Marie ist Anglistikprofessorin in Paris und glücklich verheiratet, den Sommer verbringt sie mit ihrem Mann am Atlantik. Eines Tages schläft sie am Strand in der Sonne ein, während er ins Meer geht. Er kehrt nicht zurück. Aber seine Leiche wird wochenlang nicht gefunden, sodass sie sich an den Gedanken klammert, er sei am Leben; sie träumt und phantasiert von ihm, beim Essen, im Bett. Als schließlich doch ein Leichnam auftaucht, ist er durch Verwesung entstellt. Nein, sagt sie, das ist nicht Jean, und läuft zum Strand, wo er ihr von fern entgegenkommt. „Unter dem Sand“ heißt François Ozons Film aus dem Jahr 2000, der Charlotte Rampling vor dem Abstieg in die Nebenrollenliga bewahrt hat. Zuvor hatte sie acht Jahre lang nur Mütter, Gouvernanten und adlige Erbtanten gespielt, ihr letzter großer Part war die „Verlassene Frau“ in Edouard Molinaros Balzac-Verfilmung von 1992 gewesen. Jetzt aber holte sie Ozon ins Kino zurück, nicht als Witwe, sondern als Liebende. „Unter dem Sand“ erzählt die Geschichte einer Leidenschaft vom Tode her, er erweckt den Vermissten durch Ramplings Blick. Der Film ist groß, weil sie ihn groß macht. Ihre Mimik vergisst man nicht Seither hat Charlotte Rampling noch dreimal mit Ozon gedreht, zuletzt in „Alles ist gut gegangen“, und in jedem dieser Filme hat sie einen großen Auftritt. Am allergrößten aber ist sie in „Swimming Pool“, wo sie eine englische Krimischriftstellerin in einem Ferienhaus in Südfrankreich verkörpert – ein augenzwinkerndes Spiel mit ihrer eigenen Außenseiterposition im französischen Kino. Bevor sie wieder abreist, verführt sie den Gärtner, indem sie sich auf dem Balkon ihres Zimmers vor ihm entblößt. Ihre Mimik dabei, herausfordernd, verletzlich, sehnsüchtig und selbstgewiss, gehört zu den Momenten im Kino, die man nicht vergisst. Die Begegnung mit Ozon war die zweite entscheidende Wendung im Leben der Schauspielerin Charlotte Rampling. Die erste kam 1968, als sie für Luchino Visconti vor die Kamera trat, um, erst zweiundzwanzigjährig, die Rolle einer Mutter von zwei Kindern in „Die Verdammten“ zu spielen. Schon vorher war sie eins der ikonischen Gesichter der Swinging Sixties gewesen, als Fotomodell und in Filmen von Richard Lester („Der gewisse Kniff“) und Ken Annakin („Der Kampf“), aber durch Visconti wurde sie zum Star. Es folgte jenes Quintett exzentrischer Kinofiktionen, das so nur in den Siebzigerjahren möglich war: John Boormans Science-Fiction-Phantasie „Zardoz“, Liliana Cavanis „Nachtportier“, die Chandler-Adaption „Fahr zur Hölle, Liebling“, Patrice Chéreaus Kinodebüt „Das Fleisch der Orchidee“ und schließlich Woody Allens „Stardust Memories“. In jedem dieser Filme spielte Rampling auf unvergleichliche Weise mit dem Kamerablick und den Erwartungen des Zuschauers, und wenn man den „Nachtportier“ heute wiedersieht, fragt man sich, wie es ihr je gelingen konnte, die Love Story zwischen einer KZ-Insassin und ihrem Beschützer von der SS, die sich nach dem Krieg wieder begegnen und ihre sadomasochistische Beziehung wieder aufleben lassen, glaubwürdig zu machen. Aber sie hat es geschafft. Charlotte Rampling, Tochter einer Malerin und eines britischen Artillerieoffiziers und Olympia-Athleten, hat lange Jahre unter dem frühen Tod ihrer Schwester Sarah gelitten, die sich 1967 mit 23 Jahren das Leben nahm. Das Trauma, über das sie selten sprach, mag hinter ihrer oft eingestandenen Sehnsucht gestanden haben, in ihren Rollen immer neue Grenzen zu überschreiten, sich bis an den Punkt zu entäußern, vor dem andere zurückschrecken. Aber am Ende ist Schauspielerei, wie jede Kunst, auch ein Stück Magie. In Nagisa Oshimas Film „Max, mon amour“ von 1986 öffnet ein eifersüchtiger Engländer die Zimmertür, hinter der er seine untreue Ehefrau vermutet. Es ist Charlotte Rampling. Sie liegt mit einem Schimpansen im Bett. Sie verzieht keine Miene. Als der Gatte die Fassung verliert, nimmt sie das verängstigte Tier zärtlich in den Arm. Um eine solche Szene zu spielen, braucht man keine Verstellung, sondern Ausstrahlung. Charlotte Rampling besitzt sie in außergewöhnlichem Maß. Heute wird sie achtzig.
