FAZ 04.12.2025
17:10 Uhr

Chinas Dominanz: „Wenn es irgendwo Spannungen gibt, schalten wir Werbeanzeigen auf Google“


Die chinesische Kleinstadt Anping versorgt die ganze Welt mit Stacheldraht und Zäunen: die Ukraine genauso wie Russland. Ein Besuch in einer Fabrik, die von Grenzkonflikten profitiert.

Chinas Dominanz: „Wenn es irgendwo Spannungen gibt, schalten wir Werbeanzeigen auf Google“

Chinas Dominanz „Wenn es irgendwo Spannungen gibt, schalten wir Werbeanzeigen auf Google“ Von GUSTAV THEILE, Anping (Text, Fotos und Videos) 8. Dezember 2025 · Zwei Drähte laufen in die Maschine ein, einer glatt, einer mit scharfen Zacken. Gemeinsam bilden sie den Natodraht, der hier in einem kleinen Städtchen in Ostchina gefertigt wird und in einigen Monaten die Grenzen in aller Welt sichern soll. Ein Arbeiter schlägt auf den Draht ein, als würde er ihn bändigen wollen. So stellt er sicher, dass er sich ordentlich um ein Gestell wickelt. Er trägt Sicherheitshandschuhe und eine Schürze, um nicht zum ersten Opfer des Grenzdrahts zu werden. An der nächsten Station tackern zwei Arbeiterinnen zwei der spitzen Draht-Ringe zusammen. Es geht im Akkord: Tack, tack, tack. Die Fabrik ist großzügig. Platz gibt es in Anping, mit 300.000 Einwohnern für chinesische Verhältnisse eine Kleinstadt, genug. Doch das unscheinbare Städtchen, das rund 200 Kilometer südwestlich von Peking in der ärmlichen Provinz Hebei liegt, versteht sich als Welthauptstadt – als Welthauptstadt des Drahtgeflechts. Der Stacheldraht wickelt sich um ein Gestell. Ein Arbeiter passt auf. Unabhängige Zahlen zum Weltmarktanteil gibt es nicht. Doch die Industrievertreter vor Ort sagen einhellig, 70 bis 80 Prozent der Drahtgitter auf der Welt kämen von hier. Selbst wenn die Eigenwerbung ein bisschen übertreiben sollte, bleibt Anping die Stadt der Zäune. Zu den Drahtgittern zählen vor allem Alltagsprodukte. Ein Stück Anping steht in den meisten Vorgärten, in Form von Zäunen oder Hundezwingern. Vermutlich hilft ein Stück Anping aber auch in Form von Natodraht – auch als Konzertina-Stacheldraht bekannt – US-Präsident Donald Trump in seinem Kampf gegen Migranten. „Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko kommt bestimmt aus Anping“, sagt Wang Song, als er durch die Fabrik führt. Wang ist Anfang 30 und der Sohn des Fabrikbesitzers. Er ist etwas untersetzt und wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. In einer Ecke der Fabrik lagern Hunderte Rollen von Natodraht. Jede ist zwanzig Kilogramm schwer und reicht für zehn bis zwanzig Meter an Zaun. Auf- und hintereinander geschichtet sehen sie ein bisschen aus wie Tunnelröhren auf dem Spielplatz, nur dass die Rollen hier für tödlichen Ernst stehen. „Die gehen in den Libanon“, sagt er: „Wenn es irgendwo militärische Spannungen gibt, schalten wir Werbeanzeigen auf Google“. Video: Sun Yao So wie er es sagt, kommt er weder zynisch noch kalt rüber, sondern fast unpolitisch. Als gehe ihn das so richtig nichts an, wenn jemand sich mit seinem Draht schützt oder sich Menschen an seinem Draht verletzen. Es scheint für ihn einfach Geschäft zu sein. Politische Abstufungen macht der Unternehmersohn keine. „Die ukrainische Regierung hat in diesem Jahr 1000 Tonnen an Natodraht in China bestellt“, sagt er: „500 Tonnen davon bei uns.“ Doch Wang schiebt nach: „Auch die Russen kaufen hier, aber nicht so viel wie die Ukrainer. Mein Vater ist gerade auf einer Messe in Russland, um neue Kunden zu finden.“ Verpackte Stacheldrahtröhren fertig für den Export 1000 Tonnen reichen, grob überschlagen, für bis zu 1000 Kilometer an Stacheldraht. Die Front zu Russland ist mehr als 1000 Kilometer lang. Die Ukraine legt im Hinterland der Grenze gerade weitere Verteidigungslinien an und hat deshalb einen riesigen Bedarf an Stacheldraht und Zäunen, alles Anping-Produkte. Auf die Frage, was die chinesische Regierung, die laut westlichen Regierungen Russland unterstützt, von seinen Lieferungen halte, sagt er nur: „Auf Stacheldraht gibt es keine Exportrestriktionen.