FAZ 05.01.2026
16:40 Uhr

Chronologie der Ereignisse: Die Horrornacht im Wallis


40 Menschen kamen in Crans-Montana ums Leben, 116 wurden überwiegend schwer verletzt. Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Wir zeichnen den Verlauf der verheerenden Silvesternacht nach.

Chronologie der Ereignisse: Die Horrornacht im Wallis
Julio Iglesias hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 2016. (Foto: Carlos Giusti/AP)

Als um Mitternacht das neue Jahr anbricht, ist die Stimmung in Crans-Montana gut. Die zahlreichen Kneipen und Restaurants in dem beliebten Bergdorf in den Walliser Alpen sind gut gefüllt. Als die öffentliche Musik- und Lichtshow auf dem Place Victoria im Ortszentrum um ein Uhr morgens zu Ende geht, zieht es noch mehr Einheimische und Touristen in die Pinten, zumal es draußen bitterkalt ist. Vor der Bar „Le Constellation“, die vor allem bei jungen Leuten sehr beliebt ist, bildet sich eine Schlange. Einige der Eintrittswilligen werden vom Türsteher abgewiesen. Wenig später wird klar, dass dies womöglich ihr Leben gerettet hat. In dem zweigeschossigen Lokal, das Platz für 300 Personen hat, ist es proppenvoll. Die Stimmung ist ausgelassen. Bei lauter Musik lässt man die Korken knallen. Dabei kommt es zu einem Ritual, das man auch in Deutschland aus Diskotheken kennt: Wenn ein Gast eine Flasche Champagner bestellt, dann wird diese nicht einfach so herbeigebracht. Die Kellner montieren einen kleinen Feuerwerksstab am Flaschenhals, der nach dem Anzünden Funken versprüht. Das kleine Spektakel ist eine verkaufsfördernde Maßnahme der Barbetreiber – und in diesem Fall ein todbringendes Vehikel. Vergebliche Versuche, die Flammen „totzuschlagen“ Um 1.26 Uhr versprühen die sogenannten Champagner- oder Partyfahnen ihre heißen Funken bis an die Decke der Bar. Die nötige Höhe erreichen sie dadurch, dass eine Kellnerin auf den Rücken einer anderen Person steigt und zwei brennende Feuerwerksflaschen in ihren Händen nach oben streckt. Der an der Decke angebrachte Akustikdämmstoff fängt Feuer. Ein junger Mann versucht, die Flammen mit einer Decke „totzuschlagen“. Vergeblich. Einige Gäste verkennen die große Gefahr, die von dem Brand ausgeht. Sie ahnen nicht, dass es binnen Sekunden zu einem Ereignis kommt, das Fachleute als „Flashover“ oder Feuerüberschlag bezeichnen. Der Feuerherd mutiert explosionsartig zu einem alles verzehrenden Inferno. Die Rauchgase, die sich durch die Hitze unter der Decke sammeln, entzünden sich und setzen den gesamten Raum schlagartig in Flammen. Das erklärt die hohe Zahl der Opfer. Viele Gäste können sich nicht schnell genug aus der unmittelbaren Gefahrenzone entfernen. In größter Panik drängen die Leute zur Treppe, die zum Erdgeschoss führt, und zum dortigen Ausgang – und verstopfen so die Fluchtwege. Wegen des dicken schwarzen Rauchs ist es überdies schwierig, den Notausgang zu finden. Zwei junge Männer schlagen mit einem Tisch eine Scheibe im Erdgeschoss des Lokals ein und retten damit sich und vielen anderen das Leben. Um 1.30 Uhr geht bei der Polizei von Crans-Montana die Meldung ein, dass es in der Constellation-Bar brennt. Zwei Minuten später erreichen die ersten Polizeikräfte den Ort des Schreckens; kurz darauf brausen Feuerwehr und Krankenwagen heran. Was die Helfer dort erwartet, ist der blanke Horror. „Gesichter waren völlig entstellt, Haare abgefallen“ Vor und hinter dem Eingang der Bar liegen schwerverbrannte Menschen, manche schreien vor Schmerz, andere sind bewusstlos. Den Helfern gelingt es, einige Opfer aus dem Eingangsbereich ins Freie zu ziehen. Das Feuer ist relativ schnell gelöscht. Je weiter die Feuerwehrleute und Sanitäter in das Lokal vordringen, umso schlimmer ist das Bild, das sich ihnen bietet. „Gesichter waren völlig entstellt, Haare abgefallen. Die Menschen waren schwarz verbrannt, ihre Kleidung mit der Haut verschmolzen.“ So beschreibt einer der Helfer hinterher das Erlebte. Um 4.14 Uhr richten die Walliser Behörden eine „Helpline“ für Angehörige ein, von denen manche zuvor nur mit Mühe davon abzubringen waren, in dem noch brennenden Gebäude nach ihren Kindern zu suchen. Zudem gibt es eine psychologische Betreuung. Bis fünf Uhr morgens sind sämtliche Verletzte versorgt und in oder auf dem Weg in die Krankenhäuser. 