FAZ 15.01.2026
10:30 Uhr

Chrupallas China-Reise: Bummel durch den Ein-Parteien-Staat


Der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla stattet China einen freundlichen Besuch ab. Obwohl das Land einen Spion in seine Partei eingeschleust hat.

Chrupallas China-Reise: Bummel durch den Ein-Parteien-Staat

Tino Chrupalla kann nur ein paar Brocken Englisch und diese Bruchstücke sind ungleich verteilt: Er versteht mehr, als er selbst sagen kann. Mandarin spricht er überhaupt nicht, und warum sollte er auch. Das alles wäre nicht der Rede wert, wenn Chrupalla nicht zufällig eine Ko-Vorsitzende namens Alice Weidel hätte, die über das Rentensystem der Volksrepublik China promoviert hat, wo sie jahrelang gelebt hat, und so gut Mandarin spricht, dass sie nicht nur chinesische Zeitungen lesen kann, sondern sich mühelos in Peking oder Shanghai über die politische Weltlage austauschen könnte. Genauso natürlich wie auf Englisch, das sie jahrelang mit den Vertretern internationaler Finanzfirmen geübt hat. Chrupalla kennt das schon, dass er neben Weidel wie der Malermeister aus Görlitz wirkt, der er ist, und es ärgert ihn, wenn er deshalb von Menschen, die sich für gebildeter halten, von oben herab behandelt wird. Es gab mal einen AfD-Vorsitzenden, der nannte Chrupalla immer „Pinsel“, das war eine Gemeinheit dieser Sorte, denn es klang wie „Einfaltspinsel“. Wer Chrupalla fragt, warum er gerade fünf Tage in China unterwegs war, und nicht Weidel, gerät schnell in den Verdacht, auch so einer zu sein. Denn Chrupallas Haltung lautet: Warum nicht er? Er war als Abgeordneter schon in Indien, Vietnam, Kambodscha, Japan. „In China war ich schon 2018“, sagt Chrupalla der F.A.Z. Er will es nicht hinnehmen, wenn jemand sagt, dass dieses Parkett für ihn nichts ist. Das sagt etwas über ihn aus und weil die AfD eine Arbeiterpartei geworden ist, ist unklar, ob sich nicht mehr Anhänger mit Chrupalla identifizieren als mit einer Frau Doktor. Chrupalla hat also Grund, in seiner Partei zu zeigen, dass auch er eine China-Reise bewältigen kann. Also flog er nach Peking, Shanghai sowie Hongkong und nahm einen Reporter der „Berliner Zeitung“ mit, der freundlich festhielt, wie gut die Laune war. „Wir wurden dort wirklich mit offenen Armen empfangen, respektvoll und sehr wohlwollend begrüßt“, sagt Chrupalla. Ma Hui, der stellvertretende Minister der Internationalen Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, habe bei einem gemeinsamen Abendessen tatsächlich gesagt: „Oppositionsparteien von heute können die Regierungsparteien von morgen sein, daher redet China mit allen Parteien.“ In dem Satz lag schon alles, worauf Chrupalla vor der Reise hoffen konnte. Berührungsängste kennen die Chinesen bei der AfD wenig. Aber die politische Sensibilität ist Peking bewusst. Die Internationale Abteilung der KP, mächtiger als Chinas Außenministerium, veröffentlichte keinen Eintrag zu der Begegnung zwischen Ma und Chrupalla. Auch das Foto, das von den beiden aufgenommen wurde, verbreiten chinesische Kanäle nicht. Ebenso wenig die Begegnung Chrupallas mit dem Hongkonger Handelsminister Algernon Yau. Weidel finden sie in China „sehr interessant“ Nur Außenamtssprecherin Mao Ning sagte auf Nachfrage zur Chrupalla-Reise: China und Deutschland pflegten einen „umfassenden und tiefgreifenden Austausch in Politik, Wirtschaft, Kultur und anderen Bereichen, einschließlich der Zusammenarbeit zwischen Parlamenten und politischen Parteien“. Man sei daher bereit, „den konstruktiven Austausch und die Kooperation mit verschiedenen Sektoren in Deutschland fortzusetzen“. Bis vor einigen Monaten zeigten sich chinesische Funktionäre gegenüber Deutschen immer wieder interessiert an Informationen über die AfD. Man finde „Alice“ etwa „sehr interessant“, sagte ein Pekinger Diplomat einmal über die AfD-Vorsitzende. Warum die Partei in Deutschland so schlecht angesehen ist, wurde gefragt. Das hat nachgelassen. Mittlerweile kann Peking die AfD wohl ganz gut selbst einschätzen. Längst hat man eigene Kanäle aufgebaut. Die chinesische Botschaft in Berlin etwa trifft regelmäßig auch AfD-Vertreter, nicht zu reden vom chinesischen Spion Jian G., der sich als Mitarbeiter beim AfD-Abgeordneten Maximilian Krah eingeschlichen hatte. Während Chrupalla in China