Herr Glaser Sie empfehlen jedem, vor allem aber Führungskräften, auf ihre Atmung zu achten und Atemübungen zu machen, warum? Die Zahl der Menschen mit Ängsten und Stresssymptomen steigt – der aktuelle Report der Axa-Versicherung spricht von 39 Prozent. Immer mehr Menschen suchen nach Methoden, um innere Stabilität zu finden, besonders in Zeiten von äußerer Instabilität wie geopolitischen Spannungen und wirtschaftlichen Krisen. Atemtechniken bieten einen Schlüssel, um innere Widerstandskraft zu stärken und als Führungskraft oder Mitarbeitender nachhaltiger handeln zu können. Inwiefern? Der Atmen stärkt unseren „Präsenz-Muskel“. Je präsenter wir mental sind, desto besser können wir mit Stress umgehen, reaktive Muster überwinden und emphatischer in Beziehung mit anderen Menschen treten, was besonders für Führungskräfte eine wichtige Fähigkeit ist. Und: Die Atmung ist die elementarste Energiequelle – noch vor Schlaf und Nahrungsaufnahme. Die meisten von uns nutzen jedoch nur etwa 30 bis 40 Prozent ihres Lungenvolumens – nicht zuletzt, weil wir bis zu zehn Stunden am Tag sitzen und uns zu wenig bewegen. Die gute Nachricht ist jedoch: Wer die richtigen Techniken lernt, kann sein Energielevel und sein Wohlbefinden deutlich heben. Für viele klingt bewusste Atmung immer noch nach „weichen“ Themen wie Yoga und Achtsamkeit. Warum sollten gerade Unternehmen sich damit beschäftigen? In Führungsetagen sind die Anforderungen enorm. Unternehmen sind ständig in Transformation und benötigen Führungskräfte, die nicht nur rennen, sondern in einer guten Balance sind und auch mal die Richtung hinterfragen können. Gerade im stressigen Berufsalltag kann bewusstes Atmen helfen. Was geschieht dabei? Die Atmung ist ein direkter Zugang zum autonomen Nervensystem: Mit gezielten Techniken lässt sich Stress regulieren, Energie steigern und die Resilienz stärken. Und mit etwas Übung können Führungskräfte ihre Fähigkeit zu fokussieren steigern und ihr System im Laufe des Arbeitstages bewusst hoch- und runterfahren. Es geht also um Wissenschaft und praktische Wirkung, nicht um Esoterik. Unternehmen wie Google, Apple oder Telekom setzen längst auf solche Programme. Und selbst beim World Economic Forum in Davos werden inzwischen am Morgen Achtsamkeit und Atemübungen angeboten. Wie kam es, dass Sie begonnen haben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen? Mein Weg zum bewussten Atmen führte über die Wissenschaft des Yoga, die alte und doch gerade heute so relevante Lehre vom guten und gesunden Leben. Insbesondere Sri Sri Ravi Shankar, der Anfang Januar in Deutschland Vorträge halten wird, hat mich enorm inspiriert. Er hat es wie nur wenige geschafft, das Wissen in die heutige Zeit zu übersetzen. Und was die Yogis wussten: Durch gezielte Atemtechniken kann ich meine Emotionen beeinflussen. Die Pranayamas, also Übungen für die gezielte Steuerung und Lenkung des Atems, sind ein zentraler Teil des Yoga, aber auch ein Werkzeug für geistige Klarheit und physische Gesundheit. Diese uralten Erkenntnisse sind inzwischen vielfach wissenschaftlich bestätigt. Wie lassen sich Ihre Erkenntnisse umsetzen? In unseren Seminaren und in meinem Buch erklären wir unterschiedliche Atemmethoden, die den Sympathikus und Parasympathikus im Nervensystem aktivieren. Es geht nicht um „Kerzen und Kissen“-Atmosphäre, sondern um nachgewiesene Methoden, die Resilienz und Führungsstärke fördern. Entscheidend ist, die Anwendung alltagstauglich zu machen – etwa in kurzen, zwölfminütigen Übungen. Was sind die größten Herausforderungen bei der Umsetzung Ihrer Techniken, gerade für gestresste Führungskräfte? Die eigentlichen Hürden sind oft tief in unserem Inneren verankert. Ich spreche gerne von der „Immunität gegenüber Veränderung“ – ein Begriff, der auf Robert Kegan von Harvard zurückgeht. Die meisten Teilnehmenden sind nach Seminaren begeistert, doch der berühmte innere Schweinehund taucht schnell wieder auf. Selbst dann, wenn durch eine ärztliche Diagnose das Leben auf dem Spiel steht, schaffen es laut Studien nur 14 Prozent der Patienten, ihr Verhalten wirklich zu ändern. Woran liegt das? Es ist selten die fehlende Disziplin, die viele sich in meinen Coachings selbst vorwerfen. Meist sind es verborgene, oft emotionale Widerstände, die verhindern, dass Atemübungen oder neue Routinen im Alltag wirklich angewendet werden. Haben Sie ein Beispiel? Es gab da einen Manager, der nach einem Burnout fest überzeugt war: Atemübungen sind meine Rettung. Er war beruflich hoch engagiert, aber immer am Limit. Trotz Coaching und vieler guter Vorsätze hat er es lange nicht geschafft, eine Routine für seinem Atemübungen zu etablieren. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass er stets fürchtete, ein schlechter Vater zu sein und darum, sobald er zuhause war, alle Zeit seinen Kindern widmete. Erst als wir die Übungen emotional anders verankerten – als etwas, das er nicht für sich, sondern für seine Kinder tut – funktionierte es. Die Erkenntnis, dass oft unbewusste Motive oder Ängste unser Handeln steuern, ist entscheidend. Aber auch, wer keine so starken Widerstände hat, tut sich oft schwer, welche Strategien empfehlen Sie für nachhaltige Verhaltensänderungen im Alltag? Drei erfolgserprobte Schritte kann ich empfehlen: Erstens, wenig vornehmen und das dann über 21 Tage konsequent durchziehen. Das entspricht dem Zeitraum erster neuronaler Neuprogrammierung. Zweitens, Routinen mit einem festen Anker im Tagesablauf verknüpfen. Wer die Atemübung etwa direkt nach dem Duschen absolviert, vergisst sie weniger leicht. Drittens, das Einbeziehen von einer oder mehreren Personen aus dem Umfeld, die regelmäßig nachfragen. Studien zeigen, dass sich die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Gewohnheitsänderung dadurch von rund 50 auf über 85 Prozent erhöht. Warum sollten Unternehmen noch häufiger ihren Mitarbeitern Atemseminare anbieten? Sie stärken damit die Selbstführung der Mitarbeiter für mehr Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Das fördert Mitarbeiterzufriedenheit und Führungseffektivität. Die Atmung ist aber bei vielen immer noch ein unterschätztes Management-Tool, von dem viele profitieren könnten.
