Eigentlich ist die Idee, mit der der Spanier Xavi Hernandez sein Projekt als Trainer der niederländischen Nationalmannschaft verkauft, ziemlich gut. Es handle sich um eine Art Heimkehr an die „Universität des Fußballs“, sagt der ehemalige Weltklassespieler, der in der größten Ära des FC Barcelona zwischen 2005 und 2015 die eine Hälfte des kongenialen Duos Xavi/Iniesta bildete und damit zu den Urvätern des heutigen spanischen Weltmeisterteams zählt. Xavi ist unter dem starken Einfluss der Trainer Johan Cruyff und Louis van Gaal zu einem Weltklassespieler gereift. Auch das Erbe von Rinus Michels weiß er zu würdigen und unter Frank Rijkaard hat er am Ende seiner Spielerkarriere die Champions League gewonnen. Daher sei der Job bei den Niederländern „Rückkehr zu dem Fußball, den ich mag“, sagt der Weltmeister von 2010. Aber besonders herzlich begrüßt wird er in dieser Woche trotzdem nicht. Vielmehr erinnert die Pressekonferenz im Foyer des nationalen Fußballzentrums vor den Toren Utrechts an das Verhör eines Delinquenten. Von Aufbruchstimmung ist drei Tage vor dem Spiel gegen Deutschland (Donnerstag, 20:45 Uhr/live bei RTL und im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League) keine Spur. Warum Memphis Depay und Wout Weghorst nicht dabei seien, wird er harsch gefragt. Ob er sich gründlich genug mit den Klubtrainern austausche, ob er einen Plan B habe, ob er die niederländische Hymne lernen werde. Einer will wissen, ob Xavi die Wahrheit sage, wenn er behauptet, dass das Niveau der nationalen Liga stark sei. Der Grundton ist durchsetzt von tiefer Skepsis, bis der 46 Jahre alte Trainer schließlich gefragt wird, was ihm an der Direktheit der Niederländer gefalle. Die Laune in den Niederlanden ist schlechter als in Deutschland Spätestens das ist der Moment, in dem sein deutscher Kollege, der neue Bundestrainer Jürgen Klopp, wohl ein Plädoyer für mehr Zuversicht gehalten hätte. Xavi jedoch erwidert: „Vielleicht, dass sie mir die Wahrheit sagen.“ Und die Wahrheit ist, dass die Laune hier in der jüngeren Vergangenheit noch schlechter war als bei den Deutschen, obgleich die Holländer mit zwei unglücklichen Niederlagen im Elfmeterschießen bei den Weltmeisterschaften 2022 und 2026 sowie dem knappen Ausscheiden im Halbfinale bei der EM 2024 sogar mehr Erfolg hatten. Es gehört augenscheinlich zur Kultur dieser Fußballnation, dass die Trainerarbeit bei der Nationalmannschaft zunächst mal sehr reserviert betrachtet wird. Aber Xavi nimmt das hin und versucht, gegenzusteuern. „Joy“ – also Freude, Genuss – ist einer seiner Kernbegriffe. „Die Spieler sollen glücklich und mit Freude zum Verband kommen“, sagt er und kündigt „Intensität, positive Vibes auf dem Platz und Teamwork“ an. Den Kader hat er zwar im Vergleich zum WM-Aus gegen Marokko im Sechzehntelfinale kaum umgebaut, aber der Spielstil soll sich ändern. Xavi kündigt eine stärkere Fokussierung auf das kultivierte Ballbesitzspiel an, das traditionell zum wichtigsten Forschungsfeld in der orangenen „Universität des Fußballs“ zählt. „Ich möchte, dass die Leute ab Donnerstag etwas von der Veränderung sehen“, sagt er. Gegensatz zu Jürgen Klopp? Auf den ersten Blick klingt das so, als könnte in der Nations-League-Gruppe mit der DFB-Elf und den Holländern eine große Geschichte weitererzählt werden. Der Treibstoff der Entwicklung der vergangenen 15 Jahre war ja nicht zuletzt der Gegensatz zwischen dem Heavy-Metal-Fußball von Jürgen Klopp und dem oftmals mit einem Schachspiel verglichenen Stil der Barcelona-Schule. Nur dass jetzt nicht Pep Guardiola (der den Niederländern im Sommer absagte), sondern Xavi auf Klopp trifft. Wobei die beiden Schulen sich in der Praxis längst angenähert und bestimmte Elemente voneinander übernommen haben. Und so klingt Xavi ganz ähnlich wie Klopp, als er wieder und wieder mit Fragen nach dem künftigen Spielstil der Elftal gelöchert wird: Er spricht von „Intensität“ und von „Mentalität“, fordert Mannschaftsgeist. Er will, dass alle Spieler jederzeit mit maximalem Einsatz für die Defensive arbeiten, und sagt: „Wir wollen eine Familie schaffen. Wir wollen eine große Gemeinschaft bilden.“ Das Zwischenmenschliche ist der Schlüssel, genau wie bei Klopp. Nicht zuletzt Cruyff habe ihm geholfen, die positiven Kräfte zu verstehen, die in einem funktionierenden Arbeitsumfeld wirken, sagt Xavi. Ein Umfeld, in dem sich alle wohlfühlen und dem gemeinsamen Interesse unterordnen, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor: „Man darf nicht nur an sich selbst denken“, sagt er. „Man muss an die anderen denken, das halte ich für eines der wichtigsten Dinge.“ Der Nährboden für die Entstehung einer solchen Atmosphäre ist durch die ultrakritische Öffentlichkeit jedoch nicht besonders fruchtbar. Aber Xavi ist ja kein Schüler mehr an der Universität des Fußballs, er ist jetzt der neue Professor. Nicht mit dem Arbeitsschwerpunkt des Forschers und Erfinders, aber eventuell mit Stärken in der Lehre. Vielleicht gelingt es dem Spanier besser, den Dogmatismus und die Fokussierung auf die Vergangenheit ein wenig aufzubrechen, als seinen niederländischen Vorgängern. Xavi ist der erste Bondscoach seit Ernst Happel (1977–1978), der nicht aus den Niederlanden stammt.
