FAZ 02.02.2026
10:49 Uhr

Chance für die Stadt: Warum Frankfurt über Olympia nachdenken sollte


Vier Metropolen drängen ins Olympia-Rennen – Frankfurt hält sich zurück und könnte gerade deshalb punkten. Denn Olympia taugt nicht als Wohlfühlprojekt, sondern als Stresstest für die resiliente Stadt.

Chance für die Stadt: Warum Frankfurt über Olympia nachdenken sollte

München sonnt sich im satten Zuspruch der Bevölkerung beim Olympia-Referendum vor vier Monaten. Berlin startet nach Stromausfall, Tennismatch und Unterschriftensammlung jetzt den Endspurt. Die Kaufmannsstadt Hamburg diskutiert die Finanzierung. Und Köln-Rhein-Ruhr beleuchtet zum Kampagnenstart im Januar zentrale Gebäude. Die vier größten deutschen Städte – Köln mit 17 weiteren Kommunen im Schlepptau – rangeln um Olympische und Paralympische Sommerspiele, genauer gesagt: um die Möglichkeit, als deutscher Bewerber unter Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in den internationalen Wettkampf für die Jahre 2036, 2040 oder 2044 zu ziehen. Und Frankfurt? Hält sich vornehm zurück. Vom Bewerbungseifer vor rund 40 (für 2000) beziehungsweise 25 (für 2012) Jahren ist nichts übrig geblieben. Oder doch: Die Umwandlung von Westhafen und Schlachthofgelände am Mainufer in Wohngebiete war Teil der Olympia-Planung Anfang der Neunzigerjahre unter Planungsdezernent Martin Wentz (SPD). Frankfurt weiß, dass eine weitsichtige Bewerbung ein Nutzen an sich sein kann. Die „Weltstadt im Westentaschenformat“ (Oberbürgermeister Mike Josef, SPD) weiß aber auch, dass mehr als zehn Millionen Gäste innerhalb von 16 Tagen wie bei den Sommerspielen Paris 2024 hier nur schwer zu bewältigen sind. Zudem erscheinen gegenwärtig andere Prioritäten wichtiger. Wo könnte allein schon ein neues Leichtathletikstadion – und sei es auch nur temporär – geplant werden, wenn sich schon für die Europäische Schule und den benötigten Wohnungsbau keine Flächen finden lassen? Olympia als Stresstest für die resiliente Stadt Doch was ist mit dem Schwung, der Katalysatorwirkung, die ein olympischer Blick auf die Stadtentwicklung entfalten kann? Fast könnte man neidisch werden angesichts der teils euphorischen Verlautbarungen aus den Rathäusern der vier deutschen Bewerbungskandidaten sowie der jeweiligen Landesregierungen. Es klingt, als sei die Vergabe an Deutschland schon beschlossen, alles weitere nach der nationalen Auswahl nur noch ein Spaziergang auf internationaler Ebene und auf jeden Fall ein Gewinn. Ja, für die Politik ist es ein – in diesen Zeiten seltenes – Wohlfühlthema. Vor allem, da sowieso kaum jemand einen Durchmarsch schon für 2036 erwartet und bis zum möglichen Erfolg oder Misserfolg im Zeitraum weit nach 2030 für 2040/2044 von den jetzigen Amtsinhabern in Städten, Ländern und im Bund die meisten nicht mehr im Amt sein werden. Anstelle einer vordergründigen Show hat Realpolitik à la Frankfurt also durchaus Vorteile und lässt sich zugleich mit den olympischen Ambitionen anderswo verbinden. Der DOSB nennt die Sanierung von Sportstätten, mehr Chancen im Medaillenspiegel und eine verbesserte gesellschaftliche Stellung des Sports als wesentliche Motive für seine Bewerbung. Das reicht für die von ihm im September 2026 zu wählende Bewerberstadt aber nicht aus. Diese wird sich vor allem dadurch definieren müssen, wie sie sich in den kommenden 14 beziehungsweise 18 Jahren entwickeln will, um für die Zukunft bestehen und nebenbei noch eine Großveranstaltung wie Olympische Spiele organisieren zu können. Und das vor dem Hintergrund von Klimawandelfolgen, geopolitischen Herausforderungen, Digitalisierung, fehlendem Wohnraum, demographischer Veränderungen einschließlich Fachkräftemangel sowie weiterem bundesdeutschen Reformbedarf bei Pflege, Rente, Bildung, Wehrfähigkeit und Infrastruktur-Sanierungsstau. Ein solcher Prozess verlangt eine klare Vorstellung von einer resilienten, urbanen Stadt für die Mitte des Jahrhunderts. Das ist eine Aufgabe, vor der alle Kommunen stehen. Es ist eine Aufgabe für das ganze Land. Frankfurt als Impulsgeber Deshalb darf die deutsche Bewerberstadt am Ende nicht alleingelassen werden, womöglich