FAZ 29.05.2026
08:30 Uhr

Chemieindustrie: Nur die Großen profitieren vom Krieg


Atempause für die Chemieindustrie: Die Nachfrage steigt, weil China kriegsbedingt nicht liefern kann. Davon profitieren aber nur wenige Großunternehmen, sagt der Branchenverband VCI. Eine Wende sei das nicht.

Chemieindustrie: Nur die Großen profitieren vom Krieg

Profitiert die deutsche Chemieindustrie indirekt vom Krieg am Golf? Die Antwort des Branchenverbandes VCI auf diese Frage lautet: Ja, aber. Der „brutale Wettbewerbsdruck“ aus Asien lasse zurzeit tatsächlich etwas nach, weil China durch ausbleibende Rohstofflieferungen vom Golf ausgebremst werde. „Das verschafft Teilen der Industrie eine kurze Atempause“, sagt VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Eine Trendwende aber sei nicht in Sicht. Zudem profitieren nach seinen Worten vor allem global aufgestellte Konzerne von der zeitweisen Schwäche der Asiaten. Fast 80 Prozent der überwiegend mittelständischen Unternehmen der deutschen Chemie- und Pharmabranche bewerteten die Kriegsfolgen hingegen schon heute als negativ oder stark negativ. „Lassen Sie sich nicht von Schlagzeilen über Auftragsrekorde blenden, wir gehen fest davon aus, dass das Schwierigste noch vor uns liegt“, sagte der Interessenvertreter der Chemie bei der Vorstellung der Quartalsbilanz. Kunden ziehen Bestellungen vor Weil die geschlossene Meerenge von Hormus vor allem Lieferungen nach Asien bedroht, bekommt die deutsche Chemieindustrie mehr Aufträge. Diese Sichtweise verfestigte sich nicht zuletzt, weil etliche Großunternehmen in den vergangenen Wochen von überraschend starker Nachfrage berichteten. Der Spezialchemiekonzern Wacker begründete steigende Auftragseingänge konkret damit, dass Kunden wegen des Kriegs ihre Bestellungen vorgezogen hätten. „Unsere Lieferfähigkeit ist derzeit ein bedeutender Wettbewerbsvorteil“, befand Matthias Zachert, Chef des Kölner Spezialchemiekonzerns Lanxess. Selbst der Covestro-Vorstandsvorsitzende Markus Steilemann, zugleich Präsident des VCI, sagte im Interview mit der F.A.Z. jüngst: „Wir haben aktuell auf breiter Front Möglichkeiten, von verringerten Verfügbarkeiten zu profitieren, sowohl bei der Rohstoffversorgung als auch bei Fertigprodukten, die wir vertreiben.“ Was in den Auftragsbüchern lande, sei allerdings nicht Ausdruck von Stärke, sondern von neuer Unsicherheit, entgegnete Große Entrup. Er spricht von „geopolitischem Hamstern“, einem „panischen Zwischenhoch“, von dem Teile der Chemieindustrie kurzfristig profitierten. Die Sorge vor steigenden Preisen und Problemen in der Lieferkette dürfte nach Einschätzung des VCI zu Vorsichtsbestellungen und Lageraufbau geführt haben. Das Gros der Unternehmen habe davon aber nicht profitiert und besitze auch nicht die Stimme, das zu kommunizieren. Lieferengpässe nehmen zu Tatsächlich berichtet nach einer Verbandsumfrage rund die Hälfte der Firmen bereits von Lieferengpässen. Demnach drohen viele unterschiedliche Einsatzstoffe knapp zu werden: Lösemittel, Kunststoffe, Harze, Bindemittel, Additive, bis hin zu petrochemischen Grundstoffen wie Ethylen, Methanol und Schwefelsäure. In Reaktion auf die Knappheit hätten bereits 82 Prozent der Unternehmen ihre Preise erhöht. Dies sei der zentrale Hebel, um der Krise zu begegnen. Je länger der Krieg dauere, desto schwieriger werde es aber, die Preise weiter zu erhöhen. Sollte sich der Konflikt lösen und Schiffe wieder durch die Straßen von Hormus fahren, könnte sich die Lage normalisieren. Dieser Prozess dürfte sich nach Darstellung des VCI jedoch „mehrere Monate hinziehen“, bei stark zerstörten Anlagen sogar Jahre. Produktion unter Vorkrisenniveau So kurzfristig und begrenzt der Aufschwung aktuell sein mag, in der Quartalsbilanz der Branche hat er Spuren hinterlassen. Seit Jahresanfang konnten die in Deutschland produzierenden Chemieunternehmen (ohne Pharma) Umsatz und Produktion um je zwei Prozent überraschend steigern. Für Große Entrup ist das dennoch kein Zeichen der Entwarnung. Er verwies darauf, dass im Jahresvergleich alle relevanten Kenngrößen weiter deutlich gefallen seien: Die Produktion von Chemie und Pharma um sechs Prozent unter das Vorjahresniveau, der Umsatz um 5,4 Prozent. Die Auslastung der Anlagen sei zwar im Durchschnitt auf gut 75 Prozent leicht gestiegen, das reiche aber für viele Unternehmen noch immer nicht aus, um profitabel zu arbeiten. Zentrales Problem bleibt nach seinen Worten der Auftragsmangel. Weil die Chemieindustrie am Anfang vieler Wertschöpfungsketten der Industrie stehe, sei das auch kein Zeichen für einen Aufschwung in den nachfolgenden Branchen. Die Auftragseingänge lägen noch immer 20 Prozent unter denen des letzten Vorkrisenjahres 2021. Eine Jahresprognose gab der VCI mit Verweis auf unsichere Lage nicht ab. Der Verband geht aber nicht von einer Trendwende aus. Im Zwischenbericht schreibt er, in den nächsten Monaten dürften Aufträge wegbrechen: Zum einen laufe der Lagereffekte aus. Zum anderen werde der Energiepreisschock der gesamten Konjunktur einen Dämpfer versetzen. Tatsächlich haben die „Wirtschaftsweisen“ ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr mit Verweis auf den Krieg gerade auf ein halbes Prozent gesenkt. Sollte das eintreffen, würde nach Einschätzung des VCI die Industrieproduktion schrumpfen und mit ihr die inländische Nachfrage nach Chemikalien. Am nächsten Montag treffen sich die Branchenvertreter zu einer weiteren Chemieagenda mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Umweltminister Carsten Schneider (SPD) in Berlin. Die Forderungen liegen seit Monaten auf dem Tisch: den europäischen Emissionshandel bremsen, neue Regulierungen stoppen, Bürokratie abbauen, Energiepreise senken. Die Bundesregierung habe in Brüssel immerhin den Industriestrompreis durchgesetzt, auch wenn nur zehn Prozent der Unternehmen damit entlastet würden. Und ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es keine Neuerung der europäischen Chemikalienordnung Reach brauche. Das reiche aber nicht.