Meisterteams von 2024 tat weh und nährte Zweifel an der künftigen Attraktivität des Standorts Leverkusen. Immer mehr Spieler wollten den Klub verlassen, viele gingen, einer wie Alejandro Grimaldo musste bleiben, obgleich er sich auch mit Alternativen beschäftigte. Jetzt ist Grimaldo der Kapitän einer hochinteressanten Mannschaft, die immer erfolgreicher spielt und noch viele weitere Potentiale in sich trägt. Grimaldo schoss das 0:1 in Manchester und ist seit Saisonbeginn der wahrscheinlich wichtigste Spieler in Hjulmands Ensemble, das sogar eine lange Reihe an Ausfällen verkraftete. Auf der Bank saßen etliche kaum bekannte U-19-Spieler mit Namen wie Ben Hawighorst, Ferdinand Pohl, Montrell Culbreath und die Brüder Naba und Jeremiah Mensah. In Manchester nahm Hjulmand nur eine einzige Auswechslung vor. Das ist vielleicht ein kleiner Vorteil für Borussia Dortmund, den nächsten Gegner, auf den die Werkself in den kommenden Tagen gleich zwei Mal treffen wird. Am Samstag in der Bundesliga vor eigenem Publikum und am kommenden Dienstag auswärts im DFB-Pokal. Dann wird es neue Hinweise zu der Frage geben, wie weit die positive Entwicklung schon fortgeschritten ist. Und ob die Neigung zu einer Schwäche gegen Spitzenteams tatsächlich dauerhaft behoben ist. Zumal sich der BVB fußballerisch gerade in einer weniger starken Phase befindet. „Jetzt müssen wir zwei Mal Dortmund schlagen“, sagte der Leverkusener Flügelspieler Ernest Poku, der sich ebenfalls fest etabliert hat im Team von Bayer 04. An Zuversicht mangelt es nicht nach dem Coup im Reich von Erling Haaland und Pep Guardiola.