FAZ 09.12.2025
20:52 Uhr

Chinesische Immobilienkrise: Chinas Immobilienkrise bedroht Wirtschaft und Vertrauen


Chinas Immobilienkrise belastet Wirtschaft und Vermögen massiv. Die Lage spitzt sich zu, während Großkonzerne wie Vanke wackeln.

Chinesische Immobilienkrise: Chinas Immobilienkrise bedroht Wirtschaft und Vertrauen

Wang Sicong hat kein gutes Geschäft gemacht. Vor zehn Jahren kaufte der Milliardärssohn ein Luxusapartment mitten in Shanghai. Umgerechnet knapp acht Millionen Euro kostete die Wohnung damals, er investierte weitere 2,5 Millionen Euro in die Renovierung, wenn man den Schilderungen von Maklern in Shanghai und Chinas sozialen Medien Glauben schenken will. Doch als er die Wohnung verkaufen wollte, kam nun das böse Erwachen: Für zwölf Millionen Euro bekam er die Wohnung nicht los, erst als er den Preis auf 7,4 Millionen Euro reduzierte, fand er einen Käufer. Die Immobilienkrise hatte seinen Wertgewinn der vorherigen Boomjahre wieder zunichtegemacht. Wang ist nicht irgendwer. Er steht wie wenige für Boom und Crash der chinesischen Immobilienbranche. Sein Vater ist der Gründer des Wanda-Konzerns, eines der wichtigsten Immobilienkonglomerate Chinas, und damit einer der reichsten Chinesen. Der Sprössling selbst ist nicht nur Sohn, sondern war lange Jahre auch eine Art Influencer, der seinen Reichtum und seine Modelfreundinnen zur Schau stellte. Zwischendurch versuchte er sich auch selbst als Unternehmer, aber mit mäßigem Erfolg. Wang wird seine schlechten Geschäfte verkraften können. Für viele andere, weniger wohlhabende Chinesen ist die Immobilienkrise, die sich viel länger hinzieht als jedes Kaugummi, eine existenzielle Angelegenheit. Sie haben ihr Erspartes in Wohnungen investiert, die nie fertiggestellt wurden. Viele Millionen Chinesen sind finanziell ruiniert. Die ganze Welt spürt Chinas Nachfrageschock Chinas Wirtschaft ist ein Zwitter, der gleichzeitig enorm erfolgreich ist und in einer tiefen Krise steckt. Technologie- und Exportunternehmen können mit ihrer Innovationskraft mit internationalen Konkurrenten mithalten. Doch Elek­troautos, Batterien, Solarmodule, Roboter oder Künstliche Intelligenz allein tragen die Wirtschaft nicht. Denn parallel zieht die Krise in der Immobilienbranche, die einst rund ein Viertel zur chinesischen Wirtschaftsleistung beitrug, die Wirtschaft nach unten. Vor vier Jahren hat die Regierung begonnen, Luft aus der Wohnungsblase zu lassen. Wohnungen seien zum Wohnen da und nicht zum Spekulieren, propagierte Präsident Xi Jinping. Seitdem sind die Wohnungspreise in vielen Städten um zwei Fünftel gesunken. Viele Chinesen haben erhebliche Vermögenseinbußen erlitten und halten nun ihr Geld zusammen. Das Ergebnis ist ein Nachfrageschock, dessen Auswirkungen auf der ganzen Welt spürbar sind. Chinas Exportboom hat auch damit zu tun, dass im Inland die Nachfrage fehlt. Auf Konferenzen zur ökonomischen Lage in China gibt es immer wieder das Phänomen, dass Ausländer, die nicht in der Volksrepublik leben, viel positiver auf Chinas Wirtschaft blicken als die Chinesen selbst. Nächster Großkonzern auf der Kippe In den vergangenen Wochen drängte sich diese Dauerkrise wieder mit Macht in den Vordergrund. Grund dafür war vor allem, dass mit Vanke der nächste Großkonzern SOS gesandt hat. Vanke war bisher einer der wenigen Immobilienentwickler, die einen Zahlungsausfall vermeiden konnten. Doch nun hat das Unternehmen um Zahlungsaufschub gebeten, weil es eine Anleihe in Höhe von zwei Milliarden RMB (umgerechnet rund 240 Millionen Euro), die am 15. Dezember fällig wird, nicht bezahlen kann. Entscheidende Verhandlungen mit den Gläubigern stehen an diesem Mittwoch an. Mindestens drei der Gläubiger haben dem Finanzdienstleister Bloomberg zufolge schon signalisiert, dass sie dem Zahlungsaufschub nicht zustimmen wollen. Parallel bemüht sich auch der Wanda-Konzern von Wangs Vater um eine zweijährige Verlängerung einer 400 Millionen Dollar schweren Anleihe. Shenzhen stützt Vanke Dass nach anderen Großkonzernen wie Country Garden und Evergrande nun auch Vanke wackelt, ist vor allem deshalb pikant, weil Vanke eng mit der Stadt Shenzhen verflochten ist. Shenzhen Me­tro ist der größte Anteilseigner und hält rund 30 Prozent an Vanke. Bisher stützte die Stadt den Konzern immer wieder mit Darlehen in Höhe von insgesamt mehr als 30 Milliarden RMB (3,5 Milliarden Euro). Die Verhandlungen um die Anleihe wecken nun Zweifel, wie viel Geduld die Politik noch mit dem Konzern hat, der allein im dritten Quartal umgerechnet zwei Milliarden Euro an weiteren Verlusten anhäufte. Die verzinslichen Verbindlichkeiten summieren sich auf 364 Milliarden RMB (rund 44 Milliarden Euro), was Erinnerungen an den Schuldenberg von Evergrande weckt. Die Vanke-Anleihen büßten nach den Meldungen um 20 Prozent und mehr ein, wurden vom Handel ausgesetzt und werden nur noch zu einem Bruchteil des Nennwertes gehandelt. Bis Mitte kommenden Jahres werden Anleihen in Höhe von insgesamt umgerechnet 1,5 Milliarden Euro fällig. Schon Ende Dezember ist der nächste Stichtag, auch dafür hat Vanke schon um Verlängerung gebeten. Die Ratingagentur S&P sprach von einer „Wand von Fälligkeiten“ und wertete Vanke auf „CCC-“ weiter ab. Es gebe Risiken, dass Schulden nicht beglichen würden oder es zu einer Restrukturierung komme. Meldungen, dass diese geplant seien, kursieren in chinesischen Wirtschaftsmedien schon. Immobiliensektor ist Hauptproblem der chinesischen Wirtschaft „Der wirtschaftliche Abschwung der vergangenen drei, vier Jahre ist fast ausschließlich auf den Zusammenbruch des Immobiliensektors zurückzuführen“, sagte der Shanghaier VWL-Professor Zhu Tian, der an der China Europe International Business School lehrt, Ende November in einer Runde mit westlichen Journalisten. Die stark sinkenden Investitionen in der Baubranche allein zögen die Wirtschaft Jahr für Jahr um 1,5 Prozent nach unten. Und das sei nur der direkte Effekt, inklusive der indirekten Effekte – also etwa auf den Konsum der Bevölkerung – summierten sich die wirtschaftlichen Auswirkungen auf jährlich bis zu 3,75 Prozent der Wirtschaftsleistung, sagte der Ökonom. Während die Regierung den Konzernen die Unterstützung zu entziehen scheint, versucht sie mit rigiden Mitteln, die Stimmung im Griff zu behalten. In Shanghai läuft eine „spezielle Kampagne“, die sich gegen Inhalte in den sozialen Medien richtet, die Shanghais Immobilienmarkt herunterreden. Zehntausende Konten und Posts wurden laut offiziellen Angaben gelöscht, Tausende Livestreams sanktioniert. Man gehe gegen „böswillige Gerüchtebildung und die Verleumdung des Immobilienmarktes vor“ und wolle eine abschreckende Wirkung erzielen. Gleichzeitig haben zwei wichtige private Datenanbieter, die sonst monatlich einen Überblick über die Umsätze der größten Wohnungsbauentwickler geben, im November ihre Daten nicht veröffentlicht. Bloomberg berichtete, sie hätten auf behördliche Anweisung hin gehandelt. Die Denkfabrik Trivium nannte die Maßnahme „ein äußerst negatives Signal“ für die Entwicklung der Branche im kommenden Jahr. So geht die Dauerkrise in ihr nächstes Jahr.