öffentlich unbekannt bleibt, ist Alice Weidel dort eine der bekanntesten deutschen Politikerinnen. Videos von (oftmals falsch) übersetzten Reden Weidels erzielen in chinesischen sozialen Medien Millionen Aufrufe. Private Kanäle des mit Instagram vergleichbaren Portals Xiaohongshu stellen Weidel mit oft bearbeiteten, vorteilhaften Fotos im Hosenanzug dar. Als „Eiserne Lady“, als schöne, starke Frau. Es kann passieren, dass einen in China Taxifahrer auf die AfD ansprechen. „Eine starke Persönlichkeit“ sei Weidel. Zu China hält sie sich bedeckt Auf dem Schirm hat Peking die AfD-Politikerin schon lange. Kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine lobte das chinesische Außenamt Weidel am 9. März 2022 für ihre „sehr rationale Sichtweise“ – das war die Antwort auf eine platzierte Frage eines chinesischen Lokalmediums, was Peking davon halte, dass Weidel westlichen Politikern wegen des angeblichen Versprechens einer NATO-Mitgliedschaft für die Ukraine eine Mitschuld an dem Krieg gebe. Die Ablehnung der AfD gegenüber der NATO, das Streben nach Deutschlands Austritt aus der Europäischen Union, der in Teilen latente Antiamerikanismus in der Partei und die erklärte Annäherung Deutschlands an China: Das alles entspricht zentralen strategischen Zielen der chinesischen Außenpolitik. Im Juni 2023 war Weidel als AfD-Vorsitzende für ein paar Tage in der Volksrepublik, besuchte Peking und Shanghai, ohne dass sie dort öffentlich in Erscheinung trat oder den Kontakt zur Presse suchte. „Unsere chinesischen Gesprächspartner waren uns gegenüber sehr offen und interessiert und waren auch sehr gut über unsere Arbeit in Berlin informiert“, ließ Weidel anschließend verbreiten. In letzter Zeit aber hält sich Weidel zu China öffentlich auffallend bedeckt. Auch zu Chrupallas Reise in die Volksrepublik kommt von ihr bisher kein Wort. Kann es sein, dass ihr Chrupallas Reise alles andere als gefällt? Schließlich punktet ihre Partei gerade anderswo: Teile der amerikanischen Regierung sprechen sich offen für die AfD aus. Da käme eine plakative Hinwendung nach China weniger gut an. Chrupalla sagt über Russland: „Mir hat Putin nichts getan“ Einen weiteren Widerspruch konnte Chrupalla nicht auflösen. Warum er als angeblicher Verfechter deutscher Interessen in der Volksrepublik so freundlich sein konnte, wenn das Oberlandesgericht Dresden gerade den chinesischen Spion verurteilt hat, der sich bei der AfD eingeschlichen hatte? Immerhin benutzte dieser Spion die AfD, um an vertrauliche Informationen über Deutschland und die Europäische Union zu kommen, er schädigte also Partei und Vaterland. Chrupalla will das Thema in China vertraulich angesprochen haben, genauso wie den Taiwan-Konflikt, bei dem er auf eine friedliche Lösung hofft. Es wäre aber nicht Chrupallas Stil gewesen, scharf zu werden, wenn es um Verletzungen des Völkerrechts geht. Im ähnlichen Fall der Ukraine, die von einer benachbarten Atommacht überfallen wurde, sagte Chrupalla kürzlich: „Mir hat Putin nichts getan.“ Wenn Chrupalla im Ausland ist, will er diese ausgleichende Art sogar gegenüber der deutschen Bundesregierung zeigen. „Ich halte mich an protokollarische Regeln. Ich stelle im Ausland die Politik der Alternative für Deutschland dar, werde aber die Bundesregierung nicht kritisieren.“ Tatsächlich wurde keine schmähende Aussage Chrupallas über die Bundesregierung bekannt, während er in China war. Vielmehr bedankte sich der AfD-Mann auf der Plattform X für die „Unterstützung seitens des Auswärtigen Amts“. In Peking und Shanghai traf sich Chrupalla auch mit deutschen Diplomaten. Vor allem aber führte er Gespräche mit deutschen Wirtschaftsvertretern und der Handelskammer. Diese Höflichkeit unterscheidet ihn von niemand Geringerem als dem außenpolitischen Sprecher seiner eigenen Fraktion, Markus Frohnmaier. Der hatte, als er jüngst in New York beim „Young Republican Club“ sprach, keinerlei protokollarische Zurückhaltung gezeigt, als er in einem Saal voller Menschen rief: „In meinem Heimatland Deutschland hat das herrschende Establishment den Verstand verloren (…) Sie haben mein Heimatland Deutschland, dieses große Land der Dichter und Denker, der Ingenieure und Krieger, ehrenhafter Männer und Frauen, in ein Land von Verfolgern und Zensoren verwandelt.“