Die britische Regierung hat in der Corona-Pandemie „zu spät“ gehandelt und „zu wenig“ getan und trägt damit nach dem Urteil einer unabhängigen Untersuchungskommission die Verantwortung für den Tod von 23.000 Corona-Opfern. Baroness Heather Hallett, eine pensionierte Berufungsrichterin, die seit mehr als drei Jahren die Untersuchung leitet, sprach in ihrem Bericht von „unentschuldbaren Fehlern“. Sie stellt fest, auch die drei Regionalregierungen in Schottland, Nordirland und Wales hätten zu spät und unzureichend auf die Virus-Pandemie reagiert. Der damalige Premierminister Boris Johnson und sein Team in der Downing Street stehen im Zentrum von Halletts harscher Kritik: „Das Versagen, das Ausmaß der Bedrohung und die Dringlichkeit zu handeln zu erkennen, hatte zur Folge, dass es zu jenem Zeitpunkt, an dem die Möglichkeit eines Lockdowns erstmals erwogen wurde, schon zu spät und der Lockdown unausweichlich geworden war.“ Nach einer Modellrechnung habe diese Verspätung zu rund 23.000 tödlichen Infektionen geführt. Der Untersuchungsbericht hält fest, die Verantwortlichen in Westminster hätten die Ereignisse in Italien, wo die Pandemie einige Wochen früher wütete, „nicht ernst genug genommen“; der Februar 2020 sei „ein verlorener Monat“ gewesen; erst im März habe Johnson an den Sitzungen des Kabinett-Krisenstabs teilgenommen. Johnsons Chefberater habe eine giftige Stimmung befördert Der Bericht macht geltend, eine „toxische und chaotische Atmosphäre“ in der Regierungszentrale habe angemessenes Handeln erschwert. Er zitiert den damaligen Leiter der Ministerialbürokratie Simon Case mit der Feststellung, „gute Leute wurden einfach in Stücke gerissen“. Vor allem der damalige Chefberater des Premierministers, Dominic Cummings, habe zu der giftigen und sexistischen Stimmung beigetragen. Hallett sieht auch im persönlichen Handeln Boris Johnsons schwere Defizite. Zu Beginn der zweiten Corona-Welle im Herbst 2020 habe Johnson „wiederholt seine Ansicht dazu geändert, ob schärfere Restriktionen nötig seien“. Er habe es versäumt, „rechtzeitig Entscheidungen zu fällen“. Bei schnellerem Handeln hätte ein zweiter Lockdown weniger lang dauern und weniger hart ausfallen müssen. Außerdem hätten Johnson und die Behörden widersprüchliche Botschaften gesendet und damit Verwirrung gestiftet. Johnson habe sich in übertriebenem Optimismus geäußert und es damit versäumt, angemessene Vorsicht walten zu lassen; so habe er sich noch am Tag, bevor eine Regierungskampagne zur Handdesinfektion begann, öffentlich zugutegehalten, bei einer Krankenhausvisite viele Hände geschüttelt zu haben. Das Urteil britischer Zeitungen fiel am Freitag einhellig aus. Der Covid-Untersuchungsbericht habe Johnsons Chancen auf ein politisches Comeback endgültig zerstört. Lediglich sein einstiger Brexit-Unterhändler Lord David Frost schoss im „Daily Telegraph“ zurück: Statt alle Schuld bei Johnson abzuladen, solle die teure öffentliche Untersuchung doch lieber gründlich klären, ob die verhängten Lockdowns überhaupt geeignet waren, eine höhere Zahl von Covid-Opfern zu verhindern. Hallett nimmt in ihrem Bericht auch das Gesundheitsministerium ins Visier. Der damalige Minister Matt Hancock habe in der Pandemie den Ruf erworben, „zu viel zu versprechen und zu wenig zu liefern“; er habe im Kabinett immer wieder beteuert, dass das Gesundheitswesen auf eine Pandemie gut vorbereitet sei. Ein solches Selbstbewusstsein sei jedoch „vollkommen fehl am Platze“ gewesen, schlussfolgert Hallett, die für die Versäumnisse auch den damaligen Staatssekretär des Ministeriums, Chris Wormald, verantwortlich macht. Er habe die Defizite nicht offengelegt. Wormald ist mittlerweile Staatssekretär in der Regierungszentrale und Höchster Beamter des gegenwärtigen Premierministers Keir Starmer.
