Nicht nur in Frankreich haben inzwischen Generationen von Mädchen einen Claudine-Kragen getragen: einen weißen flachen abgerundeten Kragen, der eng am Hals anliegt. Es ist gewissermaßen ein literarischer Kragen, weil er mit einer legendären Romanfigur assoziiert wird, nämlich mit Claudine, der Heldin einer Romanreihe, die zwischen 1900 und 1903 erschien und die Entwicklungsgeschichte eines Mädchens vom Land erzählt, das nach Paris geht und dort ein selbstbestimmtes Leben führt – geradezu eine Emanzipationsgeschichte. Wohl auch deshalb erlebt der Claudine-Kragen als modisches Accessoire seine Wiederkehr. Junge Influencerinnen haben ihn gerade zum Merkmal eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins auserkoren, als sie in einer umfangreichen Ausstellung der Bibliothèque nationale de France die Autorin der Claudine-Romane neu entdeckten: Sidonie-Gabrielle Claudine Colette (1873 bis 1954), die als Colette in die französische Literaturgeschichte eingegangen ist. Ihr turbulentes Leben machte Schlagzeilen Wie ihre Figur Claudine ist Colette in der Provinz aufgewachsen, kam nach Paris, heiratete, ließ sich scheiden und führte von da an ein selbstbestimmtes Leben, für das sie selbst aufkam. Sie schrieb Romane, Feuilletons, Gerichtsberichte, Werbetexte, wurde Tänzerin und Mimin auf der Varieté-Bühne, lieh ihr Gesicht einer Werbekampagne für Lucky-Strike-Zigaretten und gründete eine Kosmetikmarke. Sie lebte sowohl ihre Ehen, Scheidungen und Affären als auch ihre Bisexualität offen. Sie war eine Berühmtheit, deren turbulentes Leben ebenso Schlagzeilen machte wie ihre – manchmal als skandalös bezeichneten – Romane. Als frühes Beispiel für weibliche Selbstbestimmung und Freiheit ist Colettes Leben von anhaltender Aktualität. Dieses vielschichtige Dasein stellt die Ausstellung, die den Ablauf der Schutzfrist für ihr Werk markiert, unter dem passenden Titel „Die Welten der Colette“ dar. Die Ausstellung ist in thematische Abteilungen gegliedert, die Biographie und Veröffentlichungschronologie verknüpfen. Eine Installation aus Postkarten, Briefen und Fotos gibt einen Einblick ins frühe Leben, das die Autorin in Saint-Sauveur-en-Puisaye im Burgund verbrachte. Manuskripte, die Colettes frühe Zusammenarbeit mit ihrem ersten Mann, Henry Gauthier-Villars, zeigen, und die Bücher, die zuerst unter seinem Namen, dann unter beider und erst von 1921 an unter ihrem eigenen erschienen sind, machen die langsame Selbstbehauptung der Frau als eigenständige Schriftstellerin erkennbar. Notizen veranschaulichen ihre konsequente Suche nach dem flaubertschen mot juste, dem treffenden Wort, und ihr Bleistifttopf aus blaugrüner Keramik ist dazu ein hübsch rührendes Detail. Ihre Porträts malten unter anderen Cocteau und Matisse Plakate der Theaterstücke, in denen Colette aufgetreten ist, Nachbildungen von Kostümen, die sie auf der Bühne getragen hat, und Zeitungskritiken der Aufführungen erzählen von ihrer schauspielerischen Karriere; wie skandalös manche (Nackt-)Fotos gewirkt haben müssen, kann man sich leicht vorstellen. Ihr Presseausweis erinnert an die Arbeit als Journalistin, die Ankündigung ihres Schönheitssalons zeigt sie als Unternehmerin. Die Dokumente werden durch allerlei Gemälde ergänzt, seien es Bilder, die die Lokalitäten ihres Lebens und ihrer Romane darstellen, seien es Porträts der Schriftstellerin. Das von Émilie Charmy 1921 gemalte zeigt in kräftigen Rot- und Blautönen das scharf konturierte, frech lächelnde Gesicht der jungen Frau, während Jean Cocteaus 1944 entstandenes Porträt in erdigen und grauen Nuancen eine schon alte Colette an der spitzen Nase und den schwarzen Locken erkennen lässt. Auf einer Strichzeichnung von Matisse ist die Porträtierte 1951 alterslos enthoben und nur noch zu erahnen. Als erste Frau bekam sie ein Saatsbegräbnis Auch die Auszeichnungen, die sie erhalten hat (1920 wurde sie chevalier, 1928 officier de la Légion d’honneur) machen ihren enormen Ruhm deutlich. Als erste Frau überhaupt bekam Colette in Frankreich ein Staatsbegräbnis. Durch geschickte Mischung aus Textdokumenten und Objekten, Filmausschnitten und Videos ist die Ausstellung gewollt immersiv und gekonnt reflexiv. Colette war Bestsellerautorin und zugleich von den literarischen Eliten anerkannt; obwohl sie der Pariser Gesellschaft angehörte, blieb sie unabhängig und unangepasst. Ob ihr Stil klassisch oder eher modern ist, das Spiel mit Erzählerfigur und Erzähler ein frühes Beispiel für Autofiktion oder eher Semilüge, ihre Frauengeschichten emanzipatorisch oder unmoralisch sind – diese Fragen stellt die Ausstellung, ohne sie beantworten zu wollen. Erklärtes Ziel der Kuratoren ist, den Weg zur Lektüre zu weisen. Les Mondes de Colette. In der französischen Nationalbibliothek, Paris; Bis zum 14. Januar 2026. Der Katalog, erschienen bei Gallimard, kostet 35 Euro.
