FAZ 14.12.2025
13:23 Uhr

Chile wählt: Ihre Opfer betonieren sie lebendig ein


Das venezolanische Verbrechersyndikat Tren de Aragua hat eine Brutalität nach Chile gebracht, die dort bislang unbekannt war. Die Menschen haben Angst – vor der Wahl heute ist sie zur Währung geworden.

Chile wählt: Ihre Opfer betonieren sie lebendig ein

Auf dem Parkplatz des Polizei-Hauptquartiers in der nordchilenischen Hafenstadt Iquique haben sich ein paar Lokaljournalisten versammelt und halten dem regionalen Polizeichef ihre Mikrofone entgegen. Vor ihm liegen mehr als 20 Kilogramm Koka-Basispaste säuberlich verpackt auf einem Tisch. Er erklärt, dass die Ware bei einer Fahrzeugkontrolle sichergestellt und zwei Personen festgenommen wurden. In diesem Jahr wurden allein in Iquique und der umliegenden Region Tarapacá rund 3,5 Tonnen Rauschgift sichergestellt. Meist kommen sie aus Bolivien und Peru, wo große Mengen Kokain und Marihuana produziert werden. Den Grenzschmuggel im Norden Chiles gibt es seit Langem. In den vergangenen Jahren haben die Beschlagnahmungen jedoch deutlich zugenommen – und vor allem hat sich die Dynamik der Kriminalität verändert. Am selben Abend rücken die Sicherheitskräfte in Iquique ein weiteres Mal aus: Zwei junge Männer wurden auf offener Straße erschossen. Die Täter, vermutlich Auftragsmörder, lauerten ihren Opfern auf, die wohl selbst Kriminelle waren, und eröffneten das Feuer, als sie das Haus verließen. Die Mordrate hat sich fast verdreifacht Schießereien am helllichten Tag, Auftragsmorde, Zerstückelungen und Erpressungsentführungen kannten die Chilenen bisher nur aus den Nachrichten aus Mexiko, Kolumbien oder Brasilien. Nun spielen sich solche Verbrechen auch in ihrem Land ab. In den beiden nördlichen Regionen Tarapacá und Arica y Parinacota stieg die Mordrate zwischen 2021 und 2023 deutlich an; 2022 war Arica mit 17,5 Tötungsdelikten auf 100.000 Einwohner Chiles „tödlichste“ Stadt. Landesweit hat sich die Mordrate zwischen 2015 und 2022 von 2,3 auf 6,7 fast verdreifacht. Entführungen erreichten 2024 mit 868 Fällen eine historische Höchstmarke. Für großes Aufsehen sorgten in den vergangenen zwei Jahren auch zwei Morde in Santiago, bei denen Polizisten während Fahrzeugkontrollen niedergeschossen wurden. Zwar ist die Mordrate in den letzten beiden Jahren wieder leicht zurückgegangen, 2024 lag sie bei 6,0, und Chile gilt statistisch weiterhin als eines der sichersten Länder der Region. Doch das Angstgefühl der Chilenen hat sich gehalten. Fast zwei Drittel bezeichnen die Kriminalität als ihre größte Sorge, womit Chile weltweit einen der Spitzenplätze belegt. Die Sicherheit ist auch zentrales Thema im Wahlkampf, der am Sonntag in einer Stichwahl zwischen der Kandidatin der Regierungskoalition, Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei, und dem rechtskonservativen Herausforderer José Antonio Kast entschieden wird. Kast, der vor vier Jahren dem heutigen Präsidenten Gabriel Boric unterlag, gilt als klarer Favorit. Er verspricht eine harte Hand gegen das Verbrechen – und verknüpft das Thema mit der zweitgrößten Sorge der Chilenen: der Migration. Der Ausländeranteil Chiles hat sich seit 2017 auf rund neun Prozent verdoppelt. Verantwortlich dafür ist vor allem die Zuwanderung von Venezolanern, deren Zahl auf über 700.000 angestiegen ist. Das sind rund 40 Prozent der ausländischen Bevölkerung. Viele halten sich ohne gültige Papiere im Land auf. Kast verspricht ihre Abschiebung und den Bau eines hohen Grenzzauns. Bei einem seiner Wahlkampfauftritte stand die Mutter