FAZ 08.02.2026
13:31 Uhr

Contemporary Dance: Wie moderne Tanzformen die Grenzen austesten


Junge Menschen interessieren sich nicht für Tanz? Doch, nur für andere Formen. Ein Einblick in eine Frankfurter Tanzschule, in der moderne Tanzstile unterrichtet werden.

Contemporary Dance: Wie moderne Tanzformen die Grenzen austesten

Mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen? In einem Contemporary-Tanzkurs nicht möglich. Rund 15 Teilnehmerinnen arbeiten an kraftvollen Sprüngen, schlagen Räder, rollen über den Boden und wechseln fließend zwischen Bodenelementen und aufrechten Bewegungen – alles im Takt der Musik. Wer „Tanz“ mit Walzer und Salsa verbindet, der wird hier nicht schlecht staunen. Contemporary ist ein Tanzstil, der sich nur schwer beschreiben lässt. Er vereint Elemente aus Ballett, Theaterchoreographien, Yoga, Tai-Chi, Calisthenics und aus Kampfsportarten wie Capoeira. Den Choreographien sind dabei kaum Grenzen gesetzt: Es gibt keine Bewegung, die nicht erlaubt ist. „Man hat bei Contemporary nicht diese straffen Regeln, wie man sie in anderen Tanzstilen kennt“, sagt Lucera-Joseline Sobotta. „Man kann sich dadurch viel freier ausdrücken.“ Gerade hat sie gemeinsam mit den anderen Teilnehmerinnen anderthalb Stunden in Bewegung verbracht. Bei dem Tempo und der Vielfalt der Bewegungen wäre wohl jede andere Person außer Atem und schweißnass. Josie, wie Sobotta am liebsten genannt wird, wirkt hingegen eher so, als würde sie sich gerade erst auf das Training vorbereiten. Ihre schwarzen, lockigen Haare hat die Vierundzwanzigjährige akkurat zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt einen Sport-BH und eine dunkle Jogginghose und ist ziemlich durchtrainiert. Waschbrettbauch, starke Schultern, straffer Bizeps. Im Armdrücken würden wohl wenige Menschen gegen Josie gewinnen. Beim Tanzen weiß sie genau, wie sie ihre Kraft und Ausdauer einsetzt. Ihre Bewegungen sind fließend, ihre Sprünge leicht, Handstände und Räder lässt sie mühelos aussehen. Tanz ist ein Hochleistungssport Seit dreieinhalb Jahren trainiert Josie in der Tanzschule „La Calidad“ in Frankfurt-Bergen-Enkheim. Davor habe sie jahrelang Ballett getanzt, allerdings an einer anderen Tanzschule und nie „so ernsthaft“. Irgendwann hätten ihr die Ballettstunden keinen Spaß mehr gemacht. Der Druck sei enorm gewesen, außerdem habe sie das Gefühl gehabt, dass es im Ballett keinen Platz für Menschen gebe, die so aussähen wie sie. Josie ist schwarz, groß und muskulös – und damit weit entfernt vom Idealbild der zierlichen Ballerina. Mit dem Wechsel zu La Calidad und zum Contemporary habe sich ihr Verhältnis zum Tanz grundlegend verändert. Sie trainiert mittlerweile sechsmal pro Woche und gibt selbst Unterricht für Kinder. „Ich bin hier eigentlich ständig“, sagt sie über die Tanzschule. „Leute, die nicht tanzen, sagen mir öfter, dass ich besessen bin.“ Josie leidet an angeborenen Luxationen. Das bedeutet, dass ihre Knochen aufgrund von Fehlbildungen nicht richtig in den Gelenken sitzen. Dadurch springen sie häufiger heraus, besonders die Kniescheiben bereiten ihr Probleme. „Als Kind wurde mir immer gesagt, dass ich später einmal nicht mehr laufen können werde“, sagt Josie. Bis heute läuft sie – und gewinnt sogar Tanzmeisterschaften. Ihre muskulöse Statur hilft ihr dabei nicht nur im Tanz, sondern ist auch wegen der Luxationen entscheidend: Die starke Muskulatur gleicht aus, was an Stabilität in den Gelenken fehlt. „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich immer noch laufen und tanzen kann“, sagt Josie und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Irgendwann wird es für mich vorbei sein, aber ich hoffe, nicht so bald.