63 Jahre lang hat sich der Club Voltaire in der Frankfurter Innenstadt an der Kleinen Hochstraße als linker Vorposten im kapitalistischen Feindesland der Banken, Boutiquen und Bistros behauptet. Jetzt wird diese altehrwürdige revolutionäre Institution mit ihrer Kneipe und zwei Veranstaltungsräumen womöglich vom Markt weggefegt. Sprich: Der Vermieter will das Haus verkaufen. Der Vertrag mit einem jährlichen Mietzins von etwa 40.000 Euro läuft noch bis Ende des Jahres, dann könnte dem Club das Ende blühen. Doch seine Betreiber wollen ein solches Schicksal nicht einfach als gegeben hinnehmen. „Wir wollen den Club erhalten“, sagte am Donnerstag in einer Pressekonferenz Maxim Graubner, der Vorsitzende des Trägervereins. Dieser hat die Kampagne „Rettet den Club!“ ins Leben gerufen und hofft auf Spenden und günstige Darlehen von Freunden und Genossen, um die Immobilie kaufen zu können. Noch lieber wäre es Graubner, wenn ein Gönner das Haus erwerben und an den Club vermieten würde. Stadt soll Haus kaufen und an Club vermieten Doch der Blick der Aktivisten richtet sich auch auf die Stadt. Diese solle notfalls das Gebäude kaufen und den Club als Mieter nehmen, verlangen sie. Der Kaufpreis liegt nach Schätzung des Vereins zwischen einer und zwei Millionen Euro. Ob die Stadt ein Vorkaufsrecht hat, ist nach Angaben des früheren Geschäftsführers Lothar Reininger nicht klar. Die Kommune könne vielleicht auch eine Abrissgenehmigung verweigern, hofft der frühere Stadtverordnete der Linken. Angefangen hat die Geschichte 1962, als heimatlose Linke, die aus der SPD geworfen worden waren, den Club Voltaire gründeten. Aus einem Diskussionsforum wurde schnell ein offenes Haus mit einem politischen und kulturellen Programm. Und vor allem auch mit Speis und Trank in der Kneipe, denn mit Durst und leerem Magen lässt sich keine fröhliche Revolution machen. Der Club Voltaire diente ähnlichen Institutionen in einigen anderen deutschen Städten als Vorbild. Wer den linken Treff in Frankfurt ansteuerte, musste an den luxuskapitalistischen Geschäften auf der Freßgass’ vorbeilaufen, was vermutlich den Drang zum Klassenkampf anspornte. Die Geschäfte führte in diesen Anfangsjahren Heiner Halberstadt, der es 1989 immerhin zum Referenten des SPD-Oberbürgermeisters Volker Hauff brachte. Christa Wolf und Anna Seghers als Gäste Der Club Voltaire wollte eine Anlaufstelle für all jene sein, die politisch etwas ändern wollten – natürlich in Richtung Sozialismus. In den frühen Jahren des Etablissements stand der Dialog mit der DDR im Vordergrund. Noch bevor SPD-Bundeskanzler Willy Brandt die westöstliche Annäherung einleitete, hatten sich im Club Voltaire West- und Ostgenossen verbrüdert und verschwistert. Die Verfilmung von Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel“ erlebte hier 1964 seine Westpremiere. Selbstverständlich in Anwesenheit der Autorin und des Regisseurs Konrad Wolf. Einer der altgedienten Clubgänger erinnert sich noch an eine Lesung von Anna Seghers, die vom Frankfurter SPD-Geschäftsführer Günter Guillaume moderiert wurde, der später als DDR-Spion Bundeskanzler Brandt zu Fall brachte. Hier, an der Kleinen Hochstraße, fand die „außerparlamentarische Opposition“ eine Trutzburg, hier diskutierten in den Sechzigerjahren Deutsche, Algerier und Kämpfer der Black-Panther-Bewegung über Rassismus. Die Achtundsechzigerbewegung schwappte schließlich in das linke Lokal. Es gab kein politisches Thema von Bedeutung, das dort nicht eine Diskussionsplattform fand: Abrüstung, Notstandsgesetze, Vietnamkrieg. Ulrike Meinhof etwa referierte hier, bevor sie als RAF-Terroristin mit der Pistole argumentierte, über die Frauenbewegung. Die Kultur kam ebenfalls nicht zu kurz. Aufmüpfige Barden wie Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader griffen in die Saiten und weckten den Kampfgeist des Publikums mit ihren Liedern. Auch Jazz oder Theateraufführungen fehlten nicht. Die Themen und Moden haben sich in der Folgezeit geändert, es ging um die Startbahn West, die Hartz-Reformen oder die Atomenergie. Heute stehen Probleme wie die sich zuspitzende Klimakrise, der wachsende Antisemitismus oder die viel beschworene internationale Solidarität auf der Tagesordnung. Über all die Jahrzehnte ist der Club Voltaire sich in einem treu geblieben: Er bietet allen eine Plattform, sofern sie, wie die stellvertretende Vorsitzende Birgit Moxter am Donnerstag sagte, dem Rassismus, Faschismus und Sexismus eine Absage erteilen. Und er verköstigt seine Gäste zu moderaten Preisen. Damit könnte es bald vorbei sein. Es wäre ein unfreiwilliges Ende. Und ein Verlust für Frankfurt. Die Stadt verlöre einen Farbtupfer, der die Metropole seit mehr als sechs Jahrzehnten ein wenig bunter gemacht hat.
