FAZ 04.01.2026
10:23 Uhr

Christoph Bantzer wird 90: Schlüsselfigur beim Öffnen einer Welt


Sein Stawrogin war ein nervöses, verwirrtes Opfer der eigenen Verführungen: Dem Schauspieler Christoph Bantzer, der nicht nur in den legendären TV-„Dämonen“ von Claus Peter Witt brillierte, zum Neunzigsten.

Christoph Bantzer wird 90: Schlüsselfigur beim Öffnen einer Welt

Es gibt Schauspieler, die wir in einer einzigen Rolle erinnern. Werden sie, wie Christoph Bantzer an diesem Sonntag, neunzig Jahre alt, können sie sich darüber zu Recht beschweren. Denn sie haben so viel mehr gespielt. Bantzer, Kind einer Künstlerfamilie aus Marburg, stand von 1959 auf den Bühnen, am Berliner Schillertheater, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und in Zürich, vor allem aber unter Jürgen Flimms Intendanz am Hamburger Thalia Theater. Er war Hamlet und Tellheim, Cléante, Peer Gynt und St. Just. Im Fernsehen war er überdies Heinrich Heine, und wir haben ihn gemocht. Für uns aber war Christoph Bantzer in erster Linie Stawrogin. 1977 strahlte die ARD im winterlichen November eine vierteilige und sechsstündige Verfilmung von Dostojewskis „Die Dämonen“ aus. Ich war fünfzehn, und der Film, bei dem Claus Peter Witt Regie führte, öffnete mir eine Welt. Ihre Debatten über Atheismus, Kunstschönheit und Revolution, begleitet von allen Spielarten zwischenmenschlicher Erbärmlichkeit, wurden unvergesslich dargestellt. Manche Personen hatten endlose Namen, sie hießen Warwara Petrowna Stawrogina oder Anton Lawrentjewitsch Grigoreff, andere hießen aber nur Liputin oder Wirginskij. Den Ritter von der ebenso traurigen wie angetrunkenen Gestalt, Stepan Werchowenskij, einen Schnorrer, der den Idealisten spielt, gab Hannes Messemer. Maria Wimmer war die herrlich herrische Generalswitwe Warwara, die ihn sich hielt. Helmut Qualtinger, von dem die Eltern auch noch anderes Lustiges zu berichten wussten, hatte als versoffener und falscher Hauptmann Lebädkin seinen Auftritt. Von Volker Lechtenbrink als Zentrum aller Intrigen ganz zu schweigen. Ich hing an ihrer aller Lippen, von denen Sottisen, Zynismen, Pathos und die Grausamkeit des Fanatismus herabperlten. Bitter ratlos, gefasst erschüttert Christoph Bantzer war Nicolai Stawrogin, der zwischen Dandyismus, Empfindsamkeit, Lebensüberdruss und moralischer Kälte schwankende Sohn der vermögenden Witwe. Er soll gut verheiratet werden, ist aber schon schlecht verheiratet. Der Stammtisch, der die Weltrevolution plante, hatte ihn als neuen Zaren vorgesehen. Aber das will er gar nicht sein, er will überhaupt nichts. Bantzer gab diese Figur, die unter den Erwartungen ihrer Mitwelt, mehr aber noch unter den eigenen zusammenbricht, nervös und verwirrt, mit gespielter Schlauheit und als Opfer der eigenen Verführungen. Am Ende nimmt er sich, kurz entschlossen, das Leben. Die dtv-Dünndruckausgabe der „Dämonen“ lag danach auf unserem Schreibtisch. Der Roman war noch einmal etwas ganz anderes, vor allem Längeres als die Fernsehserie. Es waren Wochen, die wir mit ihm und in seiner morbiden Atmosphäre verbracht haben. Begleitet vom Film. Wir werden Christoph Bantzers bitter ratloses, gefasst erschüttertes Gesicht nie vergessen.