eines jungen Lastwagenfahrers mit ihm auf der Bühne, der 2022 bei einem Überfall von einer Brücke gestoßen worden war und starb. Die Täter waren Venezolaner. „Byron Castillo wurde von einer Gruppe illegaler Einwanderer ermordet, die gegen unsere Grenzen und unsere Gesetze verstoßen haben“, sagte Kast. Habseligkeiten venezolanischer Familien angezündet Der Anstieg der venezolanischen Migration und der Gewalt hängen tatsächlich zusammen – allerdings auf eine wesentlich komplexere Weise. Am deutlichsten zeigt sich die Dynamik im Norden Chiles, wo sie sich zuerst bemerkbar machte. Das hat auch geographische Gründe. Denn unmittelbar hinter der Hafenstadt Iquique beginnt die Atacama-Wüste, einer der trockensten Orte der Welt. Durch die Ebene zwischen Meer und Anden führt die Panamericana, die vom äußersten Süden Chiles nach Peru und darüber hinaus verläuft. Hier grenzt Chile an Peru und an Bolivien. Mitten im Niemandsland zweigt eine Straße nach Colchane an der bolivianischen Grenze ab, einem der wichtigsten Grenzübergänge. Unzählige Lastwagen zwängen sich über die Straße, die das Nachbarland mit den Häfen von Iquique und Arica verbindet. Doch die meisten Migranten gelangen auf anderen Wegen nach Chile: auf einer der unzähligen Schmuggelrouten, die durch die Wüste führen. Das Gelände ist kaum zu kontrollieren. Selbst während der Pandemie, als Chile seine Grenzen schloss, kamen täglich Hunderte von Migranten über die Wüste. Viele blieben in Iquique hängen, das rasch an seine Grenzen stieß. Im September 2021 kam es dort zu einem der gravierendsten fremdenfeindlichen Vorfälle in der Geschichte des Landes: Nach einer Demonstration gegen Migration zogen Hunderte Menschen zu einem improvisierten Lager venezolanischer Familien an öffentlichen Plätzen und am Strand und setzten deren Zelte und Habseligkeiten in Brand. Das Gesicht der Kriminalität hat sich gewandelt Kurz danach schoss die Kriminalität in der überschaubaren Stadt zwischen Wüste und Pazifik in die Höhe. Dann stellte sich heraus: Gemeinsam mit den Migranten war auch das venezolanische Ver­brechersyndikat Tren de Aragua nach Chile gelangt. Die einstige Gefängnisbruderschaft ist innerhalb des letzten Jahrzehnts zu einem der brutalsten transnationalen Netzwerke Südamerikas angewachsen. Die Migration von Venezolanern hat sie zum Geschäftsmodell entwickelt: Mitglieder des Tren de Aragua kontrollieren klandestine Grenzübergänge und Menschenschmuggelrouten, zwingen Migranten unter Gewaltandrohung zur Zusammenarbeit, Frauen oft zur Prostitution. Mit den Aktivitäten des Tren de Aragua und seiner Ableger begann sich das Gesicht der Kriminalität in Chile zu wandeln. Die Sicherheitslage habe sich besonders von 2020 an stark verändert, sagt der chilenische Sicherheitsminister Luis Cordero Vega im Gespräch. Eine Kombination aus starker venezolanischer Immi­gration und Pandemieeffekten habe Eintrittspunkte für transnational organisierte Kriminalität geschaffen. Cordero spricht von einem „disruptiven Phänomen“, das sich weniger durch die Quantität als durch die Qualität der Delikte auszeichne, wobei die ersten Opfer die Mi­granten selbst gewesen seien. Zu einem der Hotspots dieser neuen Kriminalität entwickelte sich Arica. Das Städtchen in der nördlichsten Ecke Chiles ist ein beliebtes Ausflugsziel. In der Küstenstadt, die wegen ihrer guten Wellen als Geheimtipp unter Surfern gilt, war es plötzlich die Gewalt, die hohe Wellen schlug. Am Rand der Stadt, in der informellen Armensiedlung Cerro Chuño, die an einem staubigen Steilhang liegt, hatte eine Zelle des Tren de Aragua die Kontrolle übernommen. Bewohner – vorwiegend Migranten aus Venezuela und Kolumbien – wurden vertrieben. Wer sich widersetzte, wurde getötet. 