mit den drei unterlegenen Städten und den dazugehörigen Bundesländern im Schmollwinkel. Im Gegenteil – die Olympiabewerbung gelingt nur als bundesweites Projekt und muss, in welcher Region der Republik auch immer, Signal für den Aufbruch zu neuen Formen des städtischen (Zusammen-)Lebens sein. Nur so wird die Bewerbung auch international Beachtung finden. Die nationale Chance zu erkennen und sich engagiert einzubringen, steht dem experimentierfreudigen Frankfurt gut zu Gesicht. Da ist zum einen die Debatte innerhalb des Sports selbst, der dringend auf Impulse von außen angewiesen ist. Die olympische Idee wartet darauf, in Deutschland zeitgemäß interpretiert, umgesetzt und den Menschen im Land vermittelt zu werden. Als Sitz des DOSB und weiterer wichtiger Sportorganisationen kann Frankfurt mit seiner intellektuellen, demokratischen Tradition vom Paulskirchen-Parlament über die Frankfurter Schule bis zur Achtundsechzigerbewegung als internationales Bankenzentrum und kulturelles Schwergewicht eine Plattform für Beiträge zur gesellschaftlichen Verankerung des Sports bieten. Dabei geht es auch um die mit internationalen Wettbewerben verbundenen Emotionen und Begegnungsmöglichkeiten über alle Grenzen hinweg als Teil der Hoffnungserzählung Olympischer Spiele. Vom Turnier zur Transformation Darüber hinaus ermöglichen Frankfurts eigene Zukunftsprojekte, innovative Ansätze und Ideen auszuprobieren und übergreifend für Olympia nutzbar zu machen: Die WEURO 2029 – Fußballeuropameisterschaft der Frauen – stützt sich nicht nur auf Frankfurts Tradition im Frauenfußball, sondern kann fünf Jahre nach der EURO 2024 die Erfahrungen beim Männerturnier für weitere Fortschritte einer nachhaltigen Organisation hin zur Klimaneutralität, Schutz vor Klimafolgen und umfassender Achtung der Menschenrechte nutzen. Sich dabei, im Verbund mit den anderen Ausrichterstädten, zu bewähren, wäre ein Meilenstein, um die eigene Bevölkerung und Entscheidungsträger im internationalen Sport davon zu überzeugen, was Deutschland mit solch einem Event bewirken kann. Für den Anfang des nächsten Jahrzehnts hat die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) den Deutschen Evangelischen Kirchentag eingeladen. Bislang ist keine Entscheidung gefallen, doch eignet sich auch diese Veranstaltung, um neue Formen des Event-Managements zu erproben. Und dann gibt es noch Überlegungen, mit einem ganz neuen Konzept die Bundesgartenschau 2040 nach Frankfurt zu holen. „Entsiegelung, Dachgärten, Fassadenbegrünung“ verspricht sich Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Die Grünen) davon, und Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) sieht „die Chance, zentrale Zukunftsprojekte der Stadtentwicklung miteinander zu verknüpfen“. Olympia im Kleinen, im Westentaschenformat sozusagen: realistisch und mit dem Potential, Frankfurter Ideen einer resilienten, lebenswerten Stadt zur Olympiabewerbung beizusteuern – oder auch umgekehrt für Olympia entwickelte Ideen hier aufzugreifen. Kurzfristig aber ist es das Projektjahr World Design Capital Frankfurt 2026 (WDC 2026), das großes „olympisches Potential“ hat. Die Sommerspiele München 1972 waren nicht nur architektonisch, sondern auch kulturell und beim Design ein großer Schritt in die Zukunft. Ein „Labor für die Gestaltung der Demokratie“, wie es bei der Vorstellung der Planungen für die WDC 2026 beschworen wurde, fehlt der Olympiabewerbung bislang. Der DOSB hat zwar Unterstützung aus Wirtschaft und Politik gefunden, die Einbindung der Zivilgesellschaft, von Kirchen, Gewerkschaften, Kultur-, Sozial- und Umweltorganisationen, um nur einige zu nennen, ist bislang zumindest unterbelichtet. Noch ist es nicht zu spät, auch Design und Zukunftsbedeutung der Olympiabewerbung bei der WDC 2026 in Frankfurt, direkt vor der Haustür des DOSB, zu diskutieren. „Die Bewegung, die Deutschland jetzt braucht!“ heißt der Slogan des DOSB – Frankfurt kann und muss aktiver Teil dieser Bewegung sein, auch zum eigenen Nutzen. Und wer weiß, vielleicht finden dann 2040 oder 2044 Vorrundenspiele des Olympischen Fußballturniers der Frauen im Waldstadion statt.