“ Zumal der chinesische Staat auch ein guter Kunde ist. Nur rund die Hälfte der Produktion geht in den Export. Der Rest sichert innerhalb Chinas Regierungsgebäude, Kasernen oder Gefängnisse. Stacheldrahttackern im Akkord Die Großaufträge der Ukraine schlagen sich in den chinesischen Zollstatistiken nieder. In den vergangenen beiden Jahren ist der Export von Stacheldraht und Zäunen in die Ukraine in die Höhe geschossen. Dies zeigt eine F.A.Z.-Auswertung der Datenbank des chinesischen Zollamtes. Noch vor zwei Jahren gingen demnach Stachel- und Natodraht für umgerechnet weniger als 100.000 Euro in die Ukraine. Im vergangenen Jahr hatten sich die Lieferungen mehr als verzehnfacht. Und in den ersten zehn Monaten dieses Jahres verzeichnete die Zollbehörde schon Ausfuhren von umgerechnet mehr als 20 Millionen Euro. Nach Russland ging in den vergangenen Jahren jeweils Stacheldraht im Wert von rund 150.000 Euro. In diesem Jahr entfiel laut F.A.Z.-Berechnungen ein Siebtel der Stacheldraht-Ausfuhren Chinas auf die Ukraine. Der Anstieg der Zaunbestellungen der Ukrainer ist noch deutlicher. Im Jahr 2023 kaufte das Land Zäune für 400.00 Euro in China, bis Ende Oktober dieses Jahres waren es schon mehr als 60 Millionen Euro – knapp fünf Prozent der chinesischen Zaunausfuhren. Die Grenzsicherung in der Ukraine treibt die globale Nachfrage nach Stacheldraht und Zäunen also um einige Prozentpunkte in die Höhe, oder anders ausgedrückt: Der Abnutzungskampf im Donbass ist ein Konjunkturprogramm für Anping. Herr Wang ist deshalb bei weitem nicht der einzige Unternehmer aus Anping, der die Ukraine beliefert. Auf einer Messe in Guangzhou in Südchina berichtet eine Verkäuferin an einem Stand: „Wir schicken jeden Monat 30 Container in die Ukraine.“ Zu den Produkten zählen nicht nur Natodraht und Zäune. Sie zeigt auf eine Rolle, die sie mitgebracht hat: „Das ist Anti-Panzer-Draht.“ Das lege man auf dem Boden aus und wenn der Panzer drüberfahre, verhake sich der Draht und der Panzer bleibe stecken. „Kostet 105 Dollar je Netz.“ Ein anderer Unternehmer auf der Messe produziert wiederum die Maschinen, mit denen die Zäune und die Stacheldrähte hergestellt werden. Beim Betreten des Standes fragt er, ob man Russe sei. Er wolle dort sein Geschäft ausbauen, erklärt er: „Nächstes Jahr gehe ich auf eine Messe in Russland.“ Aber er verkaufe seine Maschinen auch in die Ukraine: „Die werden da auch fürs Militär verwendet.“ Er sagt: „Wir sind der größte Hersteller der Welt. Alle kaufen bei uns in Anping, auch Russland und die Ukraine.“ Eine Weltkugel, natürlich aus Draht, thront über Anping.Foto: Sun Yao Es ist eine skurrile Situation. Am Frontverlauf in der Ostukraine sichern Russland und die Ukraine ihre Stellungen und verbarrikadieren sich. Aber beide Seiten schicken ihre Einkäufer in die gleichen Fabriken in Anping, um dort kostengünstig neues Material zu beschaffen. 5800 Renminbi, umgerechnet rund 700 Euro kostet eine Tonne Natodraht, sagt der Unternehmersohn. Kostenpunkt für die 500 Tonnen der Ukraine: 350.000 Euro, Mengenrabatt nicht eingerechnet. So sichern sie Arbeitsplätze in Anping. In der Fabrik von Herrn Wang sind rund 100 Arbeiter angestellt, an einem Dienstag im November sind vielleicht zwei Dutzend im Einsatz. 