2022 machte Arica mit seinen rund 250.000 Einwohnern einen Sprung an die Spitze der Mordstatistiken. Für Angst sorgte auch die Brutalität der Morde: Bei einer Razzia in Cerro Chuño wurden in sogenannten Folterhäusern die Überreste von vermutlich lebendig einbetonierten Opfern entdeckt. 34 Bandenmitglieder wurden festgenommen. Nach dem Prozess, der aus Sicherheitsgründen virtuell geführt wurde, kam es zu einem Gefängnisaufstand – auch das ein Novum. Die neuen Täter sind kalt und bestens organisiert Gabriel Carrión leitet die öffentliche Strafverteidigung der Region Tarapacá und sagt, die Justiz sei von der Wucht des neuen Phänomens ebenso überrascht worden wie die Polizei. Neu waren laut Carrión vor allem die Täterprofile. „Die chilenische Kriminalität war eine unorganisierte und chaotische Kriminalität“, sagt er. Die heutigen Täter hingegen seien „sehr kalt und indoktriniert“. Jeder kenne seine Rolle und Position innerhalb der Organisation. „Eine solche Logik gab es in Chile nie.“ Sie beschränke sich nicht auf das eigentliche Verbrechen, sagt Carrión, sondern umfasse die gesamte Struktur dahinter. Besonders deutlich werde dies bei den Geldflüssen, die mithilfe von Kryptowährungen verschleiert würden. „Sie drücken einen Knopf, und das Geld springt auf die Bahamas, dann nach Luxemburg und landet schließlich auf einem Konto in Deutschland oder anderswo – und keiner weiß, woher es kam.“ Auch weiter südlich, in einer der am schnellsten gewachsenen informellen Siedlungen von Alto Hospicio, einer Vorstadt von Iquique, verstecken sich Banden. Die Stadt auf der Hochebene, durch die sich der Güterverkehr zwischen Peru, Bolivien und dem Hafen von Iquique bewegt, wird heute von Tausenden Migranten bewohnt. Vielerorts gibt es keine sanitären Einrichtungen, keinen Strom, keine Sicherheit. Ricardo Aceituno, der Regionaldirektor der Zollbehörde in Tarapacá, beschreibt den Norden als „permanente Versuchsanordnung“ des Schmuggels. Jede Route, die der Staat schließe, öffne an anderer Stelle zwei neue. Dieselben Pfade, auf denen Migranten ins Land gelangten, würden für den Schmuggel von Rauschgift und anderen Waren benutzt. „Es gibt keine Codes mehr, mit denen sich Schmuggler entlarven lassen“, sagt Aceituno. Die Organisationen seien anpassungsfähig, setzten auf neue Produkte wie Ketamin oder Zigaretten, die wegen hoher Steuern zu lukrativen Schmuggelwaren geworden seien. Vom Eingangstor im Norden verbreitet sich die Ware ins ganze Land. Auch das Verbrechen hat von Iquique aus seinen Weg in andere Landesteile gefunden. In Santiago, Valparaíso, Concepción und selbst im 3000 Kilometer südlich gelegenen Puerto Montt wurden in den vergangenen Jahren Aktivitäten von Zellen des Tren de Aragua beobachtet. Für José Contreras Hernández, den Chef der Kriminalpolizei in Arica y Parinacota und zuvor in Tarapacá, waren die vergangenen Jahre vor allem ein erzwungener Lernprozess. Man lerne in der Region viel, sagt er, weil hier die neuen Muster des transnationalen Verbrechens zuerst aufgetreten seien. Die Suche nach der Route des Geldes Als Beispiel nennt Contreras die Sprache der venezolanischen Zellen, die sich unzähliger verschlüsselter Formen und Codes bedienten, die niemand in Chile kannte. „Wir haben eine Art Lexikon mit mehr als 1500 Wörtern und 4500 Emojis aufgebaut, die alle eine spezifische Bedeutung haben.