FAZ 04.12.2025
15:17 Uhr

Chefin der LInken: Das bewundert die AfD an Heidi Reichinnek


Die AfD beneidet Heidi Reichinnek für ihren erfolgreichen Wahlkampf in den sozialen Netzwerken. Jetzt sollen die eigenen Abgeordneten von der Linken-Chefin lernen.

Chefin der LInken: Das bewundert die AfD an Heidi Reichinnek

Die AfD steht nicht im Ruf, die Linken-Chefin Heidi Reichinnek zu bewundern. Im Gegenteil, AfD-Politiker attackieren sie regelmäßig. Aber hinter den Kulissen arbeiten sie daran, mehr wie Reichinnek zu werden. Jedenfalls, was ihren Auftritt in den sozialen Netzwerken betrifft. Das geht aus einer internen Untersuchung der Abteilung Analyse der AfD-Fraktion hervor, die der F.A.Z. in Auszügen vorliegt. Die Präsentation enthält auch Handlungsempfehlungen für die AfD-Abgeordneten. Die 25-seitige Analyse wurde unter der Leitung des Parlamentarischen Geschäftsführers Peter Felser erstellt. Er verantwortet seit dem Frühjahr die Umfeldanalyse der Fraktion. Das Pa­pier beschreibt die Social-Media-Ak­tivitäten der Linken um Reichinnek als Schlüssel zu deren Erfolg bei der letzten Bundestagswahl. Den hatte die Linke sich etwas kosten lassen: 700.000 Euro investierte sie eigenen Angaben zufolge in die Social-Media-Kommunikation; beauftragt wurde die Agentur „Berliner Botschaft“. Die AfD-Fraktion versucht nun, zu verstehen, was man von deren Arbeit lernen kann. So analysiert sie, die Linke habe sich nicht nur personell erneuert, sondern auch inhaltlich: Es gehe weniger um Identitätspolitik und mehr um Alltagssorgen der Bürger. Außerdem sei es Reichinnek gelungen, eine Leerstelle in den sozialen Netzwerken zu füllen, nämlich die der progressiven Politikerin, die sich „einer – mindestens gefühlten – rechten und teils männlichen Deutungshoheit in den Sozialen Medien“ entgegenstelle. Konkurrenz um die ärmeren Schichten Grafiken zeigen, wie die Linke die AfD in den Wochen vor der Bundestagswahl auf Tiktok und Instagram überflügelte, sowohl was die Zahl der Postings angeht, als auch bei Followerzahlen und Interaktionen. Der Fokus der Linken auf die „Brandmauer“ habe zur Verfestigung der Lager beigetragen. Das stört die AfD-Fraktion, weil sie mit der Linken um Wähler aus ärmeren Schichten konkurrieren will. „Für die AfD-Bundestagsfraktion erwächst daraus die Notwendigkeit, ihre Kommunikationsstrategie zukunfts­fähig auszurichten“, schlussfolgert die Analyse. Dazu gehören ein „verständlicher und zugleich emotionalisierter Kommunikationsstil sowie die konsequente, kreative Nutzung sozialer Medien“. Das bedeute, dass die AfD ihren Auftritt in den Netzwerken stärker als bisher an die Lebenswelt der Zielgruppen anpassen müsse. Sodann folgt ein Fünf-Punkte-Plan, der die AfD-Abgeordneten erfolgreicher in den sozialen Netzwerken machen soll: Sie sollen authentisch wirken, also „nicht immer wie ein klassischer Politiker auftreten“, sondern Alltagsszenen zeigen, etwa auf dem Weg ins Büro oder beim Lesen von Zuschriften. Ihre Sätze sollen sie kurz und prägnant formulieren. Einblicke in Persönliches, etwa Lektüre oder Sport, sollen Vertrauen schaffen. Und schließlich sollen die Politiker auch ihre Community besser pflegen: einerseits dadurch, dass sie auf aktuelle Ereignisse schneller reagierten, zum Beispiel mit Kurz- oder Erklärvideos („3 Punkte zur aktuellen Debatte“), andererseits durch aktive Moderation und Aufrufe an die Zuschauer, sich selbst einzubringen. „Mo­derator statt nur Meinungsträger sein“, heißt es da. Die AfD sieht schon Fortschritte Die Kommunikation der Linken sieht die Analyseabteilung als „Best Practice“; sie soll die „Professiona­lisierung“ der Fraktion vorantreiben. Nach einigen Monaten – die Präsen­tation datiert auf Juli – sieht der Abgeordnete Felser schon Fortschritte. Er nehme wahr, dass eine größere Bandbreite von Kanälen bespielt werde, sagte er der F.A.Z. am Donnerstag. „Gerade der Einsatz von TikTok-Videos hat klar zugenommen.“ Eine „knackige Überschrift auf Facebook“ sei eben „oft nur die zweit­beste Wahl“. Nutzer per Video anzu­sprechen, baue mehr Nähe auf. Komplexe Themen ließen sich umgangssprachlich besser auf den Punkt bringen. Auch Felser selbst will etwas aus der Analyse gelernt haben. Für ihn habe sich bestätigt, wie wichtig die eigene Wiedererkennbarkeit sei. „Dafür muss ich nicht auf Teufel komm raus witzig sein“, sagte er. Das wirke schnell peinlich. Er versuche nun, besser zu erklären, mit kürzeren Sätzen und griffigeren Sprachbildern. Er setze auch noch stärker auf Künst­liche Intelligenz. „Beispielsweise verwende ich eine KI-generierte Stimme für einen lebendigen Dialog, um Zusammenhänge besser zu veranschaulichen.“ Auch seine Präsentation zu Reichinnek formulierte er nach eigenen Angaben teilweise mit der Hilfe von KI.