“ Noch studiert Josie Informatik, hofft jedoch, nach dem Abschluss das Tanzen zum Beruf machen zu können. Ihr Trainer unterstützt diesen Traum: Cristian König oder Chris DC, wie er sich selbst nennt, betreibt auch die  Tanzschule La Calidad. König hat zeitgenössischen Tanz in Köln studiert und ist staatlich geprüfter Bühnentänzer. Seine Tanzschule in Frankfurt gründete er 2013. „Wir sind keine klassische Tanzschule“ König bringt Erfahrung als Choreograph sowie aus Film- und TV-Produktionen mit und nutzt dieses Know-how auch in seiner Schule. „Wir werden regelmäßig für verschiedene Produktionen angefragt“, sagt er. „Dann heißt es: Wir brauchen 200 Tänzerinnen und Tänzer und eine Choreographie – kannst du das machen? Und dann machen wir das.“ Tänzer von La Calidad waren bereits Teil von Werbekampagnen für Marken wie Swatch oder Adidas, traten in Musikvideos auf, begleiteten Modenschauen künstlerisch oder wirkten in TV-Produktionen wie der ZDF-Serie „Love Sucks“ mit. „Uns war von Anfang an klar, dass wir keine klassische Tanzschule sein wollen“, sagt König. „Wir wollten nie eine Konkurrenz für andere Tanzschulen der Region sein.“ Der Fokus bei La Calidad liegt nicht auf traditionellem Paartanz, sondern auf zeitgenössischen Tanzformen – auf Stilen, die im Trend liegen und auch kommerziell gefragt sind. Besonders seit Corona nähmen an den Kursen vermehrt Kinder und Jugendliche teil, sagt König. Viele von ihnen hätten angefangen, sich für Tanz zu interessieren, weil sie Videos von modernen Tanzformen in den sozialen Netzwerken gesehen hätten. So auch die 16 Jahre alte Daniella. Während der Lockdowns habe sie viele Contemporary-Videos geschaut und sich nach der Pandemie entschieden, selbst mit dem Tanzen anzufangen. Mittlerweile nimmt sie an Meisterschaften teil. „Wir wollen junge Menschen da abholen, wo sie stehen“, sagt König. Jugendliche wollten tanzen, was sie kennten und „cool“ fänden. Entsprechend breit ist das Angebot bei La Calidad: von Contemporary über K-Pop und Hip-Hop bis hin zu Zouk. Viele Kursteilnehmer tanzen bei La Calidad aus Spaß oder weil sie einen  sportlichen Ausgleich brauchen. Doch manchmal, so König, treffe man auf echte Talente, die Tanz ernsthaft betrieben und in der Medienbranche Fuß fassen wollten. Diese wolle er gezielt fördern. „Wir nehmen das hier ernst und haben deshalb auch eine gewisse Disziplin“, sagt er. „So finden wir die Perlen – und unterstützen sie dann.“ Wie etwa Josie. Das Team der Tanzschule besteht aus rund 30 Tanzlehrern. Manche von ihnen sind – wie König selbst – staatlich anerkannte Bühnentänzer. Andere sind Personen wie Josie: Sie haben formal eine andere Ausbildung oder arbeiten in anderen Berufen und haben das Tanzen bei La Calidad selbst gelernt. „Das sind nicht zertifizierte Lehrkräfte, in denen wir aber Potential sehen und die ein wichtiger Teil unserer Community sind“, sagt König. Und ein Teil sind „große Namen“, die Erfahrung in der Medienbranche haben und der Schule Prominenz verleihen. „Die sind nicht alle pädagogisch super drauf“, gibt König zu, „aber sie sind bekannt. Und das, was ihnen an pädagogischer Erfahrung fehlt, können wir mit unseren anderen Lehrkräften ausgleichen.“ Ein wichtiger Teil des Teams ist außerdem Nero, Königs zehnjähriger Chihuahua, der Besucher stets bei der Ankunft mit Bellen begrüßt. So gut tanzen wie Josie kann er nicht, hat aber ganz ähnliche Probleme: Auch bei ihm springt gelegentlich die Kniescheibe heraus. Davon unterkriegen lässt er sich ebenfalls nicht. Auf drei Beinen humpelt er durch die Tanzschule genauso schnell, wie er auf vieren rennt.