“ So sei es gelungen, die Nachrichten zwischen Bandenmitgliedern zu interpretieren. Entscheidend sei jedoch etwas anderes gewesen, sagt der Kriminalist: Alle Ermittlungen würden heute mit der „Suche nach der Route des Geldes“ beginnen. Nur so lasse sich das Gefüge der Organisationen aufbrechen. Denn die Gegenseite agiere ohne administrative Barrieren und damit schneller und beweglicher. Es dauerte eine Weile, bis der Staat Antworten auf das neue Phänomen fand. Polizistenmorde und andere aufsehenerregende Fälle erhöhten den Druck. In den vergangenen Jahren wurden Reformen im Sicherheitsbereich angestoßen, die Ausgaben erhöht und die Armee zum Grenzschutz herangezogen. Auch die Schaffung eines eigenen Ministeriums für öffentliche Sicherheit sollte ein Zeichen setzen. Diese Maßnahmen hätten zu spürbaren Fortschritten im Kampf gegen das organisierte Verbrechen geführt, sagt Cordero und verweist auf die zuletzt gesunkene Mordrate. Parallel dazu sei auch die irreguläre Einwanderung zurückgegangen – ein Faktor, der die Lage an der Nordgrenze entschärft habe. Besonders wichtig sei die Zerschlagung zentraler Strukturen des Tren de Aragua. Cordero weist auf den breiten Konsens in der Sicherheitspolitik hin. Wer glaube, dass alles bei null beginnen müsse, spiele vor allem den kriminellen Organisationen in die Hände. Damit spielt er auf den wahrscheinlichen Regierungswechsel an. Gemeint ist nicht nur die Gefahr institutioneller Brüche, sondern auch die Versuchung, einfache Antworten auf komplexe Phänomene zu geben. Genau das prägt den Wahlkampf, in dem Migration und Kriminalität zu einem aufgeladenen Thema verschmolzen sind. Die Stimmung im Land in Bezug auf diese Themen hat sich weiter verschoben. Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts CADEM sehen heute mehr als zwei Drittel der Chilenen einen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität. Eine andere Umfrage zeigt eine wachsende soziale Distanz der Chilenen zu den Venezolanern. Viele Migranten gehen freiwillig Die mehr als 700.000 Venezolaner im Land sind zur Projektionsfläche der Ängste vieler Chilenen geworden – und Politiker wie Kast wissen das mit Versprechungen von Grenzzäunen und Massenabschiebungen zu nutzen. Viele Venezolaner sind im ­Ungewissen über ihre Zukunft in Chile. Andere wollen es erst gar nicht darauf ankommen lassen. An einem Kontrollposten auf dem Weg von Iquique nach Arica sitzt eine Gruppe von rund 30 Menschen am Straßenrand, unter ihnen mehrere Kinder. Die meisten sind Venezolaner, einige Ecuadorianer, die mit einem Bus von der chilenischen Hauptstadt Santiago nach Arica unterwegs waren, um von dort nach Peru und weiter in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Die Behörden haben sie gestoppt, bevor sie die Grenze zu Peru erreichen konnten. Das Nachbarland hat erklärt, keine Migranten ohne gültige Papiere passieren zu lassen. Immer mehr Menschen weichen deshalb über den beschwerlichen Weg über Bolivien aus. Viele in der Gruppe am Kontrollposten leben seit Jahren ohne Aufenthaltsstatus in Chile, haben Arbeit gefunden und sich ein bescheidenes Leben aufgebaut. Nun haben sie ihre Zelte in Santiago abgebrochen und wollen Chile verlassen. Eine der Rückkehrerinnen ist Rixi Fernández. Sie hat vier Kinder und lebt seit drei Jahren in Chile. Viele Venezolaner seien in den vergangenen Wochen gegangen, auch aus Angst vor härteren Maßnahmen, sagt sie. Die Stimmung habe sich gegen die Venezolaner gewandt. „In jedem Land gibt es Leute, die Schlechtes im Sinn haben“, sagt sie. „Wir zahlen nun den Preis dafür.“