6000 RMB verdienten die Arbeiter im Monat, sagt Wang. Umgerechnet rund 730 Euro. Es ist ein typisches Gehalt eines Industriearbeiters in China. Ist man in Anping unterwegs, blockieren immer wieder rangierende, mit dutzenden Drahtrollen beladene Lastwagen die Straßen. Das Einzige, was die eine Zaunfabrik von der nächsten trennt, ist ein Zaun. Ganze 16.000 Unternehmen werden der Industrie zugerechnet, das ergibt rein rechnerisch eines je zwanzig Einwohner. „Jede Familie hier ist mit der Industrie verbunden“, sagt Wang Tonton. Wang ist Anfang 30, kommt aus Anping und ist mit Herrn Wang zwar befreundet, aber nicht verwandt. Sie war einige Jahre erst als Flugbegleiterin und dann als Hostess für den Huawei-Konzern in der Welt unterwegs. Als sie den Sohn eines Draht-Fabrikanten geheiratet hat, ist sie nach Anping zurückgekommen. Während sie Tee ausschenkt, zeigt sie auf Fotos. Jeweils rund hundert Anpinger Fabrikanten haben sich darauf aufgestellt wie Fußballteams aus Anlass eines Kaderfotos. „Mein Schwiegervater führt einen Unternehmerverband.“ Wang hilft dem Familiengeschäft unter anderem dadurch, dass sie in den Sozialen Medien Videos aus der Fabrik postet. Zehntausende Chinesen folgen ihr dort, die Aufmerksamkeit bringt Aufträge. Eine Mitarbeiterin hält den F.A.Z.-Besuch per Kamera fest, das Video stellt Wang wenige Tage nach dem Besuch online. „Wir fertigen Netze, die am Hang Geröll sichern“, sagt die Frau, als sie durch die kleine Fabrik führt, in der rund zehn Arbeiter zugange sind. Einer knüpft gerade ein zweimal drei Meter großes Karonetz. Er führt eine kleine Maschine, die an mehreren Kabeln und Seilen hängt und etwa so groß wie ein Getränkekasten ist, und verknotet damit die Drähte. Vier Fünftel der Produkte blieben in China, ein Fünftel gehe in den Export, sagt Frau Wang: In den Nahen Osten, nach Europa oder Südamerika etwa. Ein Arbeiter knüpft Geröllnetze.Foto: Sun Yao Seit vierhundert Jahren würden hier in irgendeiner Form Geflechte hergestellt, sagt sie. Der große Vorteil sei, dass alle Produktionsschritte der Industrie in Anping gebündelt und alle Materialien hier verfügbar seien. Auf die Heimatprovinz Hebei entfällt rund ein Fünftel der chinesischen Stahlproduktion. Hebei alleine stellt rund 50 Prozent mehr Stahl her als die EU insgesamt und rund ein Drittel mehr als Indien, der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt nach China. Viele Länder ächzen unter Chinas Überkapazitäten der Stahlbranche. Die Unternehmer in Anping freuen sich in der Stadt der Zäune über niedrige Preise für die Rohstoffe. Geröllnetze sind viel Handarbeit. Es gibt viele solcher „Welthauptstädte“ in der Volksrepublik: Für Gitarren, für Plastiktrödel, für iPhones, für künstliche Weihnachtsbäume oder für Heißluftfritteusen. Kaum eine Stadt aber ist so sehr eins mit ihrer Industrie wie Anping mit den Stahlgeflechten. Knapp 70 Prozent aller Umsätze von Industrieunternehmen der Stadt entfielen im Jahr 2022 auf die Drahtnetze, wie aus den neuesten zugänglichen Daten der Lokalregierung hervorgeht. 210.000 Menschen arbeiten in der Industrie, mehr als zwei Drittel der Einwohner – Kinder und Rentner einberechnet, heißt es in einem lokalen Museum. Video: Sun Yao So wie Stuttgart Automuseen und Thüringen ein Bratwurstmuseum hat, gibt es in Anping ein Museum für Zäune und Drähte. Dort geht es um die Historie dieser Industrie. Der Aufstieg der Drahtgeflechte wird auch damit erklärt, dass in Anping früher viel Seide gewebt wurde. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts habe man diese durch Stahldrähte ersetzt. Es geht um die Erfolge der Industriepolitik mit Fonds, die neue Unternehmen ansiedeln sollen. Gezeigt werden auch die Anwendungsfelder, vom Vorgarten über Gefängnisse bis hin zum Militär. Es schwingt ähnlich viel Lokalpatriotismus mit wie in Stuttgart oder Thüringen. Ein Raum widmet sich sogar der Drahtkunst. Dort steht eine Figur, die ein eisernes Kettenhemd trägt, als sei sie auf dem Weg in einen Berliner Technoclub. Neben ihr darf ein Bild von Mao Tse-tung nicht fehlen, aus Draht versteht sich. Mitarbeit: Sun Yao Industriestandort Ist die chinesische Arbeitsmoral besser? Digitalstrategie China stellt sich gegen Stablecoins