150 Sanitäter, 30 Polizisten und 70 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Feuerwerksobjekt an der Flasche wohl ursächlich Um 15.30 Uhr trifft der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin in Crans-Montana ein und macht sich ein Bild von der Lage. Sichtlich mitgenommen gibt er zwei Stunden später in einer Pressekonferenz zu Protokoll: „Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien in der Geschichte dieses Landes. Wir sind es den Betroffenen schuldig, die Ursachen für diese Katastrophe zu finden.“ Einen Tag später zeigt sich, dass die Ermittler in der Ursachenforschung vorankommen. In einer Pressekonferenz am Freitagnachmittag bestätigt die Walliser Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud, dass das Feuer an der Decke wohl durch ein an einer Champagnerflasche angebrachte Feuerwerksobjekt ausgelöst worden sei. Man habe verschiedene Videos ausgewertet und Personen befragt, darunter auch das französische Ehepaar Jessica und Jacques Moretti, das die Constellation-Bar seit zehn Jahren betreibt. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob eine strafrechtliche Untersuchung wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung oder der fahrlässigen Brandstiftung einzuleiten ist. Wann wurden zuletzt Kontrollen durchgeführt? Noch keine belastbaren Erkenntnisse haben die Ermittler dazu, ob die Fluchtwege und der Brandschutz in der Bar den gesetzlichen Vorschriften entsprachen. In der Diskussion steht vor allem der an der Decke der Bar angebrachte Akustikdämmstoff. Dieser hätte nach den geltenden Vorgaben zumindest schwer entflammbar sein müssen. In den entsprechenden Videos, die dazu im Netz kursieren, sieht es hingegen so aus, als wenn das Material fast wie Zunder in Brand gerät. Für Brandschutzkontrollen ist die Gemeindeverwaltung von Crans-Montana zuständig. Die Frage, ob, und falls ja, wann diese Kontrollen in der Constellation-Bar zuletzt durchgeführt wurden, bleibt in der Pressekonferenz am Freitagnachmittag unbeantwortet. Am Freitagabend meldet sich erstmals Jacques Moretti zu Wort, einer der beiden Betreiber der Bar. Sein Lokal sei „dreimal in zehn Jahren“ kontrolliert worden; alles habe den Vorschriften entsprochen, beteuert der Franzose gegenüber der Zeitung „Tribune de Genève“. Ein längeres Gespräch lehnt Moretti ab: Er fühle sich nach dem Unglück „nicht wohl“. Ältere Fotos auf Facebook zeigen, dass Moretti die Bar nach der Übernahme im Jahr 2015 in Eigenregie renoviert und umgebaut hat. Dabei soll auch die Treppe zum Untergeschoss verengt worden sein. „Es geht uns allen sehr schlecht“ Gegenüber dem Schweizer Online-Portal „20 Minuten“ sagt Moretti: „Wir können weder schlafen noch essen, es geht uns allen sehr schlecht.“ Man kooperiere mit den Behörden und werde alles tun, um die Ursachen des Unglücks zu klären. Nach einem Bericht der Zeitung „Le Parisien“ ist Moretti aufgrund lang zurückliegender Fälle von Zuhälterei und Freiheitsberaubung in Frankreich vorbestraft. Am Samstagnachmittag teilte die Polizei des Kantons Wallis mit, dass die Behörden strafrechtliche Ermittlungen gegen die beiden Betreiber der Bar aufgenommen haben. „Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen“, hieß es. „Es wird daran erinnert, dass bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt.“ Nach den jüngsten Angaben der Schweizer Behörden vom Montag sind von den 116 Verletzten inzwischen alle identifiziert worden. 83 von ihnen werden noch im Krankenhaus behandelt. Bei den Verletzten handelt es sich um 68 Schweizer, 21 Franzosen, zehn Italiener, 2 Polinnen, eine Belgierin, eine Portugiesin, ein Tscheche, vier Serben, ein Australier, ein Bosnier, ein Staatsangehöriger der Republik Kongo, ein Luxemburger und vier Männer mit doppelter Staatsangehörigkeit (Frankreich/Finnland, Schweiz/Belgien, Frankreich/Italien, Italien/Philippinen). Unter den Toten war die Hälfte minderjährig; das jüngste Opfer war erst 14, das älteste 39 Jahre alt. 22 der Todesopfer waren Schweizer, 18 weitere kamen aus dem Ausland, die meisten davon aus Frankreich und Italien. Die Schweizer Krankenhäuser sind durch die große Zahl schwerverletzter Brandopfer, von denen viele noch in Lebensgefahr schweben, überfordert. Für die sehr aufwendige, langfristige Spezialbehandlung dieser Patienten reichen die Kapazitäten nicht aus, teilt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz in Bern am Freitagabend mit. Im Rahmen des europäischen Zivilschutzmechanismus sollen bis Sonntag 50 Schwerverletzte in ausländische Kliniken gebracht werden, die auf Verbrennungsfälle spezialisiert sind. Zu den aufnehmenden Ländern zählen vor allem Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien.