Xi ist bereit, militärisch mehr Risiko einzugehen, gezielte wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen einzusetzen und die bestehenden Ordnungen politisch umzugestalten. Nirgendwo sonst zeigt sich so deutlich, wie schnell Peking von empörter Rhetorik zu handfesten Eskalationsschritten übergeht. Auslöser war eine Aussage der neuen japanischen Premierministerin Sanae Takaichi. Im Parlament erklärte sie Anfang November, ein chinesischer Angriff auf Taiwan könne unter bestimmten Umständen eine existenzielle Bedrohung für Japan darstellen. Inhaltlich war das nichts Neues – die Bemerkung bezog sich auf seit 2015 geltende Regelungen zur kollektiven Selbstverteidigung. Neu war jedoch der Ton: ungewöhnlich offen. Peking erwartet aber Leisetreten. Chinas Reaktion folgte prompt – und abgestuft. Visumerleichterungen für japanische Reisende wurden de facto ausgesetzt. Reiseveranstalter in China erhielten informelle Hinweise, Japan nicht mehr aktiv zu bewerben. Der chinesische Tourismus nach Japan, gerade erst wieder angelaufen, brach ein. Zugleich verschärfte China die Importbeschränkungen für japanische Meeresprodukte: Lieferungen wurden festgesetzt, Kontrollen verschärft, Genehmigungen verzögert oder verweigert. Der Mechanismus entspricht einem bekannten Muster: Er ist selektiv und politisch wirksam – aber offiziell kaum greifbar. Begleitet wurde das Vorgehen von scharfer Rhetorik. Außenminister Wang Yi sprach von einem Tabubruch. Diplomaten sprachen auf sozialen Medien Drohungen aus. Ein Beitrag, der sich Gewaltmetaphern bediente, wurde später gelöscht. Staatsmedien setzen auf bekannte Narrative, die Japans Militarismus und historische Verfehlungen ins Zentrum rücken. Die erste Eskalation fand dann aber bereits auf militärischer Ebene statt. Zwar waren chinesische Manöver in der Nähe Japans regulär geplant, doch Umfang und Nähe waren deutlich aggressiver als üblich. Mehrere Dutzend Kampfflugzeuge und Kriegsschiffe operierten über Tage hinweg entlang der japanischen Luftverteidigungszone rund um Okinawa und in der Nähe der unter japanischer Verwaltung stehenden Senkaku-Inseln (die von China Diaoyu-Inseln genannt und beansprucht werden). Besonders heikel: Ein chinesischer Abfangjäger „beleuchtete“ ein japanisches Aufklärungsflugzeug mit Feuerleitradar – ein Schritt, der nach militärischem Verständnis als feindselig gilt, weil er die unmittelbare Zielerfassung signalisiert. Das Risiko eines unbeabsichtigten Zwischenfalls stieg erheblich. Dass dies im Rahmen regulärer Übungen geschah, macht den Vorgang politisch noch brisanter. Pekings Botschaft richtete sich nicht nur an Japan, sondern auch an das amerikanisch-japanische Bündnis und die Staaten der Region. In Ostasien beschleunigt sich seit Jahren eine sicherheitspolitische Spirale: Japan stärkt seine Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeiten, etwa mit geplanten Präzisionswaffen auf den südwestlichen Inseln. Peking wiederum testet diese Aufrüstung mit wachsender Risikobereitschaft und kalkulierten Grenzüberschreitungen. Wirtschaftlicher und militärischer Druck Der Fall Japan erlaubt damit einen genaueren Blick auf neue Muster chinesischer Außenpolitik. Dass Taiwan der zentrale Bezugspunkt strategischen Denkens in Peking ist, überrascht nicht. Ebenso wenig, dass sich das Selbstbewusstsein Pekings im Umgang mit den USA zuletzt eher verfestigt hat. Taiwan ist für Xi dabei keine außenpolitische Variable, sondern Teil einer historischen Mission, die allerdings mit erheblicher Unsicherheit unterlegt ist. Das chinesische Militär befindet sich strategisch betrachtet in einer Phase erhöhter innerer Fragilität. Umfassende Säuberungsaktionen unterminieren Vertrauen und Führung. Diese Mischung aus strategischem Anspruch, wachsenden Fähigkeiten und institutioneller Unsicherheit kann erklären, warum Peking vehement reagiert und zu vorbeugender Eskalation und wirtschaftlichem Druck greift. Sein breites wirtschaftliches Instrumentarium schien China dabei zunächst kalibriert einzusetzen. Der wirtschaftliche Druck gegenüber Tokio wirkte bis zum Jahreswechsel noch dosiert; umfassende Boykotte oder offizielle Exportstopps blieben augenscheinlich aus. Doch diese Phase der Zurückhaltung ist seit Anfang Januar beendet. Peking erhöht den Druck: Mit dem Verbot von Dual-Use-Exporten an militärische Nutzer in Japan, neuen Anti-Dumping-Verfahren bei kritischen Chemikalien für die Chipfertigung und der faktischen Verzögerung von Ausfuhrlizenzen für seltene Erden zielt China nun direkt auf die Verwundbarkeit der japanischen Hightech-Lieferketten. Was im Dezember noch als eine kalibriert-eskalierte Antwort interpretiert werden konnte, entpuppt sich als strategische Pause vor dem nächsten Schlag. Sicher ist: Peking testet Eskalationsstufen nicht mehr nur – es rüstet die eigenen Hebel systematisch scharf. Parallel wächst die Bereitschaft, internationale Ordnung politisch umzuschreiben. Der symbolische Schulterschluss mit Russland, Nordkorea und Belarus, die Infragestellung der Nachkriegsordnung in Ostasien, der Souveränität Japans über Okinawa oder Kampagnen zur Neuinterpretation von UN-Resolutionen deuten auf eine revisionistische Tiefenschicht chinesischer Außenpolitik hin, die lange unterschätzt wurde. Peking beschreibt das eigene Handeln selbstverständlich defensiv – als notwendige Antwort auf japanische Schritte. Unabhängig vom Wahrheitskern: Darin zeigt sich letztlich auch die fatale Natur des Sicherheitsdilemmas. Unter tiefem gegenseitigem Misstrauen und dem langen Schatten unaufgearbeiteter historischer Feindseligkeit werden verschärfte defensive Maßnahmen des einen zur offensiven Bedrohung für den anderen. In der Region wirkt Pekings Vorgehen jedenfalls kontraproduktiv. Nicht Japan, sondern China wird vielerorts als der Akteur wahrgenommen, der Spannungen verschärft und Risiken bewusst in Kauf nimmt. Der Versuch, durch Eskalation innenpolitische Dynamiken in Japan zu beeinflussen und die Regierung zu delegitimieren, hat bislang keinen erkennbaren Erfolg gezeigt. Auch für Deutschland ist dies keine ferne Entwicklung. Wir sind längst nicht mehr nur Beobachter solcher Eskalationsmuster. Erst vor wenigen Monaten brachte ein chinesisches Kriegsschiff mit einer Laserattacke ein deutsches Aufklärungsflugzeug in Gefahr. Die tiefer liegenden Spannungen konnte der kürzlich nachgeholte Besuch von Außenminister Johann Wadephul in Peking nur wenig abmildern. Die vorausgegangene Besuchsabsage war nicht einfach ein unkluger Unfall, sondern ein Trendindikator. Und dass die Sicherheit der wenigen echten „gleichgesinnten“ Partner wie Japan, die Stabilität der Taiwanstraße und Taiwan selbst als technoindustrieller Verbündeter für deutsche Wirtschafts- und strategische Interessen von zentraler Bedeutung sind, sollte mittlerweile Konsens sein. Der Fall Japan zeigt, wie kurz die Lunte in den Beziehungen zu China geworden ist. Das Management von Krisen, Spannungen, Eskalation und Deeskalation wird zum chinapolitischen Kerngeschäft. Für seine strategischen Positionierungen muss sich Deutschland auf steigende Kosten, Pekings politischen Druck und wirtschaftlichen Zwang einstellen. Daraus folgt keine Zurückhaltung per se, sondern primär die Notwendigkeit strategischer Konsistenz, klarer politischer Signale und Standfestigkeit, ressortübergreifend, parteiübergreifend und eng abgestimmt mit Partnern. Sie sind die Voraussetzung für einen realistischen Umgang mit einer chinesischen Außenpolitik, die Risiken nicht meidet, sondern gezielt kalkuliert und eskaliert.
